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Donnerstag, 23. November 2017, Ausgabe Nr. 47

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Automobil

„Zur ständigen Innovation verdammt“

Von Regine Bönsch | 6. Februar 2015 | Ausgabe 06

Auch in Deutschland gibt es Testzentren, die sich mit dem Thema autonomes Fahren beschäftigen. Eines von ihnen ist das Aldenhoven Testing Center (ATC), das u. a. von Dirk Abel, Professor an der RWTH Aachen, mitinitiiert wurde. Er glaubt, dass das ATC durchaus mit dem neuen US-Testgelände mithalten kann. „Für die hochinnovative deutsche Automobilbranche ist die Verfügbarkeit solcher Testcenter von essenzieller Bedeutung.“

ATC-Gelände auf dem Gebiet der ehemaligen Steinkohlezeche Emil-Mayrisch
Foto: RWTH Aachen/Gudrun Schmidt

Das ATC-Gelände auf dem Gebiet der ehemaligen Steinkohlezeche Emil-Mayrisch bietet viele Stationen für Autotests. Zusätzlich sind sechs Pseudoliten – Funkeinrichtungen mit Galileo-Technik – auf Türme und Strommasten installiert.

VDI nachrichten:  Sie haben in Aldenhoven mit dem ATC ein riesiges Testgelände für Mobilität aufgebaut. Ist das vergleichbar mit dem US-Gelände in Michigan?

Foto: Bönsch

Dirk Abel, Professor der RWTH Aachen, ist besonders stolz auf die Galileo-Pseudo-Satelliten-Infrastruktur in Aldenhofen. „Ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Testzentren.“

Dirk Abel: In der Zielsetzung und Ausführung sind die Testgebiete durchaus vergleichbar, wobei das ATC in Aldenhoven rund dreimal so groß sein dürfte wie das MTC in Michigan. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich das ATC auf eine rein öffentliche Trägerschaft abstützt, d. h. auf ein Joint Venture der RWTH Aachen und des Kreises Düren. Die großen Automobilhersteller unterhalten ihre eigenen Testcenter, die jedoch nicht frei zugänglich sind. Neben interessierten Forschern aus dem Hochschulbereich – nicht nur von der RWTH Aachen – bieten wir daher den Zugang speziell auch für kleine und mittelständische Zulieferer.

Dirk Abel

Uns ist wichtig, in Aldenhofen alle Test-einrichtungen vorzusehen, die für Fragen der Fahrdynamik relevant sind – von der Bremsstrecke über den Slalomkurs bis hin zum Ovalkurs mit Steilkurven. Zudem haben wir eine über 200 m im Durchmesser umfassende kreisrunde Testfläche integriert, die Lkw-tauglich ist und beliebige Fahrsituationen nachstellen kann.

 Inwieweit werden dort künftig auch autonome Fahrzeuge getestet?

Die Namensgebung unseres aktuell laufenden Projekts am ATC verrät die anvisierten Ziele: CERM steht für Center on European Research on Mobility. Diese vier Buchstaben fassen unsere Bemühungen zusammen, in den bodengebundenen Aufbauten wie auch in der im ATC installierten Kommunikationstechnik all das bereitzustellen, was für Forschung und Entwicklung im Bereich der autonomen Fahrzeuge erforderlich ist.

Beim Stichwort „autonomes Fahren“ sehen wir dabei – wie sicherlich viele andere auch – „im Weg das Ziel“. Damit ist gemeint, dass man durchaus geteilter Meinung sein darf, ob und wann ein vollständig autonomes Fahren erreicht wird oder ob es überhaupt erstrebenswert ist.

Die Komponenten dafür, z. B. die Fahrzeugumfelderkennung oder die Kommunikationslösungen zwischen Fahrzeugen untereinander oder mit der Infrastruktur, werden jedoch unstrittig in die Fahrzeugtechnik Einzug halten.

Wie ist es um die kommunikationstechnische Ausrüstung des ATC-Geländes bestellt?

Wir freuen uns sehr, dass auch Unternehmen wie Vodafone und Ericsson die Technik maßgeblich mitgestalten. Bei jeglichen Fahrzeug-Sicherheitssystemen spielt die genaue und zuverlässige Ortung eine entscheidende Rolle. Wir sehen daher in dem kommenden europäischen satellitenbasierten Ortungs- und Navigationssystem Galileo ein wichtiges Potenzial gegenüber den heute sich allein auf dem amerikanischen GPS abstützenden Systemen.

Als besonderes Merkmal verfügt daher unser ATC dank der Förderung durch die Raumfahrtagentur über eine Galileo-Pseudo-Satelliten-Infrastruktur, mit der die Entwicklung und Erprobung Galileo-basierter, fahrzeuggebundener Systeme und Funktionen auch jetzt schon möglich sind, also begleitend zum Aufbau des Satellitensystems. Diese Infrastruktur beschert dem ATC auch ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen anderen Automobil-Testcentern, auch den großen der Automobilhersteller.

 Seit Kurzem steht mit einem Teilabschnitt der A9 ein Live-Testcenter für autonomes Fahren zur Verfügung. Wieso brauchen wir trotzdem Gelände wie das in Aldenhoven?

Auch wir haben in früheren F&E-Verbundvorhaben Testfahrten auf öffentlichen Autobahnen durchgeführt – im Umfeld des Konvoifahrens von Lkw. Dies wird aber immer den finalen Phasen solcher Projekte vorbehalten bleiben und Demonstrationscharakter haben. Für die vielen Entwicklungsschritte, die bis dahin nötig sind, braucht man Testumgebungen, in denen man flexibel beliebige Fahrsituationen erproben kann.

Wie wichtig ist es, dass Deutschland, und damit die deutsche Automobilindustrie und deren Zulieferer, Testzentren dieser Art hat?

Die herausragende Bedeutung des Automobils für den Produktionsstandort Deutschland ist an der Präsenz deutscher Automobilmarken am Weltmarkt ablesbar. Gerade für die Produktion im Hochlohnland Deutschland verbietet es sich, den weltweiten Wettbewerb nur über den Preis zu führen.

Vielmehr sind wir zur ständigen Innovation verdammt, mit der wir Wettbewerbsvorteile oder sogar Alleinstellungsmerkale für unsere Güter generieren, die das erforderliche Preisniveau rechtfertigen. Das gilt in besonderem Maße für die hochinnovative Automobilbranche, für die die Verfügbarkeit solcher Testcenter von essenzieller Bedeutung ist.

Durch den hohen Anteil von sehr komplexen Fahrzeugkomponenten, die durch Zulieferunternehmen abgedeckt werden, kommt Integrationstests beim Fahrversuch eine besondere Bedeutung zu.  

 REGINE BÖNSCH

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