Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden
Suche

Donnerstag, 21. Februar 2019

Maschinenbau

Die Maschenmeister

Von Kathleen Spilok | 25. Oktober 2018 | Ausgabe 43

Der Weg zum Weltmarktführer führt über enge Haarnadelkurven hinauf auf die Schwäbische Alb. In Albstadt baut Mayer & Cie. seit 80 Jahren Rundstrickmaschinen für die ganze Welt.

w - Mayer & Cie. BU Spinit
Foto: Mayer & Cie.

Preisgekröntes Produkt: Für die Spinnstrickmaschine Spinit erhielt Mayer & Cie. im Februar den IKU-Innovationspreis.

Mayer & Cie. gehört zu denen, die den Niedergang der deutschen Textilindustrie in den 1970er-Jahren überlebt haben, als die Textilhersteller ihre Massenproduktion in Billiglohnländer verlagerten. Geblieben sind die Champions, die bis heute führend in ihrem Bereich sind: Hersteller von industriellen Maschinennadeln, Unterwäsche, technischen Textilien. „Wir gehen hier nicht weg“, betont Seniorchef Marcus Mayer.

Mayer & Cie.

Der Strickmaschinenhersteller ist komplett in Familienhand und familiengeführt. Alle drei Geschäftsleiter heißen Mayer. Alle drei tragen einen professionell gestutzten Bart. Marcus Mayer ist Maschinenbauingenieur und der technische Kopf in dem Trio. Handstricken hat er nie gelernt. „Ich habe sehr schnell erkannt, dass maschinelles Stricken viel produktiver ist“, sagt er.

Foto: Mayer & Cie.

Familienunternehmer in der vierten Generation: Bei Mayer & Cie. in Albstadt stehen heute Benjamin, Sebastian und Marcus Mayer in der Verantwortung (v. li.).

Die drei Mayers sind die Urenkel des Gründers Johannes Mayer. Der hatte 1905 als Dienstleister für alles Technische angefangen und zunächst Fahrräder repariert. Dann gründete er die Vereinigten Mechanischen Werkstätten Mayer und produzierte für die umliegenden Textilhersteller Wirkmaschinen. Daraus entwickelten sich die Rundstrickmaschinen. Sie waren viel schneller und sind bis heute das Kerngeschäft des Unternehmens.

Juniorchef Sebastian Mayer bekennt: „Wir wollen Familienunternehmen bleiben. Unsere Väter haben früh angefangen, die Übergabe an die nächste Generation vorzubereiten, nur so kann das funktionieren“, findet der 35-Jährige. Nach der vierten gibt es auch schon die fünfte Generation, zumindest in XS.

Wer auf dem weitläufigen Gelände des Maschinenbauers zur Kantine will, muss durch die Produktion. Die Hallen sind die Herzkammern: Hier treffen Schwermaschinenbau und Feinmechanik aufeinander. Es riecht nach Metall, es wird gedreht, gefräst, gebohrt. Gussteile warten auf Paletten, bis sie in die Bearbeitungsautomaten kommen. Kleinteile werden tausendfach mit hoher Präzision gefertigt. Oft von Hand, weil Automaten das nicht können.

Das Kernstück einer Rundstrickmaschine ist ein geschmiedeter Stahlring mit bis zu 1,5 m Durchmesser. In die Außenhaut sind 6000 feine Kanäle geschnitten, in denen die Nadeln laufen. Der Zylinder dreht sich etwa 50-mal/min. Mit jeder Umdrehung produziert er Maschen. Das Ganze sieht aus wie eine monströse Strickliesel.

Der Zylinder bildet das Mittelteil, während oben die Garne hineinlaufen und unten der fertige Stoff in Endlosbahnen herauskommt. Bis zu 1 t Stoff am Tag. 250 000 Maschen stricken die Maschinen in der Sekunde, maschinenbaulich eine Herausforderung. „Textilindustrie ist eine Hightechindustrie. Man macht sich überhaupt nicht klar, wie viel Know-how in einem Textil steckt“, betont Marcus Mayer.

In der Endmontage wird es ruhiger. Das eine oder andere Hämmern ist zu hören. Mitarbeiter wuseln um die pilzförmigen Maschinen herum, machen Testläufe, setzen Nadeln ein und bringen Spulen auf das Spulengatter, das wie eine Krone auf den 3 m hohen Maschinen thront. Mayer & Cie. baut 50 verschiedene Maschinentypen in mehr als 1 Mio. Varianten, die Garn etwa zu Single- oder Doppeljersey verstricken. Ist eine Maschine fertig, bekommt sie eine Seefrachtverpackung und geht von Albstadt aus auf Weltreise.

Die neueste Erfindung der Mayers steht in einer extra Halle: eine Spinnstrickmaschine, kurz Spinit. Sie hat den klassischen Aufbau einer Rundstrickmaschine. Das Besondere ist: Die Maschine verstrickt anstelle von fertigem Garn Baumwollfasern, das Vorprodukt des Garns.

„Eine komplett neue Technologie“, macht Michael Tuschak klar, der diese Entwicklung ingenieur- und vermarktungstechnisch voranbringt. „Wir bringen zwei Schritte zusammen, die mehr als 100 Jahre getrennt liefen: Spinnerei und Strickerei“, schildert er. Eine Entwicklung, die 15 Jahre gedauert hat und voller Fallstricke war. Denn Fasern haben die Eigenschaft zu reißen, sobald sie leicht gezogen werden.

„Zu Beginn war die große Frage: Kann man aus Fasern eine textile Fläche herstellen, die standhält?“, erzählt Tuschak. Die Antwort lautet: Man kann. Die Entwickler setzten eine abgespeckte Spinneinheit auf die Strickmaschine. Sie zieht die Faserbündel vorsichtig, gibt eine temporäre Drehung auf das Material und transportiert es bis zu den Nadeln. Ein Sensor misst Schwankungen im Naturprodukt. Dickstellen werden ausgereinigt, ohne die Maschine zu stoppen. Darunter startet der Strickprozess.

Rund 35 Patente hat das Unternehmen für die einzelnen Schritte der Spinit-Technologie. Was sie bringt? „Ich spare ein Drittel der Zeit und ein Drittel Energie“, erläutert Tuschak. Bei fünf T-Shirts macht das 1 kg CO2 weniger. Zu Jahresbeginn erhielten die Albstädter dafür den Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt (IKU-Innovationspreis) 2017 in der Kategorie „Umweltfreundliche Technologien“. Ab Oktober soll Spinit in Serie produziert werden, mittelfristig bis zu 50 Maschinen jährlich.

„Wir müssen der Konkurrenz immer eine Nasenlänge voraus sein mit unserem Standort Deutschland, denn auf der Kostenseite können wir im Markt nicht gewinnen“, begründet Marcus Mayer den Drang, ständig innovativ zu sein. Ab Januar 2019 werden in Albstadt zusätzlich Flechtmaschinen gebaut. Damit können Gummi- und Hochdruckschläuche umflochten werden, die in Baumaschinen oder Fahrzeugen eingesetzt werden. Ein neuer Markt.

Alle drei Chefs wirken entspannt. Dennoch: Die Textilindustrie ist ein launiges Geschäft. Asien ist heute der größte Textilmarkt, dort stehen die meisten Maschinen von Mayer & Cie. Fast 100 % der Maschinen gehen in den Export.

„Es ist Fluch und Segen zugleich, dass wir in die ganze Welt exportieren“, sagt Sebastian Mayer. Zum einen biete das riesige Chancen. „Zum anderen können wir als kleiner Maschinenbauer auf der Alb keinen Einfluss auf weltwirtschaftliche Entscheidungen oder Handelskriege nehmen“, gibt der Juniorchef zu bedenken.

 

Der Lira-Kurs, der drohende Handelskrieg mit China und die Regierung in den USA sorgen für deutliche Unsicherheiten in den Märkten, sind die Chefs von Mayer & Cie sich einig. Dennoch wissen sie aus eigener Erfahrung: Die Märkte verschieben sich laufend über die Erdkugel. China zum Beispiel ist inzwischen zu teuer für die Textilherstellung.

„Afrika ist im Kommen. Nächster Markt könnte Äthiopien sein“, weiß der Seniorchef. Bis das klar ist, läuft noch viel Garn durch die Maschinen aus Albstadt.