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Montag, 21. Januar 2019

Aktien

Berlin investiert klimafreundlich

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 2. August 2018 | Ausgabe 31

Um nur in emissionsfreie und ethisch handelnde Unternehmen zu investieren, hat das Land Berlin einen Nachhaltigkeitsindex konstruieren lassen.

Berlin BU
Foto: panthermedia.net/aeydenphumi

Auch mit seiner Rendite konnte der grüne Index-Fonds des Landes Berlin bisher überzeugen

Die Kohle steht im Fokus der globalen Divestment-Bewegung: Sie setzt sich zum Klimaschutz dafür ein, dass staatliche Einrichtungen, aber auch große Investoren ihr Kapital aus der Industrie der fossilen Energieträger abziehen.

Berlin war das erste Bundesland, das die Pensionskasse seiner Beamten in Höhe von 823 Mio. € entsprechend umschichtete. Im Auftrag des Landes Berlin wurde ein ethisch-ökologischer Aktienindex namens Benexx entwickelt, den die Bundesbank 2017 veröffentlichte. Inzwischen hat auch Schleswig-Holstein den Berliner Nachhaltigkeitsindex lizenziert und wird sein Aktienportfolio daran ausrichten.

Der Erfolg ist gegeben: So wurde die Rendite des nachhaltigen Berliner Portfolios mit dem Euro Stoxx 50 verglichen. Im Fünf-Jahres-Vergleich erzielte der Nachhaltigkeitsindex nicht nur fast durchweg eine höhere jährliche Rendite, sondern wies auch eine niedrigere Volatilität auf.

Zur nachhaltigen Performance zählt auch ein quantifizierter CO2-Fußabdruck, der über die Kennzahlen aller im Portfolio enthaltenen Unternehmen ermittelt wird. Demnach könne Berlin die durch seine Investitionen verantworteten Emissionen um 62,9 % reduzieren, wie Margaretha Sudhof von der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen vor Kurzem erklärte.

Der auch unter dem Namen „Solactive oekom ESG Fossil Free Eurozone 50 Index NTR“ bekannte Berliner Nachhaltigkeitsindex kann Unternehmen, aber auch Ländern und Kommunen dabei helfen, Investitionen in kohlenstoffreiche Energieträger zurückzuschrauben. Der Index schließt nämlich alle Kohle-, Öl- und Gasunternehmen, aber auch die Atom- und Rüstungsindustrie aus. Nicht im Index sind auch Unternehmen, die Probleme in den Kategorien „Geldverkehr“ und „Steuern“ sowie mit den Kriterien des UN Global Compact haben.

Für das Nachhaltigkeitsresearch ist die Firma oekom research AG zuständig, für die Indexkonstruktion das Unternehmen Solactive AG. Sie analysieren regelmäßig 3800 Unternehmen in der Eurozone, welche die größten und liquidesten Aktien vorweisen. Sie müssen zudem die besten Nachhaltigkeitsleistungen ihrer Branche in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG-Kriterien) aufweisen. Hierfür wird für jedes einzelne Unternehmen auf Basis dessen Nachhaltigkeitsberichte ein ESG-Score ermittelt.

Bei der Unternehmensbewertung für den Berliner Index gilt die Regel: Je größer die absoluten negativen Auswirkungen der Branche im Umwelt- und Sozialbereich sind, desto höher sind die Anforderungen an das Nachhaltigkeitsmanagement und desto höher ist daher die Schwelle, in den Index aufgenommen zu werden. Am Ende verbleiben 50 Einzelaktien im Index, der jährlich aktualisiert wird.

Derzeit befassen sich fast alle deutschen Bundesländer und viele Kommunen mit dem Thema nachhaltiger Geldanlagen. Einige überlegen für sich ebenfalls einen Index konstruieren lassen, der ihre jeweiligen Nachhaltigkeitskriterien erfüllt.

Ausstiegsbeschlüsse gibt es den Ländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Die Städte Bremen, Freiburg, Göttingen, Leipzig Münster, Oldenburg und Stuttgart sowie die Evangelische Landeskirche Hessen-Nassau haben sich inzwischen zu klimafreundlichen Anlagen verpflichtet. Das Presseversorgungswerk und die Berliner Ärzteversorgung haben ihre Kohleinvestitionen reduziert. Auch große Unternehmen wie die Allianz und die Deutsche Bank haben sich bereits zu Divestments bekannt.

Jetzt soll auch der Bund bei seinen drei Pensionsfonds mit einem Investitionsvolumen von 22,6 Mrd. € umsteuern, findet die Aktivistengruppe Fossil Free Deutschland. Weil der Bund sich bislang am Aktienindex Euro Stoxx 50 orientiert, ist er auch an sieben Konzernen beteiligt, deren Geschäft auf fossilen Energien basiert. Derzeit erarbeitet das Innenministerium ein Nachhaltigkeitskonzept für Aktienanlagen, wobei auch die Anlageregeln der Bundesländer überprüft werden. Spätestens 2025 sollen auch staatliche Subventionen in fossile Energieträger beendet werden.

Möglicherweise spielt bei den Überlegungen die Furcht vor stranded assets eine Rolle. Die These der fossilen Reserven als „verlorene Investition“ war längere Zeit umstritten, doch zuletzt günstiger werdende Preise für Wind- und Sonnenergie verleihen ihr Auftrieb. Gerade veröffentlichte ein Forscherteam in Nature Climate Change eine Analyse, die warnt, dass die Kohlenstoff-Blase im Jahr 2035 platzen könnte, da der technische Fortschritt die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen stark reduzieren könnte. Mathias von Gemmingen von Fossil Free Berlin ist überzeugt: „Der Finanzmarkt kennt die Risiken und wird jetzt den Klimaschutz stärker voranbringen als die Politik.“