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Mittwoch, 20. Februar 2019

Windkraft

Brise aus Brüssel bleibt aus

Von Ralf Köpke | 21. Dezember 2017 | Ausgabe 51

Der Motor für den Ökostromausbau in Deutschland und Europa droht ins Stocken zu geraten.

w - WindEurope BU
Foto: WindEurope

Die europäische Windenergiebranche konnte 2017 noch kräftig aufdrehen, die Perspektiven aber sind ungewiss.

Europas Windindustrie trat bei ihrem Branchentreff „Wind Europe“ Mitte Dezember in Amsterdam selbstbewusst auf. Giles Dickson, Geschäftsführer des ausrichtenden Branchenverbands WindEurope, sprach von der Windkraft „als einer industriellen Erfolgsgeschichte in Europa“.

Von der Unternehmensberatung Deloitte hatte sich der Brite eigens wirtschaftliche Eckdaten zusammenstellen lassen. Danach steuerte 2017 die Branche 36 Mrd. € zum EU-Bruttosozialprodukt bei, sorgte für 263 000 Jobs und für 8 Mrd. € an Exporten in Länder außerhalb von Europa. „Die Frage ist aber, ob diese Entwicklung demnächst so weitergeht“, warnte Dickson.

Wohl und Wehe der Windindustrie hängen im hohen Maße von den politischen Rahmenbedingungen ab. Auf EU-Ebene sieht es nach dem Auslaufen der Klimaschutzziele bis zum Ende dieser Dekade eher mau aus. „Bislang haben sich nur acht der 28 Mitgliedsländer für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien nach 2020 eigene Ziele gesetzt“, resümiert er ernüchtert.

Solche „national targets“ seien nötig, da die Kommission den Anteil erneuerbarer Energieträger in der nächsten Dekade nur von 20 % auf 27 % erhöhen will. Aber ohne verpflichtende konkrete Ausbauziele in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten könnte sich jedes Mitglied auf die anderen verlassen, dass das EU-Ziel schon irgendwie erreicht wird. Diese Haltung droht den Neuausbau erneuerbarer Energien zu lähmen. „Nach dem Pariser Weltklimaabkommen brauchen wir weitaus höhere Ziele“, betont Claude Turmes, einer der einflussreichsten Energiepolitiker im Europa-Parlament.

Im Industrie- und Umweltausschuss hat der Grünen-Politiker aus Luxemburg in den letzten Wochen eine Mehrheit organisiert, damit in der Neuauflage für die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU als Ziel „mindestens 35 %“ stehen soll. Nach seiner Einschätzung wird das Parlament der Empfehlung beider Ausschüsse Ende Januar folgen.

Eine bittere Pille musste Turmes schlucken: Die 35 % sind als EU-weites Ziel zu verstehen. Was fehlt, sind die „national targets“. „Auf diesen Kompromiss mussten wir uns mit den Sozialisten und den Christdemokraten verständigen, ansonsten hätten sie das 35 %-Ziel nicht mitgetragen“, so Turmes. Der EU-Ministerrat hat zu Wochenbeginn das Ausbauziel von 27 % für den Ökostrom bestätigt, nationale Ziele sind nicht enthalten. Turmes und das Europaparlament werden um ihre 35 % bis 2030 streiten müssen.

Den weiteren Windkraftausbau in der EU sichert das aber nicht ab. Obgleich WindEurope für dieses Jahr einen Rekordausbau mit rund 14 GW an Land und auf See erwartet, basiert diese Entwicklung auf tönernen Füßen. Im ersten Halbjahr stemmten Deutschland, Großbritannien und Frankreich allein gleich 82 % des Zubaus. Hingegen ging in acht Mitgliedsländern kein einziges neues Windrad ans Netz. Zudem war in Finnland (50 MW), Griechenland (46 MW), Schweden (23 MW) und Polen (6 MW) die Zahl der Neuerrichtungen kaum erwähnenswert.

Beim Weltbranchenverband, dem Global Wind Energy Council, erwarten die Experten, dass es in Europa bis Ende dieses Jahrzehnts allenfalls bei dem diesjährigen Ausbauniveau bleibt – oder leicht mehr wird. Der große Unsicherheitsfaktor dabei ist der deutsche Windmarkt: Allein 2017 dürfte in Deutschland an Land und auf See mit etwas Glück eine neue Kapazität von gut 7000 MW in Betrieb gehen – ein noch nie erlebtes Hoch hierzulande.

Der Löwenanteil des diesjährigen deutschen Windbooms entfällt auf die Windkraft an Land. „Nach unserer Prognose dürfte der Bruttozubau zum Jahresende in einer Größenordnung zwischen 5900 MW und 6200 MW liegen“, hat Jürgen Quentin von der Fachagentur Windenergie an Land errechnet, indem er das bei der Bundesnetzagentur geführte Anlagenregister auswertete.

Ursache ist die Übergangsregelung bei der letztjährigen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Danach müssen Windturbinen, die bis Ende 2016 eine Baugenehmigung erhalten hatten und spätestens Ende 2018 ans Netz gehen, nicht an den neu eingeführten Ausschreibungen teilnehmen. Deren Betreiber erhalten auch noch die festen, weitaus höheren Einspeisetarife nach dem EEG 2014.

Bis Jahresende 2016 gab es daher massenhaft Genehmigungen, deren Gesamtleistung sich bis zur Silvesternacht 2016 auf rund 8900 MW summiert hat. Das ist die Basis für den diesjährigen Boom. Für das nächste Jahr rechnen Branchenexperten nur noch mit einem Zubau zwischen 3000 MW und 4000 MW.

Was danach kommt? Dass es viel weniger wird, ist absehbar. Dafür sorgt zum einen der Ausbaudeckel von 2800 MW/Jahr. Zum anderen wird auch dieser Rahmen 2019 bei Weitem nicht ausgeschöpft werden, weil es einen Webfehler beim Ausschreibungssystem für Windkraft gibt. Bei den ersten drei Auktionen 2017 haben sogenannte Bürgerenergiegesellschaften das Gros der Zuschläge abgeräumt. Diese haben mehr als vier Jahre lang Zeit für den Bau ihrer Windparks.