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Samstag, 17. Februar 2018

Abwasser

Der Pumpenwürger

Von Bettina Reckter | 8. Februar 2018 | Ausgabe 06

Verzopfungen durch Hygienetücher legen Pumpen lahm. Den Betreibern von Abwasserinfrastruktur entstehen dadurch weltweit Milliardenschäden.

Pumpe
Foto: FSD TU Berlin

Mühsame Handarbeit: Werden Verzopfungen nicht rechtzeitig entfernt, laufen die Pumpen heiß und gehen kaputt.

Einfach wisch – und weg. Was nach Werbespruch klingt, bringt Abwasserentsorger in Bedrängnis. Denn immer mehr Verbraucher benutzen reiß- und wringfeste Feuchttücher – und entsorgen sie dann einfach über die Toilette. Die Folge: Die Tücher verstopfen die Rohre und legen Pumpen lahm.

Das Problem hat einen Namen: Verzopfung. „Ein Großteil der Hygienetücher besteht bisher vollständig oder anteilig aus Kunststofffasern auf Basis von Polypropylen, Polyethylen oder Polyester“, weiß Jan Waschnewski, Projektleiter für Forschung und Entwicklung bei den Berliner Wasserbetrieben. Im Gegensatz zu normalem Toilettenpapier würden diese Tücher durch Bindemittel wie Melaminformaldehydharz reiß- und nassfest und könnten sich deshalb nicht einfach mit der Spülung auflösen. Stattdessen bleiben sie hängen und bilden meterlange armdicke Stränge – vorzugsweise an den Pumpen, aber auch im Kanalnetz und an den Fangrechen der Klärwerke.

Foto: BWB

Reiß- und wringfeste Feuchttücher verstopfen die Rohre und legen Abwasserpumpen lahm.

„In Berlin belaufen sich die Mehrkosten auf ca. 1 Mio. € pro Jahr, allein um die Pumpen wieder in Gang zu setzen“, beziffert Waschnewski den Schaden. Und die Hauptstadt steht damit nicht alleine. Einer Umfrage der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) in ihren Landesverbänden Nord und Nord-Ost zufolge haben 80 % bis 90 % der Abwasserentsorger von Oldenburg bis Halle solche Schwierigkeiten in ihrer Infrastruktur.

Dabei ist es rein rechtlich in Deutschland verboten, Abfälle über das Abwasser zu entsorgen. So jedenfalls steht es im Wasserhaushaltsgesetz (WHG). Die Tücher gehören in den Mülleimer – genauso wie Babypflegetücher oder feuchte Staubtücher. Vielen Verbrauchern ist das nicht bewusst. Hilfreich wäre eine eindeutige Kennzeichnungspflicht auf den Verpackungen. Umso mehr, als der Markt mit feuchten Hygienetüchern hierzulande stetig wächst: von 107 Mio. € Umsatz im Jahr 2014 auf 126 Mio. € im Jahr 2016. Und in Nordamerika geht der Jahresumsatz sogar in die Milliarden.

Was fehlt, sind unabhängige Zerfallstests und normierte Standards für die sogenannte Spülbarkeit solcher Hygienetücher, an denen sich die Hersteller orientieren könnten. Ein Drittel der Feststoffe im Abwasser stammt bereits aus Textilien aller Art, also von Vliesstoffen, Verbundstoffen, Maschenware und anderen Geweben. Das ist ein Ergebnis des Projekts „Konzepte für urbane Regenwasserbewirtschaftung und Abwassersysteme“, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziell unterstützt hat.

Ob ein Papier „spülbar“ ist, wird derzeit über sieben Stufen der Spülbarkeit getestet, heißt es in einer Antwort des Deutschen Bundestages auf eine kleine Anfrage zu dieser Thematik. Das Verfahren sei von der Industrie selbst entworfen worden, bilde allerdings kaum reale Verhältnisse ab, so die Kritik der Siedlungswasserwirtschaft.

Der vom Verband der Vliestuchhersteller in Europa (Edana) entwickelte „Slosh-Box-Test“ überprüft den Zerfall der Tücher in einer mit Wasser gefüllten schwenkbaren Box. Nach drei Stunden sollen sich mindestens 25 % der Masse abgelöst haben. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass immer noch 75 % der Tücher in Rohren und Pumpen hängen bleiben könnten. Zudem ist vor Ort nicht immer eine Fließzeit von drei Stunden bis zum nächsten Abwasserpumpwerk gegeben.

Foto: BWB

„In Berlin belaufen sich die Mehrkosten auf ca. 1 Mio. € pro Jahr, allein um die Pumpen wieder in Gang zu setzen.“ Jan Waschnewski, Projektleiter Forschung und Entwicklung bei den Berliner Wasserbetrieben.

Wasserwerker formulieren das deshalb wesentlich schärfer: „Zersetzbar in 30 min sowie biologisch abbaubar“, fordert Jan Waschnewski neue Rezepturen von den Herstellern der Hygienetücher. Das sind Vorgaben, die selbst natürlicher Zellstoff kaum einhalten kann. Der Stoff, aus dem normales Toilettenpapier besteht, sei mitunter erst nach 30 Tagen abgebaut, sagt Waschnewski. Hier müsse noch mehr geforscht werden.

Das tut zum Beispiel die Albaad Deutschland GmbH mit Sitz im münsterländischen Ochtrup, die ca. 250 Mio. Packungen Hygieneartikel pro Jahr produziert. Dabei sei Feuchttuch nicht gleich Feuchttuch. Es gebe durchaus Unterschiede, erläutert Geschäftsführer Wolfgang Tenbusch: „Das Basismaterial von unserem feuchten Toilettenpapier besteht aus Zellulosefasern, die mit einem wasserlöslichen Kleber zusammengehalten werden.“ Die Reißfestigkeit sei so ausgesteuert, dass das Tuch beim Gebrauch seine Funktion erfüllt und sich dennoch anschließend in Wasser auflöst.

Ein wasserverfestigter Verbund aus Viskose und Polyesterfasern speziell für Haushaltspflege-, Baby- und Kosmetiktücher ist ein anderes Produkt der Münsterländer im Segment Feuchttücher. Da die Fasern nicht verklebt, sondern mechanisch miteinander verkettet sind, besitzt das Material eine enorme Reißfestigkeit und zersetzt sich auch nicht in der Kanalisation. Ein weiterer Hersteller hat kürzlich sogar ein biologisch abbaubares Vliestuchmaterial entwickelt.

„Sämtliche Produkte sind deshalb mit dem Hinweis gekennzeichnet, dass sie über den Hausmüll zu entsorgen sind“, sagt Albaad-Chef Tenbusch. Wobei ihm durchaus klar ist, dass die Tücher dennoch oft unbedacht und unsachgemäß in der Toilette landen, da viele Anwendungen im Bad und damit eben „toilettennah“ stattfinden.

Während Hersteller wie die Firma Vogelsang im oldenburgischen Essen mit Zerkleinerern wie dem XRipper oder die Homa Pumpenfabrik in Neunkirchen-Seelscheid mit speziellen Rührwerken bereits technische Lösungen gegen die Verstopfungen in der Kanalisation anbieten, setzen Wasserwerker wie Waschnewski auf den Dialog. „Die Siedlungswasserwirtschaft ist kein Reparaturbetrieb“, sagt der Berliner Experte, „aber wir sind bereit, die Ursache der Problematik mit allen Verantwortlichen gemeinsam anzupacken.“

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