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Sonntag, 20. Januar 2019

Start-up-Portrait

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Von Simone Fasse | 1. April 2016 | Ausgabe 13

Mit der Entwicklung von neuen Produkten und Prototypen helfen die Gründer der Motius GmbH Konzernen und Mittelständlern dabei, im technologischen Wandel Schritt zu halten. Ihr wichtigstes Asset: ein Talentpool von rund 550 jungen Ingenieuren, Doktoranden und Studenten.

BU Motius
Foto: Motius

Das Managementteam der Motius GmbH: CTO Philipp Dörner, CEO Zièd Bahrouni, CFO Daniel Weiss, Personalchef Sören Gunia und Geschäftsfeldentwickler Michael Sauer (v. l.).

Im Garchinger Technologie- und Gründerzentrum „Gate“ ist das Start-up Motius längst bekannt. Denn seit dem Einzug im Jahr 2014 fragen die fünf Jungunternehmer in immer kürzeren Abständen nach weiteren Räumen. „Seit einem Jahr starten wir richtig durch – mehr Fläche, mehr Mitarbeiter, und vor allem mehr Projekte“, berichtet Wirtschaftsingenieur Michael Sauer, der unter anderem für die Geschäftsfeldentwicklung verantwortlich ist.

Mit seinem Businessmodell scheint Motius einen Nerv bei zahlreichen Firmen getroffen zu haben. Das Start-up setzt für seine Auftraggeber flexibel und schnell neue Produkte und Prototypen um. Die Besonderheit: Motius greift für die Arbeit auf einen Talentpool aus rund 550 Studenten, Doktoranden und jungen Ingenieuren rund um die Technische Universität München zu, den die fünf Gründer selbst aufgebaut haben.

 Die Mitglieder des Pools beherrschen die verschiedensten Disziplinen, von Maschinenbau über Leichtbau bis hin zur Visualisierung. Je nach Projektanforderung wird ein neues Team zusammengestellt, das in nur wenigen Monaten und in enger Abstimmung mit den F&E-Abteilungen der Kunden einen Prototypen an den Start bringt. Viele Projekte erfordern dabei übergreifende Kenntnisse aus Maschinenbau, Informatik und Elektrotechnik.

„Unsere Kernkompetenz sehen wir darin, mit dem Blick von außen neue Ideen, Ansätze und Konzepte flexibel zu entwickeln und dabei neueste Technologien einzusetzen“, erklärt Sauer. „Durch verschiedene Kooperationen mit akademischen und industriellen Partnern können wir mit modernsten Technologien auch physische Prototypen und Produkte herstellen“, so der 25-Jährige. „Zu unseren Partnern zählen etwa verschiedene Lehrstühle der TU München und die Prototypenwerkstatt MakerSpace, durch die wir Zugriff auf Ressourcen wie 3-D-Drucker und Lasersinteranlagen haben.“ 14 feste Mitarbeiter und 51 aktive Projektkräfte sind derzeit für Motius tätig, Tendenz steigend.

Viele Unternehmen stehen im digitalen Wandel unter einem hohen Druck, flexibel auf neue Anforderungen im Markt zu reagieren. Branchenfremde Angreifer bedrohen etablierte Geschäftsmodelle, Innovationszyklen werden immer kürzer. Häufig können die lang gewachsenen internen Prozesse und Strukturen da nicht mithalten. „Selbst große Unternehmen können das Problem kaum stemmen“, so Sauer. Neue Impulse suchen Konzerne deshalb häufig durch den Zukauf von Start-ups oder den Aufbau eigener Inkubatoren.

Motius will hier eine Alternative bieten. „Unser Geschäftsmodell ist eine Win-Win-Situation – unsere Kunden bekommen mit den jungen Talenten modernstes Know-how, denn sie nutzen ganz selbstverständlich die neuesten Apps, Services und Tools. Den Studenten im Talentpool bieten wir praktisches Forschungs-Know-how und die Chance, ein Projekt von Anfang bis Ende zu begleiten, Verantwortung zu übernehmen und Kontakte in die Wirtschaft zu knüpfen. Außerdem bekommen sie bei uns einen Job, der zu ihrem Studium passt, und in dem sie sich die Zeit gut einteilen können.“

Mit der Idee konnten die fünf Gründer Zièd Bahrouni (26), Philipp Dörner (28), Hendrik Schriefer (24), Daniel Weiss (22) und Michael Sauer schon viele Konzerne und Mittelständler überzeugen. „Wir arbeiten aber auch für andere Start-ups und sogar für Privatpersonen, die ihre Ideen umsetzen wollen“, sagt Sauer.

Das ausschließlich mit eigenem Geld finanzierte Start-up schreibt mit einem siebenstelligen Umsatz nach eigenen Angaben bereits schwarze Zahlen. „Wir leben von unseren Projekten und sind ohne externes Kapital profitabel“, sagt Weiss, der bei Motius für die Finanzen verantwortlich ist.

Im Universitätsprogramm „Manage & More“, einer Initiative des Zentrum für Innovation und Gründung an der TUMünchen (UnternehmerTUM), fanden die fünf Studenten und Doktoranden aus den Bereichen Maschinenbau, Informatik und Elektrotechnik zusammen. Motius gründeten sie 2013. Bahrouni stammt aus dem Oman und erfuhr dort vom Bedarf an deutschen Ingenieurdienstleistungen. Er sah studentische Projektteams als Lösung und überlegte mit seinen Kommilitonen, ob dieses Modell nicht auch hierzulande erfolgreich sein könnte – die Geschäftsidee war geboren.

Der Bedarf zeigte sich nicht nur in der Golfregion, sondern auch rasch in der bayerischen Metropole, in der Technologie- und Softwaretalente heiß begehrt und Innovationen wichtiger denn je sind. So entwickelte Motius zusammen mit BMW eine Gestensteuerung für neue Fahrzeuggenerationen. Für BSH (Bosch Siemens Hausgeräte) brachte Motius Hard- und Software-Prototypen an den Start, um Hausgeräte des Herstellers mit einem zentralen Cloud-Service zu verbinden. Auch ein interaktiver Gebetsteppich, der das Erlernen muslimischer Gebete einfacher machen soll, gehört zum Portfolio von Motius.

Allerdings: Ist ein Prototyp gebaut und an den Kunden ausgeliefert, ist für die Gründer das Projekt beendet. Denn das Geschäftsmodell des Start-up basiert auf Festpreisen, festgelegt in agilen Werkverträgen: Zahlungen werden immer dann fällig, wenn das Team vorab vereinbarte Meilensteine erreicht hat.

Beim Treffen mit den Gründern in Garching wird schnell klar, dass hier die „Generation Y“ spricht. Haben die Münchner keine Angst, dass ihre Geschäftsidee nachgeahmt werden könnte? „Unser Modell zu kopieren ist nicht so leicht – wir haben einen guten Draht zu den Studenten, haben funktionierende Plattformen und Prozesse sowie eine gewachsene Kultur“, sagt Sauer selbstbewusst. „Zu einem Start-up gehört mehr, als nur Geld hinein zu stecken“, ergänzt Finanzexperte Weiss.

Die jungen Gründer brennen für ihre Sache, bleiben aber weiter entspannt. „Unser Konkurrenzdenken ist nicht sehr stark, wir sind eher offen für Kooperationen“, sagt Sauer. Auch an Expansion denken die Unternehmer, beispielsweise Richtung Karlsruhe oder Stuttgart.

In seinem Umfeld erlebt Sauer derzeit ein Umdenken bei den Studenten und Doktoranden. „Früher wollten die meisten Uni-Absolventen Karriere in einem großen Konzern mit einer bekannten Marke machen. Heute wollen viele Abgänger nicht mehr diesen Standardweg gehen, sondern lieber etwas Eigenes auf die Beine stellen und etwas bewirken. Der Gründergeist in Deutschland wächst“, davon ist der Wirtschaftsingenieur überzeugt.