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Sonntag, 21. Januar 2018

Windkraft

Zulieferer der Windindustrie suchen internationale Strategie

Von Jörn Iken | 27. März 2015 | Ausgabe 13

Die Zulieferer der deutschen Windindustrie haben zwar volle Orderbücher, aber sie stehen vor großen Anforderungen. Preisdruck, Internationalisierung und immer kürzere Innovationszyklen setzen sie unter Druck.

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Foto: Jörn Iken

In der Getriebetechnik für die Windenergie liegen die Europäer vorn, hier ein Prüfstand beim Getriebehersteller Bosch-Rexroth.

Für die deutsche Windindustrie war 2014 ein gutes Jahr. Der Zubau an Windenergieanlagen (WEA) an Land nahm allein in Deutschland um fast 60 % gegenüber 2013 zu. Der Rekordzubau umfasste 4750 MW neu installierter Anlagen. Rekordwerte auch beim Ersatzanlagengeschäft: Weit über 1000 MW wurden durch modernere und leistungsfähigere Maschinen ersetzt. Auch die Offshore-Windbranche hat abgehoben, 1050 MW sind in Betrieb.

Zu diesen mehr als befriedigenden Umsätzen kommt noch das Auslandsgeschäft oben drauf. Schätzungen gehen von einer jährlichen Wachstumsrate von 5 % für den Weltmarkt aus. Das liefe auf mehrere Hunderttausend Anlagen hinaus. Damit eröffne sich ein „gigantischer“ Markt für Service und Wartung, so Johannes Schiel. Er ist Referent für Windenergie beim VDMA Fachverband Power Systems, der einen großen Teil der deutschen Zulieferindustrie repräsentiert.

Onshore-Rekorde, Offshore-Start und Serviceboom – alles in allem eine komfortable Ausgangslage für die Anlagenhersteller – und für die Zulieferer? „Wenn es den Herstellern gut geht, geht es auch den Zulieferern gut“, fasst Schiel seine Erfahrungen zusammen. Dieser Zusammenhang ist keineswegs selbstverständlich und bezieht sich eher auf ein volles Orderbuch. Dabei stehen die Zulieferer von drei Seiten unter Druck: Preise, Internationalisierung, Technik.

Viele Aufträge bedeuten nicht automatisch auskömmliche Preise. „Der Preisdruck auf die Zuliefererkette ist hoch. Das war er aber schon immer“, betont VDMA-Windkraftexperte Leopold Greipl.

Überzogener Preisdruck kann jedoch nach hinten losgehen. In einigen Märkten hinterlässt der Preisdruck bereits Spuren. „Der Preiskampf in Indien geht mittlerweile auf Kosten der Qualität und Zuverlässigkeit der Komponenten. Auch Servicefreundlichkeit steht noch hinten an. Als Tendenz erwarten wir hier eine Verbesserung“, teilt der Hydraulikspezialist Hawe mit. Der Zusammenhang zwischen Preisdruck und Qualität ist auch aus anderen Branchen bekannt. Seitens der Zulieferer versucht man das Angebot zu verringern, um den Druck auf die Preise zu mindern. Greipl bestätigt: „Wir sehen eine Tendenz, dass der Zuliefererbereich Überkapazitäten abbaut.“

Auch wenn Automobil- und Windindustrie sonst wenig gemeinsam haben, ist beiden doch eine ähnliche Fertigungsstrategie eigen. Die Fertigungstiefe der WEA-Hersteller ist gering. Einzig der deutsche Marktführer Enercon macht fast alles selbst und ist damit eine Ausnahme in der deutschen Windindustrie.

In aller Regel werden WEA vorgefertigt und im Hause des Herstellers montiert. Ausgenommen sind die Rotorblätter, die beispielsweise Nordex in Eigenregie in eigener Fabrik fertigt. Die Auslegung und das Design technologisch sensibler Komponenten verbleiben hingegen oft beim Hersteller. Diese Arbeitsteilung gilt vorwiegend für die Fertigung. Der Vorteil der geringen Fertigungstiefe besteht im Verzicht auf Investitionen in Fertigungskapazitäten, der Nachteil im möglichen Verlust von Know-how.

Die Windindustriezulieferer arbeiten keineswegs druckfrei: Bei ihnen stehen neben Kostenminderung die Internationalisierung der Aktivitäten und anhaltende Innovationsfähigkeit auf der Agenda. Um nachhaltige Umsätze zu generieren, müssen die Zulieferer den Herstellern ins Ausland folgen.

Das ist nicht immer frei von Hindernissen. Local-Content-Anforderungen zum Beispiel sind aus der Perspektive der einheimischen Industrie ein verständliches Instrument, um die lokale Wertschöpfung ins Spiel zu bringen. Für das Zuliefererunternehmen sind 60 % oder 70 % lokale Wertschöpfung ein echtes Hemmnis.

Als Ausweg bietet sich die Fertigung im Zielland selbst an. Der Stahl- und Anlagenbauer Conferdo GmbH & Co. KG aus dem norddeutschen Esterwegen gehe diesen Weg, erklärt Vertriebs- und Marketingleiter Andreas Pflügge: „Derzeit wird unser Turmsystem – ein Stahlgitterturm – in Südamerika im Rahmen eines Know-how-Transfers positioniert. Aufgrund des vielfach geforderten Local-Contents sowie des Preisvorteils sehen wir ausreichend Potenzial.“

Es sind keineswegs nur die „Big Boys“ der Zulieferindustrie, sondern gerade auch der Mittelstand, der sich als aufgeschlossen erweist, zeigte eine Umfrage der Fachzeitschrift „Sonne Wind & Wärme“. Demnach wird der Anteil der ausländischen Märkte bei den Zulieferern immer größer. Getriebehersteller Jahnel-Kestermann berichtet von einem steigenden Exportanteil. Mit 15 Produktionsstätten und 65 Tochtergesellschaften auf drei Kontinenten liefert auch Rittal weltweit. Ausländische Absatzmärkte – Amerika, Asien – gewinnen an Bedeutung, heißt es dort. Der Automatisierungsexperte Pilz generiert bereits 68 % des Umsatzes im Ausland mit 31 eigenen Tochtergesellschaften sowie rund 40 Handelspartnern. Der Auslandsanteil steige stetig an, da dort für Pilz noch große Potenziale zu heben seien, bestätigte Thomas Nitsche, Team Manager Market Development.

Foto: VDMA/Tristan Rösler Photography

„Die heiße Phase der Produktpiraterie in der Windindustrie ist vorbei.“ Johannes Schiel, Referent für Windenergie beim VDMA Fachverband Power Systems.

Der ausländische Wettbewerb hält die Zulieferer dazu an, mit Produktneuheiten den technischen Vorsprung zu halten oder auszubauen. Innovationen und qualitativ hochwertige Fertigung sind das Einzige, mit dem die deutschen Unternehmer gegen hoch subventionierte asiatische Anbieter punkten können. Das in China vorherrschende lockere Verständnis vom Schutz des geistigen Eigentums habe sich in diesem Zusammenhang spürbar verändert, betont Schiel. Deutsche Unternehmen machten sich deutlich weniger Sorgen, sagt er: „Die heiße Phase der Produktpiraterie in der Windindustrie ist vorbei.“ Chinesische Entwickler schenkten dem Produktschutz mehr Aufmerksamkeit, seitdem sie selbst von Plagiaten betroffen seien. 

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