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Montag, 22. Januar 2018

Stahl

Chinas Stahlprobleme ziehen Kreise

Von Peter Odrich | 10. November 2016 | Ausgabe 45

Die Zentralregierung kann sich immer schwerer durchsetzen. Die Provinzen setzen nun die Banken unter Druck.

BU Stahl Odrich
Foto: Wang He/Getty Images

Weitermachen! Einige chinesische Provinzregierungen zwingen Banken, die Kredite angeschlagener Stahlkocher zu verlängern.

Die Pläne der chinesischen Zentralregierung sind ehrgeizig: Zwischen 100 Mio. t und 150 Mio. t Rohstahlkapazität will sie in den nächsten fünf Jahren vom Markt nehmen, um den Preisverfall auf Stahlprodukte zu stoppen. Die Provinzen leisten aus Angst vor Massenentlassungen Widerstand – anfangs subtil, mittlerweile offen. Sie versuchen die angeschlagenen Kohle- und Stahlkonzerne dadurch am Leben zu halten, dass sie die Kreditverträge dieser Firmen mit den Banken einseitig tiefgreifend ändern.

Das beginnt mit Zinssenkungen und Laufzeitstreckungen und reicht bis hin zum Zwang für die Banken, Not leidende Kredite kurzerhand in haftendes Eigenkapital umzuwandeln. Zusätzlich müssen die Banken noch immer neue Anleihen der Kohle- und Stahlunternehmen zeichnen. Dabei sind bereits rund 19 % der Ausleihungen der chinesischen Banken an diese beiden Wirtschaftszweige als notleidend einzustufen – 2,25 Mio. US-$ in absoluten Zahlen.

Gegen solche Zwänge können sich die Banken kaum zur Wehr setzen, da inzwischen sogar die zentrale China Banking Regulator Commission den Kreditinstituten auferlegt hat, die angeschlagenen Firmen zu „retten”. Mit anderen Worten gibt es nun auch in Beijing starke Kräfte für die Sanierung.

Zu den schädlichen Auswirkungen dieser Politik gehört, dass der Kapazitätsabbau bei Kohle und Stahl mittlerweile deutlich langsamer verläuft als es die Zentralregierung eigentlich geplant hatte. Der Kohlebergbau hat bis Ende August nur rund 38 % der vorgegebenen Förderschrumpfung tatsächlich vollzogen. Bei der Stahlindustrie sind es immerhin 47 %.

Je langsamer die Kapazitätsanpassung abläuft, desto stärker kommen die Banken unter Druck. In den ersten sechs Monaten diesen Jahres mussten sie bereits 35 000 Mitarbeiter entlassen, um nicht ebenfalls in die Verlustzone zu geraten. In der zweiten Jahreshälfte geht der Personalabbau weiter, wie in Beijing alle großen Kreditinstitute bestätigen.

Die Regierung der kohlereichen Provinz Shanxi hat inzwischen kurzerhand verfügt, dass die Banken sämtliche Kredite an die sieben großen Bergbaugesellschaften der Provinz in ihrer Laufzeit deutlich verlängern müssen. Die Folge ist unter anderem, dass die chinesischen Banken nun nicht nur Personal abbauen, sondern auch die Einkommen der verbleibenden Mitarbeiter kürzen müssen. So versuchen sie, den seit zwei Jahren zu beobachtenden Gewinnverfall zumindest abzubremsen.

Was auf der Gehaltsseite tatsächlich geschieht, zeigen einige Beispiele. Offiziell verlangt die chinesische Kommunistische Partei als Wortführerin lediglich, dass die Gehälter der Führungskräfte fallen. Tatsächlich aber bleibt es selten dabei. Immerhin: Der Verwaltungsratsvorsitzende der zweitgrößten Bank, der China Construction Bank, bekam seine Bezüge als Folge der Kohle- und Stahlkrise um die Hälfte gekürzt und bezeichnete diese Maßnahme angesichts der derzeitigen Verhältnisse als „extrem korrekt”.

Führungskräfte verdienen inzwischen bis zu 60 % Prozent weniger Gehalt. Für das übrige Personal differieren die Kürzungen bislang von Institut zu Institut massiv. Die China Minsheng Banking Corporation hat alle Einkommen um durchschnittlich 22 % zurückgenommen. Bei den Giganten der Branche – vor allem der Industrial und Commercial Bank of China, der Agricultural Bank of China und der Bank of China beläuft sich die Kürzung im ersten Halbjahr 2016 dagegen bisher nur auf 3 % bis 4 %.

All das reicht aber noch keineswegs zur Bewältigung der Krise in weiten Teilen der Stahl- und Kohlewirtschaft in China. Bohai Steel ist inzwischen bereits einen Schritt weiter gegangen und verhandelt mit kommunalen und regionalen Behörden darüber, die 29 Mrd. US-$ Schulden in der einen oder anderen Form erlassen zu bekommen. Inoffiziell ist dazu die Erwartung zu hören, dass es bei Bohai wohl zu einem Kompromiss komme: Die Streichung der einen und die Umwandlung der anderen Hälfte der Schulden in haftendes Eigenkapital.

Schon jetzt gilt als wahrscheinlich, dass das Beispiel Bohai schnell Schule macht. Das aber bedeutet, dass der Kapazitätsabbau bei Kohle und Stahl geringer ausfällt als von Beijing geplant und erhofft. Zugleich aber sorgen die Provinzen für die Schwächung der Banken des ganzen Landes, sodass auch die letzteren in absehbarer Zeit finanzielle Hilfen benötigen könnten.har

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