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Sonntag, 20. Januar 2019

Drucktechnik

Verkaufen ist alles

Von Andreas Weber | 13. Mai 2016 | Ausgabe 19

Mehr als die Hälfte aller Verpackungsumsätze weltweit entfällt auf bedruckte Verpackungen – Tendenz steigend. Der Verpackungsdruck wird somit zum wichtigsten Zukunftsmarkt des Druckmaschinenbaus. Dies spiegelt sich wider auf der kommenden Weltleitmesse der Branche, der Drupa (Düsseldorf, 31. 5. bis 10. 6.).

w - Verpackungsdruck BU
Foto: Koenig & Bauer

Farbig statt einheitsbraun: Bedruckte Wellpappe braucht spezielle Maschinen, die Anlagenhersteller hoffen auf diesen Markt.

Die Verpackungsindustrie boomt seit Jahren. 2012 erlöste sie weltweit rund 600 Mrd. €, 2018 sollen es satte 758 Mrd. € sein. Das jedenfalls prognostiziert das britischen Marktforschungsunternehmen Smithers Pira.

Drupa 2016

Die Gründe hierfür sind zum Ersten der steigende Bedarf an Verpackungen in den Entwicklungs- und Schwellenländern aufgrund zunehmenden Wohlstands und wachsender Bevölkerungen. China liegt an der Spitze. Zum Zweiten profitiert die Verpackungssparte in den westlichen Industrieländern von zunehmender Sortenvielfalt und mehr Wettbewerb im Handel. Und drittens nimmt das Volumen von Verpackungen zu, wie hierzulande die Verbraucherberatung NRW feststellte. Denn 40 % der Verpackungen enthielten Luft.

Damit wird deutlich, warum die Druck- und Papierbranche mit großer Wucht auf die Innovation durch die aufmerksamkeitsstarke Differenzierung von Verpackungen setzt. Bis dato waren dies vor allem außergewöhnliche Veredelungsmöglichkeiten wie Lacke sowie Metallfarben und speziell für den Verpackungsdruck konzipierte Sonderkonfigurationen von Maschinen und Medien.

Bedruckt und veredelt werden Verpackungen bisher vor allem im Flexo-, Offset-, Tief- und Siebdruckverfahren. Dies trägt der hohen Auflagen sowie Qualitäts- und Kostenanforderungen Rechnung. Gemeinsam decken Flexo- und Offsetdruck aktuell rund zwei Drittel des Weltmarkts für Verpackungsdruck ab. Laut Smithers Pira hatte er 2015 ein Volumen von 415 Mrd. $.

Der Anteil des Digitaldrucks ist mit rund 3 % noch relativ klein, bietet also genug Raum für Wachstum. Dies dürfte sich aber mittelfristig durch die Fortschritte bei digitalen Drucktechniken ändern, denn auch bei den Verpackungen sinken die Auflagen. Hinzu kommt der Trend zur Individualisierung.

Bedruckte und lackierte Kartonagen sowie Blechtafeln dürften vorerst eine Domäne des Bogen-offsetdrucks bleiben. Der Digitaldruck tastet sich aber allmählich in diesen Markt hinein. Bei flexiblen Verpackungen dominiert in Europa und Amerika der Flexodruck, in Asien der Tiefdruck. Letzterer verliert aber aufgrund der teuren Druckform an Boden.

Bei Wellpappe und Etiketten ist der Flexodruck ebenfalls noch der am meisten genutzte Prozess, obwohl bei den Labels der Digitaldruck stark im Kommen ist. Der Siebdruck wurde bisher vor allem bei Schildern, Displays und Hohlkörpern eingesetzt. Auch dort gewinnt das digitale Inkjetverfahren an Bedeutung. Experten gehen davon aus, dass die heute im E-Commerce üblichen braunen Umverpackungen aus Wellpappe zunehmend farbiger werden.

Besonders die deutschen Druckmaschinenbauer Koenig & Bauer (KBA) und Heidelberger Druckmaschinen setzen hier seit Jahren ihren Schwerpunkt auf den Verpackungsdruck. Nunmehr liegt er im industriellen Digitaldruck, der von globalen Kooperationen profitieren soll: KBA kooperiert mit HP Inc., um den Inkjetdruck für sich über HPs eigene Pagewide-Drucktechnologie nutzbar zu machen.

Deutsche Druckmaschinenbauer suchen im Digitaldruck Kooperationspartner

Heidelberg entwickelte mit der japanischen Fujifilm und dessen Expertise in der Tintenstrahldrucktechnik binnen 15 Monaten eine neue Technologieplattform. Die erste darauf basierende Maschine, Primefire genannt, zielt mit Inkjetdruck für Bögen im Großformat (70 cm x 100 cm) auf Verpackungsdruck in Premiumqualität.

Viele neue Player, die zusätzliche Verfahren entwickelten, kommen durch den Trend zum Verpackungsdruck ins Spiel, vor allem aus Israel. Dazu gehören neue Digitaldrucktechnologien wie die von Landa Nanography. Scodix entwickelt digitale Veredelungsmaschinen und Highcon setzt auf laserbasierte Hochgeschwindigkeitsmaschinen für die Faltschachtelherstellung.

Auch reine Digitaldrucktechnikexperten wie Canon oder Xerox wollen bei Print-Anwendungen die Potenziale bei Verpackungen inklusive des Etikettendrucks heben. Dies schließt über printed electronics die Integration von Near Field Communication (NFC) ein, die beim Inkjetdruck mitverarbeitet werden kann.

KBA-Chef Claus Bolza-Schünemann bricht in seiner Funktion als Präsident der Weltleitmesse Drupa daher eine Lanze für den Verpackungsdruck. Bedruckte Verpackungen habe für ihren Inhalt eine Schutz-, Konservierungs-, Werbe- und zunehmend auch eine Kommunikationsfunktion. Man denke hier nur an das Thema Verbraucherschutz mit entsprechenden Hinweisen auf der Verpackung.

Zudem könnten Verpackungen nicht durch Flatscreens oder Smartphones ersetzt werden. Anders als gedruckte Zeitungen oder Kataloge seien sie nicht vom veränderten Medienverhalten betroffen, sondern profitierten eher davon. Mehr Single-Haushalte mit einer Vorliebe für Fertiggerichte und der boomende Onlineversandhandel seien ebenfalls Wachstumstreiber.

Was im klassischen Drucksektor leicht übersehen wird, ist das Zusammenspiel von Multichannel-Lösungen beim Marketing, „Augmented Reality“ und individualisierter Werbung. Diese Kombination kann jede Art von Verpackung über die „Augmented Reality“ zum Startpunkt neuer Kontakt- und Dialogmöglichkeiten mit dem Käufer machen und stellt daher ein ungeheures Potenzial für Markenunternehmen dar.

Um dies zu realisieren, ist der Digitaldruck unerlässlich. Nur durch ihn kann das Druckbild ad hoc variiert werden. So ermöglichen neuartige Multichannel-Softwarelösungen wie die von der Xerox-Tochter XMPie, Verpackungen zu individualisieren und sie zu einem Teil von messbaren Marketingkampagnen werden zu lassen.

Kunterbunte Müslidosen sind der Zukunftsmarkt

Doch gibt es auch Hemmnisse: Die Münchner Forschungsgemeinschaft Druck (Fogra) hat herausgefunden, dass die Druckbildqualität per Inkjetdruck leicht ein zu sehr „ausgefranstes“ Druckbild ergeben kann. Das ist mit dem bloßen Auge nicht erkennbar, bereitet aber vor allem bei Barcodes Probleme. Die hochsensiblen Barcode-Lesegeräte erzeugen dann Fehlermeldungen. Wer als Druckerei hohe Auflagen mit schlecht gedruckten Barcodes erzeugt hat, die dann Lesefehler verursachen, hat ein Riesenproblem.

Eines der derzeit spannendsten Verpackungsdruckprojekte hat Heidelberg im Team mit dem Online-Start-up mymuesli.com bereits zur Jahreswende realisiert. Mymuesli.com ist ein Versandhandel für individuell konfigurierte Müslis. Nach ersten Erfolgen eröffnete die Onlinefirma Ladengeschäfte und es entstand durch den Online-Printexperten Bernd Zipper die Idee, dass der Müslikäufer vor Ort per iPad seine Müsliverpackung – und nicht nur ein Etikett – selbst bedruckten kann.

Möglich macht das eine Drucktechnik von Heidelberg, genannt 4D, die in der Kabine der Druckmaschine den zu bedruckenden Gegenstand im Raum fixiert und dann mit beweglichen Tintenstahldruckköpfen bedruckt. Heraus kommt die Müslidose mit individuellem Text, selbst gestaltet und in Echtzeit produziert. Das kommt bei Kunden bestens an und soll nun in Serie gehen.