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Sonntag, 21. Januar 2018

Braunkohle

Tschechen setzen auf ostdeutsche Braunkohle

Von Stefan Schroeter | 20. September 2013 | Ausgabe 38

Der tschechische Energie- und Industriekonzern EPH hat beim ostdeutschen Bergbauunternehmen Mibrag eine Übernahmepraxis demonstriert, wie sie von kurzfristig orientierten Finanzinvestoren bekannt ist. Derzeit verhandelt EPH mit E.on über den Kauf des Braunkohlekraftwerks Buschhaus, weitere Übernahmen sind denkbar.

Tschechen setzen auf ostdeutsche Braunkohle

Aus dem Tagebau Profen liefert Betreiber Mibrag die Rohbraunkohle per Bahn inzwischen bis zu 300 km weit. Foto: dpa

Etwa 40 km fahren die Güterzüge, um Rohbraunkohle vom Tagebau Profen zum Großkraftwerk Schkopau südlich von Halle/Saale zu transportieren. Etwas weiter sind die Wege des massereichen fossilen Brennstoffs zu den mittelgroßen Kraftwerken in Chemnitz und Dessau, die jeweils 90 km entfernt sind.

Mit 90 km schien bisher eine Grenze für den wirtschaftlich sinnvollen Transport von Rohbraunkohle erreicht zu sein. Sie enthält viel Wasser und relativ wenig Energie. Der große Energieaufwand auf langen Strecken macht weite Transporte daher weniger wirtschaftlich und verschlechtert die ohnehin ungünstige Umweltbilanz des Energieträgers weiter.

Doch seit dem vergangenen Jahr erschließt die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag), Betreiberin des Profener Tagebaus, auch neue Absatzgebiete in deutlich weiter entfernten Regionen. So hat das Unternehmen im vorigen Jahr das 300 km entfernte tschechische Kraftwerk Opatovice mit größeren Mengen Braunkohle beliefert, um dort einen zeitweiligen Lieferstopp zu überbrücken.

Mibrag

Sollte es erneut zu Schwierigkeiten kommen, will der Mutterkonzern des Kraftwerksbetreibers, EPH Energetický a prumyslový holding (Deutsch: Energie- und Industrieholding), auch künftig wieder auf die Mibrag-Kohle zurückgreifen. Der Entscheidungsweg dafür ist kurz, da EPH seit dem vergangenen Jahr auch alleiniger Mibrag-Gesellschafter ist. Regelmäßige Braunkohletransporte hat Mibrag inzwischen für das 200 km entfernte Kraftwerk Buschhaus bei Helmstedt in Niedersachsen vereinbart. Mibrag-Geschäftsführer Joachim Geisler sagte dazu im August, dass sich die Braunkohlelieferungen an Buschhaus trotz der langen Transportstrecke für sein Unternehmen rechnen.

Das E.on gehörende Kraftwerk Buschhaus sollte eigentlich Anfang 2017 stillgelegt werden, weil die Braunkohlevorräte im Helmstedter Revier dann erschöpft sind. Es könnte allerdings auch danach mit Mibrags Profener Kohle weiterlaufen. Dazu will EPH den Stromerzeuger mitsamt dem benachbarten Tagebau von E.on kaufen. Entsprechende Verhandlungen bestätigte E.on-Pressesprecher Markus Nitschke.

Für den tschechischen Konzern wäre das ein weiterer Expansionsschritt in der deutschen Braunkohlewirtschaft. Er ist inzwischen nicht nur alleiniger Mibrag-Gesellschafter, sondern auch an dem von Mibrag belieferten Kraftwerk Schkopau beteiligt. Dessen Mehrheitsanteile liegen wiederum bei E.on. Nitschke zufolge hat der deutsche Energiekonzern allerdings nicht die Absicht, diese Beteiligung zu verkaufen.

Möglicherweise steht die ostdeutsche Braunkohlewirtschaft derzeit vor einem noch größeren Umbruch. Der schwedische Staatskonzern Vattenfall hatte schon im März dieses Jahres angekündigt, dass er den Block R des von Mibrag ebenfalls belieferten Kraftwerks Lippendorf bei Leipzig verkaufen will.

Im Juli hieß es sogar, dass Vattenfall sich bei einer anstehenden Neuorganisation von seinem gesamten deutschen Geschäft trennen könnte. In der Braunkohlewirtschaft würde das dann nicht nur den Lippendorfer Block R, sondern auch drei weitere Großkraftwerke samt den dazugehörigen Tagebauen betreffen. Konkrete Entscheidungen scheinen allerdings noch nicht gefallen zu sein.

"Vattenfall hat beschlossen, die Prüfung eines möglichen Verkaufs von Block R des Kraftwerks Lippendorf vorübergehend zurückzustellen", teilte Sandra Kühberger, die Pressesprecherin des Konzerns, mit. Zunächst solle analysiert werden, wie sich die Neuorganisation des Konzerns zum 1. Januar 2014 auswirke.

Sollte sich Vattenfall zu Kraftwerks- und Tagebauverkäufen entschließen, würden sich für EPH weitere Möglichkeiten ergeben, in der deutschen Braunkohlewirtschaft Fuß zu fassen. Dabei haben die Holding und die hinter ihr stehenden tschechischen und slowakischen Geschäftsleute in den letzten Jahren bei Mibrag demonstriert, wie sie einen Unternehmenskauf innerhalb weniger Jahre mit den Mitteln des gekauften Unternehmens refinanzieren können.

Ein Vorläufer-Unternehmen von EPH hatte den Braunkohleförderer im Jahr 2009 gemeinsam mit dem tschechischen Staatskonzern CEZ für 404 Mio. € von den US-Konzernen NRG Energy und URS übernommen. Diesen Kaufpreis konnten die neuen Gesellschafter gut mit Mibrags eigenen Mitteln aufbringen.

Seit der Übernahme hat das Bergbauunternehmen aus Zeitz an seine Anteilseigner Gewinne und Kredite von mehr als 500 Mio. € überwiesen. Dazu musste es sich selbst hoch verschulden. Das ist eine Praxis, wie sie von kurzfristig orientierten Finanzinvestoren, den Private-Equity-Gesellschaften, bekannt ist.

Die EPH ist ein in Osteuropa aktives Energieunternehmen, das vor allem auf die klassischen Energieträger setzt. Wer allerdings jetzt wissen will, in wessen Besitz sich Mibrag nun genau befindet und welchen Weg die Kapitalströme nehmen, muss sich durch weit verstreute Informationen und eine undurchsichtige Gesellschafterstruktur hindurcharbeiten. So verwaltet EPH die Mibrag-Anteile über mehrere Zwischenholdings, von denen eine im Steuerparadies Zypern registriert ist.

EPH selbst hat wiederum vier zypriotische Holdings als Gesellschafter, deren Wurzeln nur teilweise sichtbar werden. Immerhin lässt sich ermitteln, dass sich EPH offenbar überwiegend im Besitz der tschechischen Geschäftsleute Petr Kellner und Daniel Kretínský sowie der slowakischen Finanzinvestoren Patrik und Jozef Tkác, Ivan Jakabovic und weiterer, unbekannter Personen befindet. Der bekannteste von ihnen ist Kellner, der mit einem geschätzten Vermögen von 8 Mrd. € als reichster Tscheche gilt.

In Tschechien selbst sorgen EPH und Mibrag derzeit durch eine Transaktion aus dem vergangenen Jahr für Aufsehen: Der schon erwähnte staatliche Energiekonzern CEZ hatte damals seinen 50-prozentigen Mibrag-Anteil für 130 Mio. € an EPH verkauft.

Wie die tschechische Wirtschaftszeitschrift Ekonomia berichtet, lag dieser Verkaufspreis um ein Drittel unter dem tatsächlichen Wert. Ekonomia zufolge wird das Geschäft zwischen EPH und CEZ deshalb inzwischen von der tschechischen Anti-Korruptionsbehörde untersucht. STEFAN SCHROETER

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