Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Freitag, 22. Februar 2019

Baumaschinen

Stilllegen ab Windstärke 8

Von Elmar Wallerang | 25. September 2015 | Ausgabe 39

Die Katastrophe vom 11.  September 2015 im saudi-arabischen Mekka dürften muslimische Pilger und Gläubige noch lange in Erinnerung behalten.

Mekka BU
Foto: Reuters/Mohamed al Hwaity

Umgestürzter Raupenkran in Mekka: Das über 150 m hohe Hebezeug kippte, 111 Menschen starben dadurch.

Nach heftigen Windböen und starkem Regen stürzte ein über 150 m hoher Raupenkran in den Innenhof der Großen Moschee. Nach jüngsten Berichten kamen bei dem Unglück 111 Menschen ums Leben, etwa 400 wurden verletzt.

Bei dem Hebezeug, das im Rahmen einer Erweiterungsmaßnahme der Moschee zum Einsatz kam, handelt es sich um den Raupenkran LR 11350 des deutschen Anbieters Liebherr. Dieser Krantyp kommt vielfach auch in Deutschland zum Einsatz, vor allem bei der Errichtung von Windenergieanlagen. Im Bundesgebiet achtet aber der Arbeitsschutz akribisch darauf, dass bei Windeinfluss entsprechende Sicherheitsauflagen eingehalten werden.

Das Aus für den Kraneinsatz hängt von der Windstärke und der Höhe des Hebezeugs ab. Die entsprechenden Angaben seien in der Betriebsanleitung der einzelnen Hebezeuge vermerkt, sagt Wolfgang Beringer, Sprecher des Liebherr-Werks in Ehingen, in dem auch der umgekippte Kran von Mekka gefertigt wurde. Ab einer Windgeschwindigkeit von 20 m/s (72 km/h) müsse jeglicher Kranbetrieb eingestellt werden.

Das ist Windstärke 8 auf der Beaufortskala, was bei Meteorologen heißt: „Zweige werden von Bäumen abgerissen.“ Die Wetterexperten wissen überdies, dass die Geschwindigkeit des Windes mit zunehmender Höhe rasch und unregelmäßig auffrischt und dass bereits bei Windstärke 6 (12 m/s bis 13 m/s Windgeschwindigkeit) Böen von 20 m/s auftreten können. Außerdem wächst die Funktion des Staudrucks des Windes bei Kranen quadratisch. Das heißt: Bei einer Verdopplung der Windgeschwindigkeit steigt der Staudruck um das Vierfache.

Von entsprechender Bedeutung ist, dass auf Baustellen der Kranführer rechtzeitig mit Wetterprognosen versorgt werden muss, spätestens bei einem zu erwartenden großräumig aufziehenden Sturm. Sicherheitshalber setzt sich der Kranführer vor Beginn seiner Arbeit generell mit dem zuständigen Wetteramt in Verbindung. Sind zum Zeitpunkt des vorgesehenen Kranbetriebs unzulässige Windgeschwindigkeiten zu erwarten, sei es – so deutsche Arbeitsschutzexperten – verboten, eine Last zu heben. Diese gelte je nach ihrer Größe als eine besonders markante Windangriffsfläche.

Auch außerhalb des Kranbetriebs sei die Entwicklung des Wetters im Auge zu behalten, warnt Beringer. Je nach zu erwartenden Windgeschwindigkeiten müsse der Kran in entsprechende sichere Position und Formation gebracht werden.

Bei wenig Wind stehen die Raupenkrane so stabil, dass sie im Gegensatz zu Mobilkranen auf Rädern beim Hubeinsatz ohne zusätzliche Abstützung auskommen. Bei zu starkem Wind und falscher Bedienung können die Stahlkolosse aber ins Wanken geraten, wie der Unfall in Mekka zeigte.

Laut der Zeitung Saudi Gazette hat ein Untersuchungskomitee festgestellt, dass „starke Winde den Unfall verursachten, während der Kran sich in einer falschen Position befand“. Die Position sei ein Verstoß gegen die Benutzungsanleitung des Herstellers gewesen.

Es gibt eigene Windwarner in der Kabine des Kranführers. Entsprechend verfügt jeder Kran über Anemometer (Windgeber), die eine Warnung im Betriebsbild des bordeigenen Computersystems auslösen können. Übersteigt der aktuelle Wert der Windgeschwindigkeit den festgelegten Maximalwert, blinkt das Symbol „Windwarnung“.

Ist dies der Fall, solle der Lasthubvorgang schnellstmöglich beendet und der Ausleger gegebenenfalls abgelegt werden, so der Text einer Liebherr-Schulungsbroschüre. Eine automatische Abschaltung der Kranbewegung gebe es nicht. Doch speziell Fahrzeugkrane verfügten über Auslegersysteme, die innerhalb von 5 min abgelassen werden können.

In Mekka gilt es jetzt unter anderem zu klären, ob in der Kabine des Unglückskrans der Anemometer in Betrieb war und ob am Ausleger während des Unwetters eine Last hing.

Seit 2006 lieferte Liebherr weltweit 30 dieser Krane aus. Dreimal sei es mit diesem Modell zu Unfällen gekommen, räumt der Konzern ein. Für Schlagzeilen sorgte im Jahr 2013 das Unglück beim Bau des WM-Stadions im brasilianischen São Paulo. Zwei Arbeiter kamen damals ums Leben. „In allen Fällen können wir sagen: Es war kein technisches Versagen des Krans“, so Beringer. Die Krane seien falsch bedient worden.

In Mekka war der umgestürzte LR 11350 einer von vielen Kranen, die für bauliche Hubaufgaben rund um das Gotteshaus platziert worden waren. Nach Angaben von Liebherr hob der Kran hauptsächlich Stahlträger und Baumaschinen. Im Ehinger Werk herrscht jetzt vor allem Bestürzung. Man tue alles, um bei der Aufklärung des Unfalls zu helfen, sagt Konzernsprecher Kristian Küppers.

Laut der saudischen Nachrichtenagentur SPA verhängte schon kurz nach der Katastrophe König Salman bin Abdulaziz Al Saud Strafmaßnahmen gegen die Baugruppe Saudi Binladin, unter deren Leitung der Kran in Einsatz war. Sie habe Sicherheitsvorschriften auf dem Baugelände nicht berücksichtigt. Das Unternehmen habe im Vorfeld auch mehrere Aufforderungen zur Überprüfung des Zustands, in dem sich die Krane befanden, ignoriert.

Abschließend ist die Schuldfrage noch nicht geklärt. Offizielle Untersuchungen machen die Baugruppe Saudi Binladin aber teilverantwortlich. Daher wurde sie von öffentlichen Ausschreibungen und neuen Projekten Saudi-Arabiens bereits ausgeschlossen. Außerdem dürfen Mitglieder des Firmenvorstands bis zum Abschluss der Ermittlungen zum Unglück das Land nicht verlassen. Der Nachrichtenagentur SPA zufolge sollen die Familien der Todesopfer eine Entschädigung von umgerechnet 237 000 € erhalten.