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Samstag, 23. Februar 2019

Kernkraft

Urenco - Privatisierung durch die Hintertür

Von Katharina Otzen | 16. November 2012 | Ausgabe 46

Der deutsche Ausstieg aus der Kernenergie bringt E.on und RWE dazu, sich von einer besonders lukrativen Beteiligung zu trennen: der Urenco-Gruppe. Interessenten gibt es genug, offen ist aber, wie sich die anderen Eigentümer entscheiden - und wer überhaupt politisch als Käufer infrage kommt. Schließlich betreibt Urenco ein strategisch wichtiges Geschäft für die weltweite Kernkraftbranche: die Anreicherung von Uran.

Die sowohl vom Geschäft wie von der Zusammensetzung der Eigentümerseite her internationale Urenco-Gruppe sorgt für den Brennstoff in Kernkraftwerken, indem sie über ein Zentrifugalverfahren Uran anreichert. Damit hat Urenco einen Marktanteil von weltweit fast 30 % erobert und expandiert weiter.

Urenco hat laut Helmut Engelbrecht, ihrem an der RWTH Aachen promovierten Vorstandschef, mit über 20 Mrd. € einen so extrem hohen Auftragsbestand, dass er bis über das Jahr 2025 hinausreicht.

Die 1970 als Marketinggesellschaft für die Hersteller von nuklearem Brennstoff wie die britische BNFL gegründete Urenco übernahm ab 1993 die Produktion von ihren Vorgängerfirmen. Sie schreibt längst schwarze Zahlen. 2011 blieben bei einem Umsatz von 1,302 Mrd. € netto 359 Mio. € Gewinn übrig.

Neben den gut 33 % von E.on und RWE hält das zweite Drittel der niederländische Staat und das letzte Drittel liegt in London. Die frühere Labour-Regierung sah Urenco schon wegen der Urananreicherungsanlage in Capenhurst bei Chester als strategisch zu wichtig für einen Verkauf ihrer Beteiligung. Das hat sich bei der derzeitigen liberal-konservativen Regierungskoalition offenbar geändert.

Der britische Schatzkanzler George Osborne würde sich nur zu gern mit E.on und RWE 7 Mrd. € aus einem Urenco-Verkauf teilen so viel werden als möglicher Erlös gehandelt. Da fragt sich nur, was die Niederlande entscheiden, zumal deren Drittel nur zu 98,9 % dem niederländischen Staat gehört. Der Rest von 1,1 % verteilt sich auf die Unternehmen DSM, Philips, Shell und Stork.

Außerdem geht es um die Produktionsstandorte von Urenco auf dem europäischen Kontinent. Während Gronau in Deutschland wegen des Atomausstiegs gefährdet sein könnte, sieht die Zukunft für Almelo in den Niederlanden wohl sicherer aus.

Die beratenden Banken, Bank of America Merril Lynch bei E.on und RWE, Credit Suisse bei der niederländischen Regierung, sehen großes Interesse an Urenco. Die britische Regierung beauftrage vor Monatsfrist Morgan Stanley, einen Käufer für sein Drittel des Urenco-Anteils zu suchen.

Interesse wird der französischen Areva-Gruppe nachgesagt, vor allem seitdem diese beim Verkauf der britischen Kernkraft-Tochter Horizon von RWE und E.on nicht zum Zuge kam.

Die Liste potenzieller Käufer geht weiter über den kanadischen Uran-Trader Cameco bis hin zu Toshiba Westinghouse, dem britisch-japanischen Anlagenbauer und Konkurrenten von Areva beim Bau von Kernkraftwerken. Hinzu kommen seit Mitte Oktober Zeitungsberichten zufolge die Kapitalanleger Apax, KKR, Carlyle und CVC.

Interesse hat auch Li Ka-shing gezeigt, ein Milliardär aus Hongkong, der in Großbritannien schon Netzbetreiber, Energieversorger und Wasserwerke im Wert von über 15 Mrd. € gekauft hat. Aber er kommt als Käufer wohl ebenso wenig infrage wie Tenex, die staatliche russische Uran-Anreicherungsfirma, oder Rosatom.

Eine andere Lösung als ein direkter Verkauf zeichnet sich aber bereits ab: Patrick Upson, der frühere Chef von Enrichment Technology, einer gemeinsamen Tochter von Areva und Urenco, bastelt an einem Konsortium zur Übernahme des britischen und deutschen Drittels an Urenco.

Eine solche Konsortiallösung böte für alle beteiligten Partner Vorteile, vor allem weil sich dafür wohl am ehesten breite Zustimmung fände und sie sich mit dem Netzwerk von internationalen Verträgen am besten in Einklang bringen lassen würde.

Um nach Möglichkeit zu verhindern, dass totalitäre Regime oder Terroristen in den Besitz von hoch angereichertem Uran gelangen, sind die Aktivitäten von Urenco in den Verträgen von Almelo, Cardiff und Washington streng geregelt.

Eine Option für die britische und die niederländische Regierung wäre auch, sich darauf zu verständigen, ihre Anteile an Urenco auf jeweils 25 % plus eine Aktie zu reduzieren und so trotz des Teilverkaufs die Mehrheit an dem strategisch wichtigen Uran-Anreicherer zu behalten.

Auch für Areva hätte eine solche Konsortiallösung Vorteile. Denn wegen des eigenen großen Uran-Anreicherungsgeschäfts könnte die französische Gruppe Urenco aus kartellrechtlichen Gründen mehrheitlich keinesfalls übernehmen.

Bleiben noch die Amerikaner. Seit das US-Energieministerium die USEC (US Enrichment Company) 1998 privatisiert hat, konnte Urenco sich auch in den USA fest etablieren. Eine künftige internationale Kooperation mit der USEC könnte beiden Partnern nützen. Nur die Deutschen sind künftig nicht mehr mit von der Partie – da nützt auch ein deutscher Vorstandschef von Urenco wenig. KATHARINA OTZEN