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Donnerstag, 21. März 2019

kommunikation

Social Business - Hype mit kleinen Schönheitsfehlern

Von H.W. | 3. Februar 2012 | Ausgabe 5

Der Einsatz von Social Media im Unternehmen, Social Business genannt, breitet sich immer stärker aus. Nahezu alle großen Softwareanbieter haben inzwischen mehr oder minder umfangreiche Plattformen in ihrem Portfolio. Doch die Installation einer solchen Plattform bedeutet nicht automatisch, dass diese von den Mitarbeitern auch genutzt wird. Auch die Frage, ob Unternehmen die Daten aus dem Social Business kontrollieren und auswerten, stellt sich welteit vielen Datenschützern.

Viele IT-Anbieter bauen ihre Angebote für die Nutzung von Social Business stark aus. Führend sind IBM, Salesforce und Microsoft. Aber auch Google und Oracle sind hier aktiv. Hinzu kommen auch einige Spezialanbieter wie Hi5, Moxie Software und Bebo. Es gibt sogar bereits eine von Google angeführte Standardisierungsanstrengung, um diese Plattformen besser mit anderen Applikationen zu verbinden. OpenSocial heißt das Paket an Schnittstellendefinitionen, das vor allem bei IBM und Oracle zum Einsatz kommt.

IBM hat hierzu kürzlich eine Reihe an Erweiterungen zu seinem Social-Business-Angebot vorgestellt. Deren Plattform basiert auf Lotus Notes, leistet aber inzwischen weitaus mehr als die Kommunikation. Herzstück ist die neue Connections-Plattform 3.0.1, die optisch Google Plus ähnelt. Laut IBM eignet sich der Aktivitäten-Stream von Connections als Homepage für jeden Mitarbeiter, denn dieser bietet die Möglichkeit der Einbindung von Aktivitäten von Drittanbietern. Beispielsweise aus der ERP-Suite von SAP, dem CRM-Paket von SugarCRM und sogar aus Microsoft Exchange heraus. Alle diese Anbindungen erfolgen über OpenSocial und damit scheint sich dieser Standard mehr und mehr durchzusetzen.

Die Anbieter von Social-Business-Technologien verweisen vor allem auf eine verbesserte Produktivität durch die vereinfachte und inhaltlich umfangreichere Kommunikation via Social Media. Moxies CEO Tom Kelly sagte jüngst in einer Podiumsdiskussion, dass einer seiner Kunden mithilfe von Social Business eine 40 %ige Effizienzverbesserung in seiner Lieferkette erreicht habe. Kelly verweist auch auf einen anderen Vorteil bei der Nutzung von Social Media im
Intranet: "Die dortigen Diskussionen zeigen, in welcher Stimmung sich die Mitarbeiter befinden und über welche Produkte, Märkte und Konkurrenten sie diskutieren."

Das hat man auch bei IBM erkannt und bietet deshalb jetzt die Social-Business-Plattform mit den hauseigenen Analytics an. "Nur mit umfangreichen Analyse-Tools lassen sich aus dem immensen Berg an unstrukturierten Daten weitere wichtige Erkenntnisse über Markttrends, Produkte und die Stimmung unter den Mitarbeitern ableiten", meint Mike Rhodin, IBMs Vice President für Software Solutions. Die dafür geeigneten Datenquellen sind laut IBM hausinterne Wikis, Blogs, Streams, E-Mails oder Kalendereintragungen.

Das alles interessiert vor allem die Chefetagen und folglich boomt der Absatz von Social-Business-Software. Laut der Consulting-Agentur NetStrategy ist inzwischen bei 70 % aller Unternehmen Social Media in irgendeiner Form installiert, doch bei 23 % beschränkt sich die Nutzung auf "sporadisch oder sehr fragmentiert".

Das deckt sich mit anderen Erkenntnissen. Laut einer Forrester-Studie vom Herbst vorigen Jahres nutzen erst 28 % der Mitarbeiter diese neuen Kommunikationshilfen, und viele davon nutzen sie nur einmal im Monat. Forrester zweifelt auch an den von den Anbietern vorgetragenen Produktivitätssteigerungen, da sie allesamt nur auf den persönlichen Einschätzungen der Betroffenen beruhen und es keine objektiven Messungen darüber gibt.

Die geringe Akzeptanz bei den Mitarbeitern scheint zwei Ursachen zu haben: rechtliche Bedenken bezüglich der gemachten Aussagen und strukturelle Probleme in Verbindung mit der Position und dem Know-how des Mitarbeiters. Sobald nämlich firmenrelevante Inhalte über Mitarbeiter, Projekte, Entwicklungen oder Probleme gepostet werden, kann es einen gefährlichen Bumerang geben.

Beispielsweise kann ein gekündigter Mitarbeiter die Firma wegen Mobbing verklagen und dabei unter Umständen aus alten Chats zitieren, oder es gibt eine Beschwerde über eine Abmahnung und der Betroffene beruft sich dabei ebenfalls auf fachlich-sachliche Chats mit den Kollegen.

Neben diesen rechtlichen Problemen gibt es auch die natürliche Konkurrenz zwischen den Mitarbeitern. Schließlich ist der nächste Kollege auch der größte Konkurrent. So ist es eher unwahrscheinlich, dass eine Forderung nach mehr Gehalt damit begründet werden kann, dass man täglich zig Social-Media-Anfragen beantwortet habe. Auch als Begründung für einen nicht eingehaltenen Projekttermin oder eine kräftige Kostenüberschreitung dürfte ein Social-Media-Hinweis wenig hilfreich sein.

Die Anbieter dieser Systeme wissen um diese Probleme, weisen aber die Verantwortung den einzelnen Mitarbeitern zu. "Es muss jedem Mitarbeiter stets klar sein, dass die Nutzung von Salesforce Chatter kein Privatvergnügen ist", sagte Sean Whiteley, Vice President von Salesforce, jüngst auf der Dreamforce-Veranstaltung.  H.W.