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Samstag, 23. Februar 2019

Architektur

Eingebundene Wolkenkratzer

Von Ulrich W. Schamari | 1. November 2018 | Ausgabe 44

Aktueller Trend bei Hochhäusern sind städtebauliche Einbindung und Nachhaltigkeit.

BU2 Wolkenkratzernews
Foto: Hufton + Crow

Pixeloptik: Als neues höchstes Gebäude Thailands (314 m) setzt das MahaNakhon nicht nur beim äußeren Erscheinungsbild Maßstäbe.

Die Frage „Was gibt das Gebäude zurück?“ stand im Fokus der Jurydiskussion um den weltweit wichtigsten Architekturpreis für Hochhäuser. Der mit 50 000 € dotierte „Internationale Hochhauspreis 2018“ wurde am 1. November verliehen.

Das Deutsche Architekturmuseum hatte aus über 1000 neuen Hochhäusern über 100 m der beiden vergangenen Jahre weltweit 36 Projekte ausgewählt, von denen fünf das Finale erreichten. Die aktuellen Beurteilungskriterien waren zukunftsweisende Gestaltung, Funktionalität, innovative Bautechnik, städtebauliche Einbindung, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Besondere Beachtung fand der Aspekt, wie ein Hochhaus zum Stadtgefüge und zum urbanen Leben beiträgt.

Auch Aspekte wie das statische Konzept, die Nutzungsmischung sowie die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und Gestaltung wurden einer Analyse der Jury aus Architekten, Tragwerksplanern, Immobilienspezialisten und Architekturkritikern unterzogen. Stellvertretend für die enorme Bandbreite der nominierten Gebäude standen die Finalisten. Die Türme stehen in Bangkok, Beirut, Mexiko-Stadt, Beijing und Singapur.

Das skulpturale Projekt Beirut Terraces thematisiert das Wohnen im mediterranen Klima der libanesischen Hauptstadt. Weiße, gegeneinander verschobene Geschossplatten verwischen den Übergang zwischen innen und außen, wodurch das Leben im Freien aufgewertet wird. Der Komplex Chaoyang Park Plaza in Beijing hebt sich durch seine dunklen Glasfassaden sowie amorphe Formen von der umliegenden repetitiven Bebauung ab.

Foto: K. Kopter

Vertikalgarten: Die grüne Bepflanzung des Oasia Hotel Downtown in Singapur bringt mehr Vegetation in den Großstadtdschungel.

Das begrünte Hochhaus Oasia Hotel Downtown in Singapur verfügt über ein bepflanztes Exoskelett, das beeindruckende Freiräume umschließt. Geschützt vor Sonne und Regen, schaffen sie naturnahe Oasen inmitten des stark verdichteten Stadtzentrums.

Eines der favorisierten Projekte war das MahaNakhon, mit dem das Büro Ole Scheeren in Bangkok das mit 314 m höchste Gebäude Thailands geschaffen hat. Der Turm mit seiner charakteristischen Pixelfassade ist ein neues Wahrzeichen Bangkoks und soll Sinnbild für den Aufschwung der Metropole und für die Globalisierung sein. Jurymitglied Jette Cathrin Hopp erkannte „eine interessante Variation einer ansonsten klassischen Typologie durch die Fragmentierung und Verpixelung, die Teile des blockhaften Gesamtbildes aufzulösen“.

Doch Gewinner des Internationalen Hochhauspreises 2018 wurde das Bürogebäude Torre Reforma in Mexiko-Stadt. Entgegen dem weltweit andauernden Trend hin zum Wohnturm sowie zu immer größeren mischgenutzten Projekten in Asien ist der diesjährige Preisträger des Architekten und Bauherrn L. Benjamin Romano größtenteils ein Bürogebäude mit Restaurant und Fitnesscenter.

Foto: Alfonso Merchand

Rückseite: Beim Torre Reforma in Mexiko bestehen zwei Seiten aus einer massiven Betonkonstruktion, um gegen Erdbeben abzusichern.

Nur die Art der Nutzung ist konventionell. Die in Mexiko-Stadt herrschende Erdbebengefahr erforderte ein kluges Tragwerkskonzept, das dem 246 m hohen Büroturm sein signifikantes Erscheinungsbild verleiht. Wie ein riesiger urbaner Obelisk oder ein geöffnetes Buch zwischen zwei massiven Außenwänden aus Sichtbeton, die für höchste Erdbebensicherheit sorgen, hebt sich der Torre Reforma von den umliegenden Hochhäusern ab.

Als solides Fundament reichen die 1,20 m breiten Betonwände 60 m tief in die Erde. Sie wurden in Schichten von 70 cm pro Tag gegossen. Die Fugen zwischen den einzelnen Schichten dienen als Sollbruchstellen im Falle eines Erdbebens. Sie bieten den wirkenden Kräften einen Angriffspunkt, der die Statik nicht beeinträchtigt. Auch kann sich das Gebäude mitbewegen, da große Öffnungen als „Knautschzonen“ aus den massiven Wänden ausgespart sind.

Die Stahlstreben vor der Glasfassade, die die Geschosse tragen, laufen in beweglichen Gelenken zusammen. Dieses Konzept begeisterte sowohl die Ingenieure als auch die Architekten in der Jury am stärksten.

Architekt Romano hat mit den massiven Wänden des Torre Reforma an die baulichen Traditionen der Azteken angeknüpft und diese modern interpretiert. Die Jury sah in dem Gebäude den meisterhaften Ausdruck eines neuen Nachdenkens über das Hochhaus und somit einen würdigen Preisträger.

„Das Gebäude zeigt durch seine innovative und erdbebensichere Konstruktion im wahrsten Sinne des Wortes Rückgrat“, lobte Matthias Danne von der Dekabank, die Mitträgerin des Architekturwettbewerbs ist.

Durch hohe Energieeffizienz und kreativen Umgang mit Baumaterialien beeindruckte der mexikanische Wolkenkratzer. Zu dessen Optimierung wird die Gebäudetechnik der Cluster, in denen je vier Geschosse zusammengefasst sind, einzeln überprüft. Regen und Abwasser werden vollständig für die Kühltürme der Klimaanlage wiedergenutzt.

Die Kuratoren des Deutschen Architekturmuseums betonten anlässlich der Preisvergabe Peter Körner und Maximilian Liesner, : „Anders als man zuerst vermuten würde, spielt die Höhe gar keine so große Rolle.“

Foto: Iwan Baan

Auf der Vorderseite des Torre Reforma laufen Stahlstreben vor der Glasfassade in Beweglichen Gelenken zusammen.

Ein zentraler Aspekt sei aber die Einbindung in den Stadtraum gewesen. Beispielsweise könnten am Boden neue öffentliche Plätze geschaffen oder im Gebäude kulturelle sowie kommerzielle Angebote für eine breite Nutzergruppe integriert werden. Eine gelungene Formensprache könne darüber hinaus einem Stadtteil eine besondere Identität verleihen.

Zu den internationalen Hochhaustrends erklärten die beiden Kuratoren: „Der Trend zum Wohnhochhaus hält an. Nachdem dieser Typ aus Asien mit Verspätung in Europa eingetroffen ist, werden mittlerweile auch hier vermehrt Wohntürme gebaut.“

Im asiatischen Raum verfestige sich währenddessen bereits das Konzept der mischgenutzten Gebäude, die Arbeiten, Wohnen und zum Teil noch viel mehr unter einem Dach vereinen. Außerdem sei der Blick nach China besonders spannend: Nachdem dort schon seit einigen Jahren die meisten Hochhäuser weltweit gebaut würden – allerdings noch recht selten von lokalen Architekturbüros – sei inzwischen eine deutliche Qualitätssteigerung erkennbar.kur