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Freitag, 22. Februar 2019

Energieeffizienz

Die zweite Energie von Flüssigerdgas

Von Manfred Schulze | 17. Mai 2018 | Ausgabe 20

Eco Ice aus Sachsen macht die Potenziale aus der Kälte tiefgekühlter Gase nutzbar.

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Foto: Eco Ice

Auf der Bühne: Verleihung des Deutschen Kältepreises 2016 an Eco-Ice-Geschäftsführer Günter Bellmann (li.), Peter Otto, Geschäftsführer der KKS (Mi.) und Rainer Braun (re.), technischer Berater für Eco Ice.

Peter und Michael Otto gehören im besten Sinne des Wortes zur ostdeutschen Gründerszene: Gleich nach dem Fall der Mauer bauten die Brüder – der eine Kältemeister, der andere Techniker – ihr eigenes Unternehmen auf: die Kälte-Klima-Sachsen GmbH (KKS) in Wermsdorf, südöstlich von Leipzig. Für die nun im Kühlbereich verfügbare neue Westtechnik bauten die großen Hersteller in Ostdeutschland ein Servicenetz auf, oft mit lokalen Partnern.

Eco Ice Kälte GmbH

Die Wermsdorfer wollten bald mehr sein als ein reiner Dienstleister für andere Marken. Die Ottos hatten schon immer ein gutes Auge und ein offenes Ohr für technische Neuerungen – vielleicht auch ein wenig das in der früheren Mangelwirtschaft erprobte Talent, selbst etwas Neues auszuprobieren.

Heute sorgt das mit 45 Mitarbeitern immer noch sehr kleine Unternehmen weltweit für Aufmerksamkeit durch ein selbst entwickeltes Verfahren, mit dem die in tiefgekühlten Flüssiggasen enthaltene Energie hocheffizient genutzt werden kann. Und wie es im Leben so ist: Der Zufall wollte es, dass sich Peter Otto und Günter Bellmann vor sieben Jahren beruflich aus recht verschiedenen Richtungen trafen – und fortan gemeinsame Sache machten.

Peter Otto sollte eine Kälteanlage für einen Fischzucht- und Verarbeitungsbetrieb errichten, Bellmann, der viele Jahre zuvor an der Leipziger Bauhochschule promoviert hatte, den Bau des Gebäudes planen und überwachen. Da könnte er doch auch gleich den dringend benötigten Neubau des Firmensitzes in Wermsdorf machen, wurde Bellmann gefragt. Er konnte, und fortan sollte er, damals immerhin schon gute 70 Jahre auf der Welt, in seiner Karriere eine jähe Wende erleben.

Bellmann reist heute weltweit zu den großen Energiemessen, spricht mit Projektentwicklern im Hafen Rotterdam, konferiert mit Managern großer Energiekonzerne wie der spanischen Enagas oder muss nach Chile. Dort will er zusammen mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit eine Regasifizierungsanlage so ausstatten, dass die im Flüssigerdgas (LNG: liquefied natural gas) enthaltene Kälte nicht in die Luft oder ins Meer geleitet, sondern effizient genutzt wird.

Foto: Eco Ice

Im Einsatz: Techniker Sergei Reshitov justiert den Wärmeübertrager an der Referenzanlage der Elbfrost GmbH.

„Diese enorme Verschwendung hat uns eigentlich die Idee regelrecht aufgedrängt, die von uns selbst entwickelte Absorptionskältemaschine in ein System einzubinden, das Abwärme und die im Gas enthaltene Kälte verlustarm nutzt“, sagt er. Abgesehen von Japan, wird überall in der Welt diese Energie, die zum Verflüssigen von Erdgas aufgewendet werden muss, am Endpunkt der Transportkette einfach in die Umwelt abgegeben, erklärt Bellmann.

Er hat inzwischen die Geschäftsführung einer eigens für die Entwicklung gegründeten Tochtergesellschaft, der Eco Ice Kälte GmbH in Borna, übernommen. Seither ist Bellmann dort jeden Morgen ab 7 Uhr im Büro, wenn er nicht um die Welt reisen muss: „Mich treibt das Thema Energieeffizienz seither um, das hält mich fit. Aber ich bin auch nicht der Typ, der zu Hause seine Rente genießt“, sagt er.

Die KKS hatte zunächst eine leistungsfähige Absorptionskältemaschine für kleine Leistungsbereiche entwickelt, die bislang als nicht wirtschaftlich galten und sich auch in kleinen Lebensmittelbetrieben einsetzen lassen. Peter Otto wollte die Abwärme, die zum Beispiel ein Blockheizkraftwerk (BHKW) liefert, nicht nur wie bisher üblich zum Beheizen von Räumen nutzen. Dieses Verfahren lässt nämlich oft nur in der kälteren Jahreszeit einen wirtschaftlichen Betrieb zu.

Ideal und technisch möglich wäre es, die Kälte aus dem Flüssigerdgas mit dem Strom und der Abwärme des BHKW für einen Verbraucher maßgeschneidert bereitzustellen. 2016 schließlich, da stand das alles noch auf dem Papier, erhielt die KKS-Tochter Eco Ice den Deutschen Kältepreis für das inzwischen patentierte Verfahren.

Auch wenn Flüssiggas in Deutschland aufgrund des dichten Erdgasnetzes nur ein Nischendasein genießt, wollten die Sachsen dennoch hier eine erste Referenzanlage bauen. Die Wahl fiel schließlich auf ein Kühlhaus der Elbfrost Tiefkühlkost GmbH im sächsischen Choren, nur gut 50 km entfernt vom Firmensitz.

Dort wird eine so genannten Satellitenanlage, ein großer Flüssiggastank als Speicher, für den Betrieb des BHKW genutzt. Das LNG muss vor seiner Verbrennung allerdings regasifiziert werden. Seit April übernimmt das nun eine Anlage von Eco Ice, die über einen Wärmetauscher die anfallende Kälteenergie direkt in das Kühlsystem des Lagers einspeisen kann.

„Wir sehen das als einen sehr innovativen Ansatz, unseren Energieeinsatz nachhaltig zu gestalten“, sagt Elbfrost-Geschäftsführer Göran Remus. Die direkt nutzbare Kälteleistung, die durch den Gasbedarf des mit nur 100 kW elektrischer Leistung recht kleinen BHKW begrenzt ist, stehe aber rund um die Uhr zur Verfügung.

Global hat LNG bereits rund ein Drittel Marktanteil am Gesamt-Erdgasmarkt, Tendenz steigend. Und: Pro Tonne LNG müssen beim Herunterkühlen auf etwa -161 °C mindestens 10 % der im Gas enthaltenen Energie aufgewendet werden, andere Quellen sprechen sogar von mehr als 20 %.

„Wir sehen überall dort, wo das Flüssiggas anlandet und wo es verbraucht wird, Anwendungsmöglichkeiten“, sagt Bellmann und nennt die großen Kühlhäuser an den Seehäfen mit LNG-Terminals als Beispiel. Doch funktioniert das vor allem dort, wo neu geplant und gebaut wird, also möglicherweise in Brunsbüttel, wo das erste große LNG-Terminal in Deutschland entstehen soll.

„Dort ließe sich eine entsprechende Infrastruktur kostengünstig errichten, denn eine große Entfernung zwischen Terminal und Verbraucher muss durch die Raumplanung vermieden werden“, meint Bellmann. Weitere Anwendungsmöglichkeiten sind die Ausrüstung von LNG-Kühltransportern oder Kreuzfahrtschiffe, die wegen der neuen Abgasvorschriften ebenfalls mit Flüssiggasantrieb auf Kiel gelegt werden.

„Unser Problem als kleiner Mittelständler ist dabei eher, dass wir die Fülle von Möglichkeiten überhaupt bewältigen können“, sagt KKS-Geschäftsführer Peter Otto. Allein schon das Handling der rasch ansteigenden Anfragen würde eigentlich 20 oder 30 Leute erfordern. „Wir behelfen uns dabei, ähnlich wie bei der Produktion der Kältemaschinen, mit einem breiten Netzwerk von Partnern und Zulieferern“, sagt er. Aber auf Dauer komme auch die Einbeziehung eines strategischen Partners infrage.