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Mittwoch, 24. Januar 2018

Halbleitermarkt

Chips sind wieder Politikum

Von Werner Schulz | 8. Dezember 2016 | Ausgabe 49

Der Fortschritt der Chiptechnologie wird mit Milliardeninvestitionen ermöglicht. Wachsender Wettbewerb aus China ruft die Politik auf den Plan.

Halbleiter BU
Foto: Messe München

Elektronik im Automobil ist eine wachstumsstarke Nische für Europas Chiphersteller. Sie führen am Weltmarkt mit 45 % Anteil vor den USA.

Der Fortschritt der Halbleitertechnologien in Richtung Nanostrukturen und neuer Materialien ist nach wie vor die Basis der industriellen Innovation und ihrer Verlängerungen in die bunte Welt der Konsumelektronik. Stand der Halbleitertechnik sind heute Chips mit Strukturen von 10 nm, ab 2017 sind in den Fahrplänen der Technologen 7 nm angesagt, noch kleinere Strukturen sollen folgen. Sie gehen einher mit der Einführung einer neuen Lithografie (Extreme UV) und aufwendiger Verfahren, um die immer deutlicher sichtbar werdenden Grenzen der Physik weiter zu verschieben.

Grenzen des Schrumpfens

Das bedeutet wachsende Kapitaleinsätze im Milliarden-Dollar-Format für die Errichtung und die laufende Modernisierung der Waferfabs. Und auch die F&E-Aufwendungen klettern nach Vorgaben des „Moore‘schen Gesetzes“ unaufhaltsam in die Höhe. Ergebnis ist die seit Jahren anschwellende Konsolidierungswelle der Chipindustrie, bei der nationale Kartell- und Sicherheitsgremien immer vernehmlicher mitreden wollen.

Unter den größten Fusionen des laufenden Jahres war die Übernahme des europäischen Chipherstellers NXP durch die US-Firma Qualcomm, mit einem Volumen von sensationellen 47 Mrd. $. Die mit 750 Mio. $ finanziell relativ bescheidene, aber strategisch sensible Übernahme des deutschen Chipzulieferers Aixtron durch die chinesische Fujian-Gruppe hingegen steht dank US-Intervention noch in den Sternen. Zugleich drückt das nur schwache weltweite Wirtschaftswachstum auch auf die weltweiten Halbleiterumsätze. Wuchsen sie bis 2009 noch um durchschnittlich 7 % pro Jahr, haben sie nach 2010 nur noch um magere 2 % zugelegt.

Auch das erhöht die Anreize für Fusionen mit der Argumentation: „Wie können wir als Unternehmen weiter wachsen, wenn der Markt nicht mehr so stark wächst“, kommentierte Stephan zur Verth, Vorsitzender der Fachgruppe Halbleiterbauelemente im ZVEI Ende November in München. „Man muss der Beste sein, um zu überleben.“

Die Floskel, mit der man diese typische Entwicklung einer Branche gemeinhin bezeichnet, lautet „reife Industrie“. Die gezielte Ausschau nach neuen Märkten für neue Technologien wird zum Treiber des Wettbewerbs, wo bislang einzelne Pionierprodukte zum Unternehmenserfolg ausreichend waren. Hinzu kommt, dass bisherige Hauptanwendersegmente für Halbleiter in Gestalt der Smartphones und Tablets gewisse Sättigungsmerkmale zeigen, die der Schwäche der PC-Märkte um Nichts nachstehen.

Neue Anwendungen locken dafür bei Sensoren und Aktuatoren. Vor allem im im Internet der Dinge und im Automobilsektor, in dem die Umstellung hin zum autonomen Fahren die Fantasie der Chiphersteller beflügelt. Das Automobilgeschäft ist eine gut gehütete Kompetenz der verbliebenen europäischen Chipanbieter. Die europäischen Anbieter bauen hier ihren Weltmarktanteil von derzeit 45 % gegenüber den US-Firmen mit 35 % weiter aus.

Zudem sind Chips für den Automobilsektor eine attraktive Wachstumsnische. Mit 9 Mrd. $ Jahresumsatz ist sie recht bescheiden, bezogen auf den Weltumsatz an Halbleitern von 335 Mrd. $. Doch zeigt sie Zuwächse von mehr als 20 % pro Jahr, während der Weltmarkt 2016 leicht schrumpft, bei prognostiziertem Anstieg um 3 % in 2017.

So weit, so gut, wie gehabt. Wären da nicht die Verwerfungen der Chipweltmärkte, die vom ungebremsten Aufstieg der chinesischen Anbieter ausgehen – auch wenn diese im Moment erst einen Umsatzanteil von 3 % haben. Damit gewinnen regionale und nationale Standortdiskussionen wieder an Prominenz – wie in den 1980er-Jahren. Damals veranlasste der Technologievorsprung der japanischen Speicherhersteller die US-Handelspolitik (und nicht nur diese) zum Umsteuern. Staatlich-akademisch-private Forschungskooperativen wie Sematech sind ein Ergebnis dieses Umdenkens.

Jetzt wiederholt sich dieses Spiel mit Blick auf China und dessen gut kapitalisierten Strategien zum Eintritt in die globalen Hightechmärkte. Bei den Handelspartnern löst das – zum Teil übertriebene – Irritationen aus. Eines der ersten Anzeichen einer neuen, in die Zukunft weisenden US-Handelspolitik ist die im November vom Noch-Präsidenten Barack Obama wohlwollend begrüßte „White House Study Group“ mit sieben hochrangigen Industrie- und Forschungsexperten, darunter der frühere Intel-Chef Paul Otellini. Sie sollen im Rahmen des „President‘s Council Advisors on Science and Technology“ der erst in groben Umrissen erkennbaren Trump-Administration Empfehlungen unterbreiten, wie man mit öffentlicher Förderung die weitere Entwicklung der Chiptechnologien effektiv anschieben kann, um dem offiziellen chinesischen Investitionsfond von 20 Mrd. $ Paroli zu bieten.

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