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Samstag, 23. Februar 2019

Informationstechnik

Aus der Cloud zurück auf die Erde

Von Harald Weiss | 5. Juli 2018 | Ausgabe 27

Kostenvorteile sind eines der wichtigsten Argumente für die Cloud. Doch vielfach sticht es nicht.

Den großen Cloud-Providern geht es gut, denn der Markt boomt noch immer. Laut Gartner soll in diesem Jahr der Cloud-Umsatz weltweit von 153 Mrd. $ auf 186 Mrd. $ anwachsen. Andere Auguren sehen das ähnlich. IDC meldet, dass in diesem Jahr rund zwei Drittel der Cloud-bezogenen Ausgaben an die großen Public-Cloud-Anbieter – wie AWS, Microsoft und Google – gehen werden. Laut Forrester ist die Cloud-Adaption in Europa im vorigen Jahr von 39 % auf 57 % angestiegen.

Dieser Ansturm in die Wolke bedeutet andererseits, dass es kaum noch Wachstum auf dem Markt für hauseigene IT-Infrastrukturen gibt. Gartner rechnet dieses Jahr nur mit einem mageren Plus von 0,5 % und bei IDC meint man sogar, dass es einen Rückgang um 2 % geben wird.

Doch das Blatt könnte sich bald wenden, denn trotz dieser beeindruckenden Zahlen fallen bereits wieder einige Anwendungen aus der Cloud auf die Erde zurück – sprich: Sie werden wieder im eigenen Rechenzentrum betrieben. Der Hauptgrund dafür ist überraschenderweise genau das Argument, mit dem die Cloud einstmals die Herzen der Finanz- und IT-Chefs eroberte, nämlich die Kosten.

Doch auf Gartners Liste der Cloud-Mythen steht auf Platz eins: „Mit der Cloud lässt sich immer Geld sparen.“ Die Realität ist genau das Gegenteil davon. Es zeigt sich vielfach, dass Cloud-Computing nicht notwendigerweise stets die günstigste Lösung ist. „Nur mit guten Tools und rigorosem Cloud-Management können die Kosten und der Anwendungsnutzen von Cloud-Computing realisiert werden“, meint Milind Govekar, Vice President und Research Director bei Gartner.

Er prophezeit Unternehmen, die ihre Cloud-Implementierung nicht proaktiv managen, dass sie im Vergleich zur eigenen IT (On-Premise) mindestens 25 % mehr ausgeben werden. Die Gründe für die Kostenexplosion in der Wolke sieht er vor allem darin, dass die Flexibilität der Cloud-Nutzung zu einem Overkill bei der Nutzung führt. Ähnlich wie bei einem Frühstücksbuffet, bei dem man immer viel mehr isst, als wenn man alles einzeln bestellen müsste.

Einige Anbieter im Cloud-Umfeld sehen bereits einen deutlichen Verfall bei den Kostenvorteilen. „Viele Unternehmen sind entsetzt, wenn sie ihre ersten Cloud-Rechnungen bekommen, denn diese sind oft weitaus höher als veranschlagt“, sagt Markus Biesinger, Systems Engineer beim Cloud-Integrator Nutanix. Eine Reihe seiner Kunden würde inzwischen mit spitzem Bleistift nachrechnen, ob sich Cloud-Computing wirklich bei allen Anwendungen lohnen würde. „Die Ergebnisse dieser Analysen fallen immer häufiger zugunsten einer On-Premise-Lösung aus.“

Die englische University of Reading hat solche Erfahrungen hinter sich. Für ihre metrologischen Forschungsprojekte benötigen sie häufig wechselnde Computerleistung – also ein typischer Fall für die Cloud. Die Wahl fiel auf die Azure-Cloud von Microsoft. Anfangs waren alle begeistert. „Wir starteten zunächst mit einigen typischen Forschungsprojekten und alles verlief nach Plan“, sagt Ryan Kennedy, IT-Chef für den akademischen Bereich. „Doch dann kam die Rechnung und löste eine Schockstarre aus.“

Seiner Ansicht nach lag die Kostenexplosion an einer überzogenen und unnötigen Nutzung der verfügbaren Ressourcen. „Wenn man einem Forscher sagt: ‚Hier hast du uneingeschränkte Computerleistung an den Fingerspitzen‘, dann wird gekauft, gekauft, gekauft – wir konnten das einfach nicht mehr managen“, berichtet er über die Gründe für die Rückkehr zur On-Premise-Lösung. Zur Entlastung der Forscher weist Kennedy allerdings darauf hin, dass Cloud-Anbieter ihre Ressourcen gebündelt anbieten. Beispielsweise immer eine Paarung von Computerleistung und Speicher. „Wir haben häufig Anwendungen, die sehr viel Hauptspeicher benötigen, aber nur eine sehr schwache CPU, der maximale Hauptspeicher ist aber nur im Bundling mit Highperformance–CPUs erhältlich – und entsprechend teuer“, kritisiert Kennedy.

Als Alternative entschied sich Kennedy für eine In-House-Lösung. Damit hat er nicht nur die IT-Systemstruktur unter Kontrolle – sondern auch die Kosten. Kennedys Erfahrungen bei der Universität decken sich mit denen von vielen anderen Finanz- und IT-Chefs.

Trotzdem sehen die Gartner-Experten kein generelles Ende bei der Cloud-Adaption. „Dass die Kosten im Moment explodieren, ist ein temporäres Managementproblem, mittelfristig wird man das mit modernen Tools in den Griff bekommen, denn Cloud-Computing bietet auch dann noch sehr viele Vorteile, wenn es nicht unbedingt billiger ist“, sagt Gartners Research Director Philip Dawson.

Zu diesen Tools gehört dann nicht nur das Managen der Cloud-Nutzung (und damit vor allem der Kosten), sondern auch die Cloud-Migration, Back-up und immer häufiger auch das Performance-Monitoring (APM), also das Überwachen der Leistung. Dynatrace, einer der führenden APM-Anbieter, berichtet, dass manche Firmen bereits Konventionalstrafen verhängen, falls sich der Aufbau ihrer Webseite durch eine zu langsame Cloud über Gebühr verzögert.