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Freitag, 22. Februar 2019

Elektronik

„Wer Fehler findet, der kann auch gut prüfen“

Von Evdoxia Tsakiridou | 2. September 2016 | Ausgabe 35

Ingenieure sind bei Prüfinstitutionen wie TÜV oder Dekra gefragte Mitarbeiter. Maschinenbauer Martin Rempfer ist einer von ihnen. Er leitet das Testzentrum für Verbraucherprodukte beim TÜV Süd – Produkte, wie sie die Messehallen der IFA füllen.

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Foto: TÜV Süd

50 000 Zertifikate haben die Prüfexperten des TÜV Süd in den vergangenen 25 Jahren ausgestellt. Zu den geprüften Produkten gehören Bügeleisen, Haartrockener und Kaffeemaschinen.

Martin Rempfer setzt bestimmt die virtuelle Prüferbrille auf, wenn er ein Haushaltsgerät kaufen will, oder? „So schlimm ist es nicht. Aber einen Blick auf die Kennzeichnung kann ich mir selten verkneifen“, lacht der Leiter des Testzentrums für Verbraucherprodukte vom TÜV Süd in Garching bei München.

Der TÜV SÜD in Zahlen

Das Siegel, das der Ingenieur meint, wird mit GS abgekürzt: „Geprüfte Sicherheit“. Darauf legt er privat großen Wert. Es muss auch nicht unbedingt von seinem Arbeitgeber stammen, aber es muss auf das Gerät aufgeklebt sein. Denn mit dieser Kennzeichnung bescheinigen unabhängige Prüfinstitutionen dem Hersteller, dass sein Produkt die gesetzlichen Anforderungen für Produktsicherheit in Europa erfüllt. Und dass dem Kunden keine Gefahren drohen, wenn er es sachgemäß verwendet. Im Gegensatz zur CE-Kennzeichnung, die der Produzent selbst anbringe und mit der er erkläre, dass er europäische Richtlinien bzw. Verordnungen einhaltet, so Rempfer.

Die CE-Kennzeichnung ist für den Hersteller verpflichtend vorgeschrieben, die GS-Zertifizierung ist freiwillig. Trotzdem verzichtet kaum ein Unternehmen darauf, bringt letztere doch Vorteile, wenn es um die Gunst der Konsumenten geht. „Für die Produktsicherheit ist der Hersteller verantwortlich. Wir helfen ihm, die Sicherheit und Gebrauchstauglichkeit zu überprüfen. Erstere hat dabei absolute Priorität, denn sollte ein Schaden eintreten, muss er haften“, stellt der Maschinenbauer klar. Außerdem konzipieren die TÜV-Mitarbeiter Prüfabläufe und ersinnen neue Testapparaturen, wenn gesetzliche Richtlinien weitere Prüfungen erfordern.

Foto: TÜV Süd

„Einen Blick auf die Kennzeichnung kann ich mir selten verkneifen.“ Martin Rempfer, Leiter des Testzentrums für Verbraucherprodukte des TÜV Süd.

Rempfers Reich erstreckt sich über mehrere Etagen eines Fabrikbaus. Je nach Abteilung sehen die Besucher dort Waschmaschinen, Toaster, Haartrockner, Leuchtmittel, Fahrrad- und Kletterhelme, Fitness- oder Rehageräte. An manchen Prüfständen wirken standardmäßig dieselben Kräfte, so wie am Rollenprüfstand für Fahrräder. Andere Tests sind individuell anpassbar, etwa die Zug-Druck-Prüfung für Kinderwagen, deren Achsen auch Pendelschläge von der Seite aushalten müssen.

 Den Wasserkocher muss während des Tests niemand anfassen: Das Gefäß, das in einem Laborhalter steckt und über einem grauen Waschbecken schwebt, wird alle paar Minuten automatisch eingeschaltet, nach jedem Kochvorgang geleert und wieder gefüllt, und das rund um die Uhr. Die mehrtägige Simulation entspricht einem Dauerbetrieb von fünf Jahren.

Im Küchenlabor, das mit diversen Kühlschränken, Backöfen, Küchen- oder Espressomaschinen ausgestattet ist, ist die Gerätefunktion wichtig: Hat der Kuchen, der stets unter denselben Bedingungen gebacken wurde, immer das gleiche Volumen? Taut die Mikrowelle die gefrorenen Lebensmittel gleichmäßig auf? Sensorische Aspekte spielen eine ebenso große Rolle. Ökotrophologen und Lebensmittelchemiker schnippeln, schneiden, backen oder kochen; vor allem aber kosten und riechen sie die Ergebnisse ihrer Tests. Rempfer holt aus einer Schublade die Farbkarte, mit der die Sensorikexperten den Bräunungsgrad eines Toasts beurteilen. Weicht dieser mehr als 30 % ab, ist das Gerät durchgefallen.

Üblicherweise beschäftigen sich sechs bis acht Mitarbeiter mit einem Produkt. Jeder hat seinen eigenen Testbereich, beispielsweise technische Sicherheit oder elektromagnetische Verträglichkeit. Bei Produkten, die Lösungsmittel enthalten, gehören auch chemische Untersuchungen dazu. Nach rund zehn Tagen erhält der Auftraggeber seinen Prüfbericht und im Idealfall auch das Prüfzeichen. Dafür muss sein Produkt mindestens die Note 2,3 erreichen.

Seit 2009 arbeitet Rempfer beim TÜV Süd, heute verantwortet er einen Jahresumsatz von circa 21 Mio. €. Davor leitete der gebürtige Garmisch-Partenkirchener den Bereich Fahrzeugtest beim ADAC. Dort hatte er sich nach seiner Promotion an der TU München auf Empfehlung seines Betreuers beworben. Der Schritt war naheliegend, denn Rempfer war lange Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent am Lehrstuhl für Landmaschinen, wo er den Neuaufbau des Großprüfstands leitete und für seine Dissertation eine Expertise zu „Konzeption, Fahrwerkmechanik und Getriebelastkollektive“ bei Radtraktoren erwarb.

Wenn Rempfer mit seinen Besuchern durch die Abteilungen geht, schauen die Kollegen interessiert von ihren Apparaturen auf und grüßen freundlich. Er sucht so oft wie möglich das Gespräch mit ihnen. Er möchte wissen, was seine 90 Mitarbeiter bewegt.

Manchmal stellt sich der Manager selbst ins Labor und testet. Weil es nicht ausreicht, findet er, nur mit den Abteilungsleitern zu sprechen und strategische Entscheidungen zu treffen. Die Prüfungen stünden für das operative Geschäft, damit werde Geld verdient. Wissen und Erfahrung seien deshalb sehr wichtig. So kann er sich in beide Perspektiven hineinversetzen und nach Kompromissen suchen, wenn etwas nicht klappt oder die Kunden unzufrieden sind.

Den Wechsel in die Industrie hat der 47-Jährige nicht bereut. „Es ist ein breites Technikgebiet, das einen über den Tellerrand hinausschauen lässt“, sagt der Ingenieur, dem von Anfang an wichtig war, Personalverantwortung zu haben. „Sinn für Qualität, gute Vorbereitung und sein Wissen aktuell zu halten“, ist das, was den passionierten Geigen- und Saxofonspieler während seiner akademischen Zeit geprägt hat und bis heute begleitet.

Ingenieure seien neben Chemikern, Physikern oder Informatikern bei Prüfinstitutionen genau richtig. Denn sie haben gelernt, ein komplexes Problem in kleine Bestandteile zu zerlegen. Rempfer weiß aus Erfahrung: „Wer Fehler findet, der kann auch gut prüfen.“