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Montag, 22. Januar 2018

Kraftwerksbau

„Das Geschäft geht Richtung null“

Von Manfred Schulze | 27. Oktober 2016 | Ausgabe 43

Stilllegung statt Erneuerung und Sparen bei der Instandhaltung gefährden mittelfristig den Export von deutscher Technologie im Großanlagenbau.

w - KTK BU
Foto: Rainer Weisflog

Erneuerung und Wartung finden in vielen deutschen Kraftwerken kaum noch statt. Im Bild Arbeiten an einem Stator, dem feststehenden Außenteil eines Generators.

Die Energiewende schreitet nach Ansicht der Bundesregierung erfolgreich voran – im laufenden Jahr wurde mit dem Zubau von mehr als 4 GW Nennleistung allein im Windsektor deutlich mehr neue Kapazität geschaffen als geplant. Doch das bringt die konventionelle Kraftwerksindustrie und so auch den damit verbundenen Anlagenbau immer mehr in Bedrängnis.

Auf dem jährlich stattfindenden Kraftwerkstechnischen Kolloquium in Dresden letzte Woche konnte der Kontrast zwischen der deutschen Energiepolitik und den existenziellen Sorgen bei Betreibern, Ausrüstern und Instandhaltern thermischer Großkraftwerke kaum deutlicher werden.

Rainer Baake, beamteter Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, sah in seiner Auftaktrede in Dresden die Energiewende in Deutschland nach der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) auf einem guten Weg in die dekarbonisierte Zukunft. „Wir haben die losen Enden der Energiewende in diesem Jahr erfolgreich zusammengeführt“, versicherte Baake, ohne jedoch auf die in der Industrie immer deutlicher werdenden Nebenwirkungen einzugehen.

Teilweise Rückendeckung erhielt Baake von Emmanouil Kakaras, Präsident der European Power Plant Suppliers Association. Er mahnte zwar angesichts der in Paris von der Weltklimakonferenz beschlossenen Klimaziele einen Wandel in der Energieerzeugung an, warnte aber vor einer einseitigen Festlegung auf einzelne Technologien. Vielmehr müssten Investitionen Vorrang bekommen, die den größten Effekt bei der CO2-Reduzierung versprächen und gleichzeitig die Versorgungssicherheit gewährleisteten.

Doch in Deutschland sind die Warnungen aus der Industrie längst unüberhörbar. „Die thermischen Kraftwerke sind nach wie vor die entscheidende Stütze für die Versorgungssicherheit in Deutschland, aber selbst die Braunkohlekraftwerke mit den derzeit günstigsten Grenzkosten für die Verstromung von fossilen Energieträgern kommen immer näher an die Rentabilitätsgrenze“, berichtete Hubertus Altmann, bisher Chef der Vattenfall-Kraftwerksgruppe und nach deren Übernahme durch die tschechische EPH Chef der Lausitzer Energie AG.

Altmann räumte ein, dass es angesichts der trostlosen Ertragslage in Deutschland praktisch keine neuen thermischen Kraftwerkskonzepte mehr gibt, obwohl klar ist, dass nach dem Auslaufen der Kernkraftnutzung noch Jahrzehnte vergehen werden, bis Alternativen für die Grundlast verfügbar sind. Laut Altmann werden bis dahin aber etliche Anlagen in Deutschland ihre Grenznutzungsdauer überschreiten, zumal derzeit auch die Instandhaltung und Modernisierung auf Sparflamme laufen.

„Es wird total auf Verschleiß gefahren“, berichtet Reinhard Maaß, Geschäftsführer des Fachverbands Anlagenbau (s. Interview S. 24). Und dies, obwohl durch die flexiblere Fahrweise der Großanlagen aufgrund des stark schwankenden Angebots an Ökostrom sowohl Verschleiß wie auch Korrosion stark zunähmen. Besonders hart treffe dies die Serviceanbieter, die inzwischen nur noch risikobehaftete Instandhaltung betreiben können. Praktiker bestätigen das. Zunehmend wird gewartet, bis Ersatzteile dringend nötig sind. Ein Instandhaltungsingenieur aus der Lausitz berichtete, dass er sich zuletzt jedes zu ersetzende Bauteil über 300 € Kosten schriftlich habe genehmigen lassen müssen – was nach dem Kauf von Vattenfall durch die Tschechen hoffentlich wieder besser werde.

Die bisher vor allem auf den Lausitzer Kraftwerkspark von Vattenfall ausgerichteten Firmen suchten längst deutschlandweit nach Aufträgen, wie Michael Kehr von Hoffmeier Industrieanlagen aus dem westfälischen Hamm berichtete. Sein Unternehmen habe sich daher neue zusätzliche Geschäftsfelder gesucht, so die Ausrüstung von Zementwerken und den Stahlbau.

„Das Geschäft mit der Instandhaltung geht immer weiter Richtung null“, erklärte Jan Becker vom Kraftwerksservice Cottbus. Das könne nicht mehr lange gut gehen, „sonst wird es zwangsweise richtig krachen“, ergänzte der Ingenieur. „Der Anlagenbau allerdings läuft, weil er ein internationales Geschäft ist, recht gut.“

Am Kongress-Stand von Siemens in Dresden herrschten hingegen eher Zuversicht und Gelassenheit. Zwar spürte man auch hier, dass nach dem Neubau der Gaskraftwerke in Köln und Düsseldorf nun nichts mehr geht und in der Instandhaltung gespart wird, doch Siemens lebt gut von der Globalisierung, sprich vom Export seiner Turbinen, Generatoren und Steuerungstechnik. „Wenn wir Gasturbinen nach Indonesien exportieren, dann haben wir dort einen Bonus, weil Deutschland weltweit als Vorreiter in der Umgestaltung der Energielandschaft gilt“, sagte die Vertriebsmitarbeiterin am Stand.

Doch Maaß warnt davor, diese gegenwärtig im Anlagenbau verbreitet gute Exportsituation ohne Blick auf die Zukunft einfach unkritisch fortzuschreiben: „Deutschland hat bereits aus politischen Gründen einige Technologiepositionen wie die CO2-Abscheidung und -Speicherung aus Kraftwerken aufgegeben. Ohne die Referenz solcher Technologien und hochmoderner, flexibler Kraftwerke werden wir alsbald auch im Export Anteile verlieren.“

Das wäre angesichts eines Projektstands von rund 1400 GW Leistung allein in Kohlekraftwerken weltweit eigentlich ein ausgezeichnetes Geschäftsmodell. Doch mit dem Ende des Neubaus solcher Großanlagen in Deutschland werde dieser Ruf auch in der Ferne zu bröckeln beginnen, meint Maaß. So weit liege dann Indonesien dann doch nicht weg.

Man habe bereits im Großkesselbau die einstige Führungsposition verloren und führe im Vergleich zu Japan (Mitsubishi), den USA (General Electric) und auch den Chinesen eher ein Nischendasein, gibt Maaß zu bedenken. Die einseitige Fokussierung der deutschen Energiepolitik auf die Technologie von Windstrom und dezentraler Kraft-Wärme-Kopplung schade so dem Industriestandort Deutschland.

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