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Samstag, 20. Januar 2018

Verkehr

Das Pedelec wird Standardfahrrad

Von Kathleen Spilok | 2. November 2017 | Ausgabe 44

Claus Fleischer, Chef der Bosch-Einheit eBike Systems in Reutlingen, spricht über Trends.

VDI nachrichten: Bosch kennt man von Einspritzdüsen und Akkuschraubern. Wie kamen sie auf das Elektrofahrrad?

Foto: Bosch eBike Systems

 

Fleischer: 2008 haben zwei Entwickler in der Bosch-Vorausentwicklung überlegt, welchen Beitrag Bosch-Technologien zu den Megatrends unserer Zeit leisten können. Es ging also um Energieeffizienz, Umweltschutz, Mobilität, Urbanisierung und den demografischen Wandel. Die Ingenieure nahmen daraufhin Lithium-Ionen-Akkus für Elektrowerkzeuge sowie Elektromotoren und Sensorik aus dem Automotivebereich und entwickelten daraus ein System für Elektrofahrräder. Aus dem Projekt wurde 2009 ein internes Start-up. 2011 wurde das erste elektrische Antriebsystem für E-Bikes ausgeliefert.

Claus Fleischer

Was war Ihr Ziel, als Sie die Bosch-Einheit übernahmen?

Ich bin 2012 als Geschäftsleiter zu Bosch eBike Systems gekommen. Zu dem Zeitpunkt waren E-Bikes eher für eine ältere Zielgruppe. Sehr bewusst haben wir dann die Entscheidung getroffen: Die Systeme müssen leistungsfähiger, sportlicher und stylischer werden. Genau das ist passiert. Das Elektrofahrrad ist der einzige gesellschaftliche Trend, der von alt zu jung geht. Das Nutzerspektrum reicht nun vom Rentner bis zum Studenten.

Wie entwickeln sich ihre Marktanteile?

Bosch beliefert 70 Fahrradmarken weltweit mit Systemen für Elektrofahrräder, die aus Antriebseinheit – Motor und Getriebe – , Akku und Bordcomputer bestehen. Dabei wachsen wir schneller als der Markt, dessen Absatz sich seit 2015 jährlich um 10 % bis 15 % steigert. Dennoch gibt es große Unterschiede bei den europäischen Ländern und weltweit. Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande und Belgien haben den am stärksten ausgeprägten Fahrradmarkt und eine besondere Fahrradkultur. Das sind unsere Kernmärkte. Italien, Frankreich, Spanien ziehen langsam nach. In den USA und Kanada wächst zumindest die Aufmerksamkeit für E-Bikes. Australien und Neuseeland sind Märkte, die gerade anspringen.

Was war der Anlass, nun ein Antiblockiersystem – ABS – für Fahrräder zu entwickeln?

Bosch eBike Systems hat schon sehr früh Unfallforschung mit Hochschulen und Instituten betrieben. Wir haben uns die Unfallursachen angeschaut: Der durchschnittlich geübte Fahrradfahrer bremst vorne zu wenig, weil er Angst hat zu stürzen, wenn das Vorderrad blockiert. Mit der Hinterradbremse hat man einen sehr viel längeren Bremsweg. Das heißt: Wir müssen Fahrradfahrer dazu bringen, mehr die Vorderradbremse einzusetzen. Aber: Tun sie das in kritischen Bremssituationen – zum Beispiel auf Schotter – rutscht das Vorderrad weg. Es kommt zum Sturz. Anders ist das auf griffigem Untergrund: Da hebt das Hinterrad ab und sie können sich überschlagen.

Wie verhindert das ABS den Sturz?

Sensoren messen die Raddrehzahlen am Vorder- und am Hinterrad. Das Regelsystem gleicht diese Sensordaten mit Modelldaten für den stabilen Zustand von Fahrrad und Fahrer ab. Am Bremsdruck erkennt das System, wenn man sich in einer kritischen Situation befindet und regelt dagegen.

Kritisch ist etwa ein hoher Druckaufbau in der Vorderbremse. Das ABS baut den Druck ab und lässt ihn anschließend wieder zu. Das Vorderrad stabilisiert sich, statt seitlich wegzurutschen und das Hinterrad kommt nicht hoch. Das System ist für S-Pedelecs bis 45 km/h und für Pedelecs bis 25 km/h ausgelegt.

Noch ist kein ABS-E-Bike im Handel, wann kommt das?

Das Bosch eBike ABS ist bereits serienreif und von uns freigegeben. Die Dekra hat die Entwicklung begleitet und begutachtet. Wir führen das System schrittweise ein. Das ABS liefern wir seit September an Fahrradhersteller aus. Diese integrieren es in Fahrräder, die in den sogenannten Flottenbetrieb gehen – in Tourismusflotten, Verleihflotten. Der Grund: ABS ist so neu für die Branche, vor allem für den Handel, dass wir die Zeit in der Wintersaison nutzen, um die Händler und die Hersteller zu schulen. Im Herbst 2018 kommen dann Serienprodukte auf den Markt und in den Handel.

Digitalisierung macht auch vor dem Fahrrad keinen Halt. Welche Entwicklungen gibt es rund um das Elektrofahrrad 4.0?

Dadurch, dass wir jetzt Energie und Intelligenz am Fahrrad haben, können wir noch mehr Funktionen elektrifizieren. Wir haben Fahrwerkregelsysteme, ABS, elektrische Schaltungen. Hinzu kommt die Vernetzung: E-Bike-Computer mit Navigation, Fitness, Routenplanung haben wir schon. Im Bereich Konnektivität werden noch viel mehr Lösungen folgen. Die ganze Branche befasst sich aktuell mit diesem Thema: Was bietet dem Endkunden einen wirklichen Mehrwert? Und welche Lösungen setzen sich dauerhaft durch? Wir sind gerade in der Experimentierphase.ciu

Die Landesregierung Baden-Württemberg arbeitet an einer Radverkehrsstrategie, die auch Unternehmen wie Bosch einlädt, mitzumachen. Was raten Sie den Verkehrsstrategen?

Das E-Bike nimmt den Leuten viele Argumente, warum sie kein Fahrrad fahren. E-Bike fahren heißt frische Luft, Spaß, mobil sein, ohne dass ich mich überanstrenge. Die Botschaft für die Landesregierung und ihre Radverkehrsstrategie daraus ist: Konzentriert euch nicht ausschließlich auf den Radfahrer, sondern vor allem auf den E-Biker. Er fährt öfter, länger und hat Anforderungen: Er will auf Radwegen sicher unterwegs sein. Zudem benötigen E-Biker diebstahlsichere Abstellmöglichkeiten. Fahrradparkhäuser wären eine Möglichkeit. So etwas gibt es in Deutschland noch nicht.

Sie haben beim Mountainbiken immer einen zweiten Akku im Rucksack. Warum?

Das E-Mountainbike zeigt Mountainbikern: Hochfahren macht Spaß – wir nennen das Uphill Flow. Nicht mehr die Reichweite, sondern die Reichhöhe, wenn man so will, ist das Entscheidende beim Mountainbiken. Mit einem Akku schaffe ich rund 1200 Höhenmeter. Mit einem zweiten Akku kann ich doppelt so viele Höhenmeter fahren. Deshalb packe ich für eine Tagestour mit 2000 Höhenmetern einen zweiten Akku ein.ciu

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