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Sonntag, 21. Januar 2018

Mobilfunk

„Wir arbeiten an Europas größtem Netzumbau“

Von Regine Bönsch, Claudia Burger | 5. August 2016 | Ausgabe 31

Telefónica Deutschland steckt nach der Fusion von O2 mit E-Plus in einem großen Netzausbau-und Umbauprojekt. Digitalisierung soll nicht nur bei der Netzanalyse in Echtzeit helfen, sondern auch Konzernstrukturen erneuern.

BU Telefonica
Foto: Telefónica

Abspecken und Anfassen: Nur noch 25 000 Basisstationen soll es bei Telefónica nach der vollständigen Netzfusion von E-Plus und O2 geben. Dafür fährt täglich eine vierstellige Anzahl von Menschen zu den Antennen im Land und arbeitet an den Sendeanlagen.

Mitte Juli war es auch beim Mobilfunker Telefónica so weit: Störung im E-Plus-Netz meldete das Portal „Allestörungen.de“ – Kunden, die noch beim übernommenen Unternehmen E-Plus waren, konnten mit ihren Smartphones keine Festnetzverbindung mehr herstellen. Es traf vor allem Ostdeutschland, die Großräume Berlin, Halle und Leipzig. Drastische Störungen hatte es erst wenige Wochen zuvor bei Vodafone und der Deutschen Telekom gegeben.

Deutschland hat noch Digitalisierungspotenzial

Werden Mobilfunknetze anfälliger? Über Nacht wurde auch bei Telefónica der Schaden behoben. „Wir bedauern die Unannehmlichkeiten“, erklärte ein Sprecher. Schließlich hat dieser Mobilfunkanbieter Größeres vor. „Wir arbeiten gerade an Europas größtem Netzum- und -ausbau“, attestiert Markus Haas, COO des Unternehmens, und meint damit eine wahre Herkulesaufgabe.

Lange spielten O2 und E-Plus auf dem undankbaren dritten und vierten Platz im deutschen Mobilfunkmarkt. Das hat sich nach der Fusion geändert. 8,1 Mrd. € investierte Telefónica, um – rein von der Kundenzahl her – ganz vorne zu landen. Mit 44,35 Mio. Kunden hat das neue Unternehmen jetzt die Telekom (38,63 Mio. Kunden) und Vodafone (32,25 Mio. Kunden) deutlich übertroffen.

Telefónica Deutschland in Fakten und Zahlen

Noch hinkt man in Sachen Netzversorgung und Qualität, speziell bei der vierten Generation LTE, hinterher. Doch auch das soll sich bis 2018 ändern. Ein Masternetzplan, das „Golden Grid“, wie Telefónica-Mitarbeiter es nennen, hilft, um aus zwei völlig verschiedenen Mobilfunkanbietern einen einzigen Player zu schmieden.

Gemeinsam mit den Netzausrüstern, Nokia, Huawei und ZTE nebst Subunternehmen wird gerade jede einzelne Antenne genau angeschaut. Passt sie? Muss sie entfernt werden? Wenn ja, wie kann die Qualität andernorts gesichert werden? Von den heutigen Antennenstandorten, werden 14 000 entfernt, 7700 davon gehen an die Telekom. „2018 wollen wir mit dann 25 000 Sites arbeiten“, sagt Haas. „Da fährt Tag für Tag eine vierstellige Anzahl von Menschen raus, um diese Umbauarbeiten zu erledigen.“ Und er wird nicht müde zu betonen: „Das ist aus Ingenieursicht absolute Spitzenleistung und ein Projekt in einer Dimension, die man als Netztechniker wohl nur einmal in seinem Berufsleben erlebt.“

Foto: Telefónica

„Wir werden bald auf Wettbewerbsniveau sein.“ Markus Haas, Chief Operating Officer (COO) der Telefónica Deutschland Holding AG.

Schließlich hat das neue Unternehmen es mit verschiedenen Netzinfrastrukturen zu tun – zwei in klassischer GSM-Technik, zwei UMTS- und zwei LTE-Netze. Ein Großteil des Telefonieverkehrs laufe noch über GSM, beschreibt Haas und freut sich auf die bei der letzten Frequenzauktion zusätzlich erworbenen 900-MHz-Frequenzen, die er jetzt nutzen kann.

Der Datenverkehr finde immer noch häufig über UMTS-Technik statt, weiß Haas. „Für viele Kunden ist das im Alltag das Brot- und Butternetz, auch wenn alle schon von LTE und Gbit/s sprechen. Aber 4G wird durch unseren forcierten Ausbau rasch das entscheidende Datennetz werden.“ Im LTE-Netz sei man – dank des O2-Aufbaus – bereits bei 77 % Netzabdeckung. Haas ist Optimist: „Wir werden bald auf Wettbewerbsniveau sein.“

Namen wie Base, Simyo oder Blau.de wird es künftig bei Deutschlands Mobilfunker Nr. 1 nicht mehr geben. Ähnlich wie der Netzumbau ist auch die Markenmigration radikal. Fast alle Vertragskunden hätten die neuen Angebote akzeptiert, erklärt das Unternehmen. Die Prepaid-Kunden sollen im zweiten Halbjahr 2016 folgen.

 „Damit wollen wir alle Kunden auf eine IT-Plattform heben.“ Entscheidend dabei: Doppelentwicklungskosten sollen vermieden werden. „Wenn ich ein neues Produkt oder einen neuen Tarif habe, dann muss ich das nur einmal tun.“

Künftig wird es nur drei große Datenbanken bei der Telefónica geben – eine für Vertrags-, eine für Prepaid- und eine für Wholesale-Kunden, jene großen Wiederverkäufer wie Tchibo, Aldi und andere. Heute sind es „wesentlich mehr“. Damit müssen die Agenten in Callcentern nur noch in ein System schauen. Haas weiß: „Wenn wir einen neuen LTE-Tarif oder Roamingoptionen einführen, dann müssen wir das nur einmal tun und nicht fünf-, sechs-, siebenmal.“ Vor allem Entwicklungskosten will Haas so einsparen – auch für neue Techniken wie die e-SIM, jene kleine „embedded“ SIM-Karte, die in Fitnessarmbänder, Uhren, Autos und mehr eingebaut wird.

Ein Großprojekt, an dem mehrere Hundert Menschen im Unternehmen arbeiten. Und: „Kein Elfenbeinturm“, darauf legt Haas wert. „Aktuell migrieren wir sechsstellige Kundenstämme – das hat für uns höchste Priorität in der IT und als zentrales Thema in der Unternehmensintegration.“

Ein Projekt, das mit rund 1600 Mitarbeitern weniger umgesetzt wird, denn diese Stellen wurden im Zuge der Fusion bis zum 30. Juni über ein Abfindungsprogramm abgebaut. Heute arbeiten noch 7500 Mitarbeiter für das gemeinsame Unternehmen. Im Callcenterbereich wurden Standortgarantien bis 2018 ausgesprochen. „Wir setzen auf unsere eigenen Mitarbeiter bei der Digitalisierung, weil sie die besten Ideen haben und die Kunden am besten kennen“, sagt Haas. „Und wenn diese Mitarbeiter das Gefühl haben, dass sie mit jeder Digitalisierungsidee eigentlich an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen, dann wird das nicht funktionieren.“

Mit dem Mega-Umbau hat sich Telefónica Deutschland voll der „eigenen Digitalisierung“ verschrieben. Ein wichtiger Baustein seien die Nutzung und Erschließung von Daten. Dafür hat Telefónica in München und in Düsseldorf Digital Command Center (DCC) eingerichtet, in denen Telefónica alle wesentlichen Unternehmens- und Marktdaten in Echtzeit analysieren kann. „Mitarbeiter können auf dieser Basis künftig weitgehend autark und in Echtzeit auf Entwicklungen reagieren“, sagt Haas. Das funktioniere wie ein Day-Trading.

 So könnte die Datenanalyse beispielsweise dazu führen, dass in Echtzeit Angebote geändert oder Ressourcen besser ausgenutzt werden. Welche Kunden sind wo und was nutzen sie? Investiere ich im Schwarzwald, auf der Kö oder dem Jungfernstieg? Big-Data-Analysen, aber auch Predictive-Analytic-Werkzeuge setzt Telefónica dort ein. Damit lassen sich schon in der Vorschau Mobilfunkverkehrsentwicklungen erkennen.

Die Managementebene sitze bereichsübergreifend im DCC, jeder Mitarbeiter sei aber aufgerufen, eigene Ideen beizusteuern, Hierarchieebenen seien nicht wichtig. Bislang hätten viele Mitarbeiter keinen Zugang zu den zusätzlichen Informationen aus diversen Bereichen. Telefónica wolle den Mitarbeitern die Daten zurückgeben. Alle Mitarbeiter würden zurzeit geschult, um das Potenzial zu nutzen. „Ich behaupte, dass in fünf Jahren nahezu jeder Angestellte in einem Telekommunikationsunternehmen in der Lage sein muss, analytische Daten zu verarbeiten und vielleicht auch mit externen Datenmengen zu korrelieren“, sagt Haas. Es müsse nicht jeder Data Scientist werden, aber jeder müsse in der Lage sein, mit Daten umzugehen.

Man darf gespannt sein, ob die Rechnung aufgeht. Denn eine Zahl hat Telefónica Deutschland bereits im Vorfeld kundgetan: Über 5 Mrd. € will das Unternehmen durch Synergieeffekte sparen – mit der Integration der Netze und dem Abbau von der Personalkapazitäten. 

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