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Dienstag, 23. Januar 2018

Umwelt

Abwrackberater aus der Heide

Von Peter Kellerhoff | 28. September 2017 | Ausgabe 39

GSR, ein kleines Unternehmen in der Lüneburger Heide, unterstützt Schiffsabwracker in Indien – zum Wohl der Umwelt und der Arbeiter.

GSR-Services
Foto: Henning Gramann

In Indien und anderswo werden immer noch Altschiffe mit Schwung auf den Strand gesetzt, wo Arbeiter sie teilweise in Flipflops auseinandernehmen.

Die Bilder sind genauso dramatisch wie erschreckend. Einst stolze Schiffe liegen zerfleddert als rostiger Schrottberg am Strand; zwischen den Trümmern arbeiten Männer, die nicht einmal die einfachsten Schutzausrüstungen tragen. Oft klettern sie in Flipflops durch die scharfkantigen Stahlreste. Öl und andere Gefahrstoffe versickern im Sand oder laufen ins Meer.

GSR Services GmbH

Diese Bilder von den Stränden in Bangladesh, Pakistan oder Indien könnten seit 2009 der Vergangenheit angehören. Doch die damals von der internationalen Schifffahrtsorganisation IMO verabschiedete Hongkong-Konvention für ein umweltfreundliches Schiffsrecycling ist bis heute nicht in Kraft getreten. Der deutsche Umweltingenieur Henning Gramann will das nicht länger akzeptieren: „Wir brauchen einen Bewusstseinswandel sowohl bei den Abwrackern als auch bei den Schiffseignern.“ Mit drei Angestellten und zwei externen Fachleuten führt seine GSR Services GmbH im niedersächsischen Südergellersen Verschrotter und Reeder auf den Weg zum umweltfreundlichen Schiffsrecycling: „40 von 140 Abwrackunternehmen in Indien haben ihren Betrieb mit unserer Hilfe bereits umgestellt oder beginnen damit.“

Ein maritimes Ingenieurbüro in der Lüneburger Heide mit einem Chef, der ursprünglich nichts mit Schiffen am Hut hatte – in der Seefahrt sind überraschende Karrieren möglich. Eigentlich ist Henning Gramann gelernter Lkw-Mechaniker: „Auf die Dauer war das nichts für mich.“ Er absolvierte das Fachabitur, kurz vor der Prüfung bekam er Al Gores Buch „Ein Marshallplan für die Erde“ geschenkt: „Das war die Initialzündung, mich intensiver mit dem Umweltschutz zu befassen.“ Der heute 45-Jährige studierte Umwelttechnik an der Hochschule Bremen. Das Thema Schiffsabfall weckte sein Interesse. Gramann heuerte als Umweltoffizier bei der Kreuzfahrtreederei Aida Cruises an. Nach einer weiteren Station im Umweltressort der Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd fühlte er sich 2010 fit genug, ab Anfang 2011 das gesammelte Wissen über das eigene Beratungsunternehmen zu vermarkten.

Green-Ship-Recycling (GSR) zieht sich wie ein roter Faden durch sein Unternehmen. Allein in Indien gibt es 140 aktive Abwrackbetriebe, die meisten am Strand von Alang. Mit voller Kraft voraus werden die schwimmenden Abbruchkandidaten dort beim „Beaching“ auf den Strand gefahren. „Grundsätzlich ist diese Methode ok, um ein Schiff zum Abwracker zu bringen“, erläutert Gramann, „wichtig ist, dass Risiken erkannt und dass sorgsam geplant wird“.

Vor Ort entwickeln Gramann und sein Team gemeinsam mit den Abwrackern Pläne und Strategien für geordnete Abläufe bei der Verschrottung. Umsetzen müssen diese Ideen die Kunden selbst, Gramann macht ihnen aber deutlich, welche ökonomischen Chancen darin stecken. GSR zeigt auf, wie die Bauplätze befestigt und so gegen Umweltgefahren geschützt werden, wie die Arbeitsprozesse optimiert und wie Schadstoffe sicher gelagert werden. Gramann hat aus Indien Fotos eines sauber aufgeschnittenen Schiffes und eines ordentlich aufgeräumten, betonierten Werkplatzes mitgebracht: „Das ist eine der Firmen, die wir beraten haben.“

Foto: Heumer

Henning Gramann: Der GSR-Chef wurde aus umweltpolitischer Überzeugung vom Lkw-Mechaniker zum Abwrackberater.

Die Beratung hat eine soziale Komponente. Gramanns Team kümmert sich um die Lebensverhältnisse der Arbeiter auf den Abwrackwerften. Am Strand von Alang arbeiten zumeist Männer aus entlegenen Dörfern – häufig leben sie unter einfachsten Bedingungen. „Unternehmen, die ihren Betrieb optimiert haben, errichten auch neue Unterkünfte mit einem deutlich besseren Standard“, freut sich Gramann.

Zunächst begegneten die indischen Unternehmer den Beratern aus Deutschland mit Skepsis; dann begriffen sie, dass verbesserte Abläufe und ordentliche Arbeitsstätten ihnen nutzen. Für weitere Motivation sorgte die japanische Klassifikationsgesellschaft ClassNK, mit der GSR Services in Asien kooperiert. Immer mehr Reeder lassen ihre Schiffe von Betrieben abwracken, die von ClassNK zertifiziert sind: „Mit unserer Hilfe bekamen die Abwracker Zugang zu einem lukrativen Markt“, so Gramann.

„Nur mit der Beratung der Abwracker hätte GSR das erste Jahr vermutlich aber nicht überstanden“, räumt der Unternehmer offen ein. Sein wirtschaftliches Rückgrat ist mit dem umweltfreundlichen Zerlegen eng verbunden: GSR erstellt für Schiffseigner die „Inventory of Harzardous Materials“ (IHM), die die EU ab 2020 von jedem Schiff in europäischen Gewässer verlangt. Für eine renommierte deutsche Werft listet Gramann schon während des Neubaus auf, wo an Bord welche Gefahrstoffe verbaut werden. Bei bereits fahrenden Schiffen müssen die GSR-Experten jeden Winkel nach solchen Materialien untersuchen.

Die Notwendigkeit sei noch nicht überall erkannt worden, formuliert es Gramann diplomatisch: „Bis 2020 ist es nicht mehr weit. Wir reden von rund 30 000 Schiffen, die dieses Dokument plus Zertifikat benötigen.“ Weil mancher Gutachter nicht so genau hinschaut, hat Gramann die „Internationale HazMat-Association“ initiiert, die die Prüfer nach einheitlichen Standards zertifiziert.

Die Gefahrstoffinventur (IHM) ist Teil einer EU-Richtlinie, die Maßstäbe für das umweltfreundliche Recycling von Schiffen setzen soll. Wenn ein Eigner sein Schiff direkt zum Abwracker schickt, ist das offiziell ein genehmigungspflichtiger Abfallexport, der nur zu einem zertifizierten Verwertungsbetrieb gebracht werden darf. Häufig werden die Schiffe aber zunächst an einen „Cash Buyer“ veräußert. Das ist ein Zwischenhändler. Unter Umständen ändert der den Kurs des Schiffes erst außerhalb der europäischen Gewässer auf einen Strand von Bangladesh, Pakistan und teilweise auch noch in Indien. Je niedriger die Abwrackstandards, desto höher der Gewinn – das ist die Formel. „Zum Glück erkennen immer mehr Abwrackwerften, dass sie so ihre eigene Zukunft aufs Spiel setzen“, sagt Gramann.“

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