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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Bahn

„Wir sind einfach schneller“

Von Regine Bönsch | 20. Februar 2015 | Ausgabe 08

Nahe dem Frankfurter Hauptbahnhof betreibt die Bahn-Tochter DB Kommunikationstechnik eine Werkstatt, die sich auf Schlüssel- und Sicherheitstechnik, aber auch auf Ticketautomaten spezialisiert hat. Ein Besuch zeigt, dass sich das handwerkliche Geschick auch für den Mutterkonzern rechnet.

S15 Bus (1)

Angeschlagene Riesen: Die Ticketautomaten in der Werkstatt können Geschichten von Vandalen und Dieben erzählen.

Das Gebäude in der Frankfurter Gutleutstraße könnte unscheinbarer kaum sein. Ein fünfstöckiger weißer Bau mit grauen Jalousien fällt im Reigen der vielen Gewerbebetriebe nahe des Hauptbahnhofs kaum auf. Einzig ein kleines Plakat macht den Bau etwas bunter. „Kein Job wie jeder andere – Azubi mit Übernahmegarantie“ steht da. Und es verrät auch etwas über den Hauptmieter: Die Deutsche Bahn bzw. eine ihrer Servicetöchter, die DB Kommunikationstechnik, hat hier ihren Sitz. Ein bundesweiter Dienstleister mit 3100 Mitarbeitern. Wenn es um Datenübertragung, Kommunikationstechnik, Videoüberwachung, Anzeigetafeln, Uhren oder anderes geht – bei der Bahn und anderen Auftraggebern –, dann ist dieser Dienstleister gefragt.

Europaweit einzigartig: Toni Prager ist stolz auf seine Schlüsselfräsmaschine.

Hier in Frankfurt arbeiten für die DB Kommunikationstechnik gerade einmal 35 Menschen. „Wir haben unter anderem ein Kompetenzzentrum für Schließanlagen und Sicherungstechnik aufgebaut“, erklärt der Werkstattleiter Jens Kraft. Mehrere 10 000 Schlüssel und Tausende von Schließzylindern verlassen pro Jahr diesen Betrieb.

Es gibt viel zu schließen bei der Bahn, ihren Töchtern, privaten Bahnunternehmen und externen Kunden wie Polizei, Feuerwehr oder Schulen. Bei der Bahn fängt das bei den einfachen Schlüsseln mit langem Zapfen für diverse Stahltüren an, geht über diverse Zugangsschlösser und Schließfächer bis hin zum Lokschlüssel, mit dem der Fahrer den Zugang zur Lok erhält. „Eine Bahn darf nicht stehen, nur weil der Fahrer nicht reinkommt“, berichtet Kraft.

Besonders viele Schlüssel gibt es in der Bordgastronomie. Kein Bierkasten, keine Kaffeemaschine, die nicht verschlossen wird. Aus einem simplen Grund: „Es kommt sonst zu viel weg.“

Foto: Fotos (6): Bönsch

Rohlinge en masse: Ob in Apothekerschränken oder Plastikgefäßen – in der Gutleutstraße gibt es Rohlinge für alle Schlüsseltypen.

Kein Zweifel: Die Bahn kämpft auf breiter Front gegen Diebstahl und Vandalismus. Und Kraft ist stolz: „Wir machen alles, was händisch zu machen ist.“ Und das meist schneller und günstiger, als es andere Firmen im Auftrag tun könnten. So wie vor Kurzem, als ein Techniker eines externen Dienstleisters überfallen wurde. Ihm wurden sämtliche Schlüssel gestohlen – auch der für DB-Ticketautomaten. Über Nacht wurden 100 neue Zylinder hergestellt und ausgetauscht. „Das hätte bei anderen länger gedauert.“

Herr der Schlüssel ist in Frankfurt Toni Prager. Graue und blaue Kästen, größere Fässer, Apothekerschränke – alles ist hier voll mit Schlüsselrohlingen. Auf einem Arbeitsplatz liegen kleine Stifte parat, die auf ihren Einbau in einen Zylinder warten. Die DB Kommunikationstechnik hat im zweiten Stock der Gutleutstraße Ähnlichkeit mit einer Uhrmacherwerkstatt.

Besonders stolz ist Prager auf „seine“ Silca DB KTT KSS. „Diese Maschine ist wahrscheinlich einmalig in Europa.“ Vorsichtig schnappt sich die Schlüsselfräsmaschine den Rohling eines Schweizer Sicherheitsschlüssels. „Ein Bohrmuldenschlüssel“, erklärt Experte Prager, „einer der sichersten Schlüssel überhaupt.“ Kleine, unterschiedlich tiefe und große Löcher auf beiden Seiten und am Rand zeichnen ihn aus. Im Werkzeug bohrt derweil ein kleiner Bohrer die zuvor programmierte Löcheransammlung. Noch einmal auf die Seite drehen, und fertig ist das gute Stück – inklusive der kleinen Gravur auf dem Kopf. Eine Minute dauert das. Prager strahlt und hält einen anderen rundlich geformten Schlüssel nach oben. „Mechanisch sicherer sind nur diese speziellen Schlüssel aus Finnland. Aber auch die können wir.“

Schlüssel auf Vorrat: Manchmal müssen die Werkstattexperten aus Frankfurt über Nacht Hunderte von Schlüsseln und Zylindern austauschen.

Etwas elektronischer geht es ein Stockwerk tiefer bei Houman Manouchehri zu: Er ist zuständig für die Kodierung elektromechanischer Schlüssel. Diese enthalten im Griff einen Transponder. Frei nach dem Motto „Doppelt gemoppelt hält besser“ schließen und funken diese Schlüssel. Jeder Transponderchip im Innenleben erhält über das Intranet eine spezielle ID. Und damit eine Berechtigung für einen ganz speziellen Zugang oder auch für eine bestimmte Arbeit. Manouchehri ist stolz: „Wir können den Schlüsseln auch über die Ferne Berechtigungen zuordnen – über Mobilfunk.“ Und er ergänzt flux: „Unverschlüsselt geht hier nichts durch die weite Welt des Internets.“

Im Erdgeschoss warten die Riesen unter den Geräten. Rot-graue Ticketautomaten der Bahn stehen hier in Reih und Glied. Manchmal durchbricht ein türkisfarbenes Exemplar des Rhein-Main-Verkehrsverbunds das Farbenspiel. Automaten, die Geschichten erzählen können. Ein reingefrästes Loch an der Seite, ein brachial aufgehebelter Geldschlitz, ein zersplittertes Display, ein völlig leer gesprengter Vertreter seiner Zunft. Rußspuren allerorten. Kein Zweifel: Jeder Automat hier ist Opfer von Dieben oder Vandalen geworden (siehe Seite 14).

Frankfurt, das ist neben Leipzig eines von zwei Schwerpunktzentren der Bahn, in denen Ticketautomaten repariert werden. Zwischen 160 und 200 Geräte verlassen pro Jahr die Werkstätten. Lässt sich alles reparieren? Die beiden Mitarbeiter im schwarzen Vlies nicken grinsend. Sie kennen die Tricks der Banden, die versuchen die Automaten zu knacken, genau und reparieren mit Werkzeugen aller Art alles – vom Display über die Außenhaut bis hin zum Münzschlitz. Immerhin kostet ein neuer Automat 20 000 €, einer der Banknoten annimmt, sogar 25 000 €. Inklusive Aufbau kommen da schnell 30 000 € zusammen.

Foto: Bönsch

„Wir machen alles selbst. Wenn das nicht geht, haben wir verloren.“ Jens Kraft, Werkstattleiter der Bahn-Tochter DB Kommunikationstechnik.

 „Wir machen alles selbst“, wird Kraft nicht müde zu betonen. „Wenn das nicht geht, haben wir verloren.“ Der junge Werkstattleiter, der einst hier seine Ausbildung machte und noch Betriebswirtschaftslehre oben drauf setzte, hat das genau kalkuliert. Bei den Automaten ebenso wie bei der IT-Abteilung in der Gutleutstraße, die Bahner jährlich mit 15 000 PCs, Notebooks und mehr versorgt. Und natürlich auch für das Kompetenzzentrum für Schließ- und Sicherheitstechnik.  Und noch einen anderen Vorteil hat, so Kraft, die Werkstatt der Bahn: „Wir sind einfach schnell.“ 

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