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Dienstag, 23. Januar 2018

Umwelt

Streit um Nachhaltigkeit beim Palmöl

Von Oliver Ristau | 13. September 2013 | Ausgabe 37

Die deutsche Industrie will künftig nur noch nachhaltiges Palmöl verwenden. Immerhin enthält etwa jedes zweite Produkt im Supermarkt dieses Fett. Doch trotz Ökosiegel sind die Probleme in den Anbaugebieten - vor allem Indonesien und Malaysia – groß.

Hedwig Zobel lässt Schaum sprechen. Sie rührt in einem Eimer mit Spülmittel, drückt Seife aus zwei Putzschwämmen. Die 62-jährige Berlinerin von der Nichtregierungsorganisation (NGO) "Rettet den Regenwald" protestiert mit dieser Aktion gegen Palmöl, genauer: gegen die Gründung einer Organisation, die den nachhaltigen Anbau von Ölpalmen fördern will.

"Für Palmöl wird Regenwald vernichtet", ruft sie unter dem Getöse von Trillerpfeifen. Eine Öko-Plattform für ein Produkt etablieren zu wollen, für das einst artenreiche Urwälder abgeholzt wurden, sei ein Widerspruch in sich. "Das ist nicht nachhaltig. Das ist Augenwischerei – greenwashing."

Vielseitiges Pflanzenöl

Bei dem Objekt ihres Protests handelt es sich um das Forum Nachhaltiges Palmöl. Die dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstellte Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat das Gremium Anfang September in Berlin aus der Taufe gehoben. Dort haben sich Industrievertreter organisiert, die Produkte, die Palmöl enthalten, in Deutschland, Österreich und der Schweiz verarbeiten oder vertreiben. Dazu zählen der Düsseldorfer Chemieriese Henkel, der das Öl aus den Kernen der Palmfrüchte zur Gewinnung von Waschmitteln einsetzt, der niederländische Lebensmittelkonzern Unilever sowie die Kölner Handelsgruppe Rewe. Außerdem sind das Bundeslandwirtschaftsministerium und verschiedene Verbände Mitglieder des Forums.

Rund die Hälfte aller Produkte eines Supermarktes enthält nach Branchenauskunft Palmöl – zum Beispiel Schokoriegel, Fertiggerichte, Margarine sowie Kosmetika und Putzmittel. 2012 verbrauchte Deutschland nach Auskunft des Ölsaatenverbandes Ovid ca. 1 Mio. t Palm- und 0,2 Mio. t Palmkernöl. Weltweit wurden 50 Mio. t Palmöl und 5 Mio. t Palmkernöl produziert. Zwei Drittel davon stammten aus Indonesien und Malaysia.

"Bis Ende 2014 wollen unsere Mitglieder nur noch Palmöl einsetzen, das zu 100 % nachhaltig zertifiziert ist", sagt Daniel May, Generalsekretär des Forums. Derzeit sind es nach Branchenschätzung erst 20 % bis 30 %. "Das ist ein herausforderndes Ziel. Doch die Verfügbarkeit ist kein Problem. Von den rund 7,5 Mio. t an zertifiziertem Palmöl, die 2012 zur Verfügung standen, werden nur 50 % gekauft." Der Rest werde als gewöhnliches Palmöl abgesetzt.

Dass die Nachfrage für Zertifikatsware so gering ist, liegt an einem Grundproblem. Ölpalmen wachsen fast ausschließlich auf Flächen, auf denen einst Regenwald stand. Das macht das Thema Nachhaltigkeit per se beim Absatz der Produkte schwierig. "Wir können die Abholzung nicht rückgängig machen, aber jetzt dafür sorgen, dass die Bedingungen auf den Plantagen fair werden", sagt May. Die bisher am Markt bekannten Siegel unterscheiden sich etwa in der Frage, wie lange die Abholzung zurückliegt.

Das am weitesten verbreitete Zertifikat ist das der Nachhaltigkeitsorganisation der Palmölindustrie RSPO (Roundtable on sustainable palmoil). Sie verleiht ihr Gütesiegel an Plantagen, für die der Regenwald vor 2007 gerodet wurde. Doch obwohl es seit Jahren auf vielen Produkten prangt, räumt RSPO-Präsident und Unilever-Manager Jan Kees Vis ein: "Bisher kann man vor Ort keine Effekte erkennen."

An Monokulturen und Abholzung hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Nach Auskunft der Umweltschutzorganisation Greenpeace war von 2009 bis 2011 keine Branche stärker an der Abholzung von Regenwäldern in Indonesien beteiligt als die Palmölindustrie. Ein bedeutender Teil fiel dabei in den Verantwortungsbereich von Firmen, die das RSPO-Siegel in Anspruch nehmen, wie etwa die in Singapur ansässige Wilmar International.

RSPO-Chef Vis weiß, dass es schwarze Schafe gibt, die das Siegel missbrauchen, will die Firmen aber nicht an den Pranger stellen und aus der Organisation ausschließen. "Das ist eine Gratwanderung, aber wenn wir die Firmen sofort rauswerfen, wem würde das nutzen? Wer könnte dann helfen, Kompensationen für die betroffenen Gemeinden durchzusetzen? Die Firmen würden von der Bildfläche verschwinden und wir hätten keinen Einfluss auf die Situation mehr."

Die Probleme sind groß. So schwelen in Indonesien nach Aussage der NGO Watch Indonesia rund 7000 ungeklärte Landkonflikte zwischen Palmölfirmen auf der einen sowie Indigenen und Bauern auf der anderen Seite. Der Druck auf die Wälder lässt nicht nach. "Trotz aller Nachhaltigkeitsbemühungen geht die Abholzung der Regenwälder weiter", sagt Watch-Indonesia-Vertreterin Adriana Sri Adhiati.

NGOs wie Rettet den Regenwald und RobinWood wollen deshalb, dass Palmöl grundsätzlich geächtet wird. Doch das dürfte praktisch schwierig werden, denn das Öl der Palmfrüchte ist das meistverbrauchte Pflanzenfett weltweit – vor Soja- und Rapsöl. Und in Nordamerika, China und Indien wird ein Vielfaches des europäischen Bedarfs verbraucht. Nach Ansicht der GIZ sei es deshalb "unmöglich Palmöl vollständig zu ersetzen."

Es ist aber nicht nur die Sorge um die Regenwälder, die die Palmöl verwendende Industrie in Europa umtreibt, sich um Nachhaltigkeit zu kümmern. Ab Ende 2014 gilt eine neue EU-Richtlinie zur Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln. Die Firmen müssen dann auf den Verpackungen angeben, welche Pflanzenöle genau in ihren Produkten stecken. Bisher reicht es, wenn allgemein von "pflanzlichen Ölen" die Rede ist. Dann wird zwar jeder Konsument in Europa sofort ersehen können, welche Produkte Palmöl enthalten, doch die Proteste gegen den Raubbau an der Natur wird das kaum zum Verstummen bringen. OLIVER RISTAU

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