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Mittwoch, 20. Februar 2019

Windkraft

Eingetrübte Aussichten

Von Ralf Köpke | 7. Februar 2019 | Ausgabe 06

Wie erwartet ist der Bau neuer Windkraftanlagen in Deutschland stark zurückgegangen. Für Niedersachsens Energieminister Olaf Lies ein Debakel mit Ansage.

w - Windkraft & Innogy BU
Foto: Georg Schreiber

Niedersachsens Energieminister Olaf Lies auf einer Windkraftanlage: Die Sicht ist klar, die Branchenaussichten sind düster.

Schon die Prognose der Fachagentur Windenergie an Land (FA Land) von Mitte Dezember verhieß für die heimische Branche nichts Gutes: Erstmals seit Jahren, so deren Berechnungen, würde die Jahresleistung neu installierter Windkraftanlagen wohl nicht die 3000-MW-Marke erreichen.

Der Absturz fiel noch krasser aus: Nach dem 2017er-Rekordausbau mit 5333 MW brutto sind 2018 Windkraftanlagen mit einer Leistung von 2402 MW brutto neu in Betrieb gegangen – ein Minus von 55 %. Damit ist die heimische Windbranche auf das Ausbauniveau von 2012 zurückgefallen – das alles im Energiewendezeitalter und trotz zuletzt nennenswert gesunkener Anlagenpreise.

Debakel mit Ansage: Ernüchtert zeigt sich Niedersachsens Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD) angesichts dieser – absehbaren – Flaute: „Es tritt jetzt das ein, was ich immer befürchtet habe: Die erst im vergangenen Dezember im Bundestag beschlossenen Sonderausschreibungen für die Onshore-Windkraft in Höhe von 4000 MW für die kommenden drei Jahre kommen viel zu spät, außerdem haben wir viel zu wenige Genehmigungen für neue Windparks.“

Diese missliche Situation müsse „ganz dringend“ geändert werden. „Um die Klimaziele für 2030 zu erreichen, zu denen sich Deutschland verpflichtet hat, brauchen wir jährlich einen Neubau von mindestens 4000 MW“, so Lies.

Schön wärs. Für dieses Jahr erwartet Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie (BWE), allenfalls ein Plus von etwa 2000 MW. Diese Prognose bezeichnet Matthias Zelinger, Geschäftsführer von VDMA Power Systems, vieldeutig als „risikobehaftet“. In Branchenkreisen machen längst Schätzungen von vielleicht 1500 MW für den Zubau in diesem Jahr die Runde.

Gründe für den Absturz: Das fängt an bei den misslungenen Regeln für die seit 2017 verpflichtenden Ausschreibungen für neue Windkraftanlagen und reicht bis zum nach wie vor gültigen Ausbaudeckel von jährlich 2800 MW brutto.

Wesentlich kritischer: Es fehlt an weiteren Flächen und Genehmigungen für neue Windturbinen. Außerdem dauere das gesamte Antragsverfahren für neue Windparks mittlerweile bis zu 700 Tage, moniert der BWE-Geschäftsführer.

Damit nicht genug. „Eine Genehmigung bedeutet heute nicht mehr automatisch, dass der potenzielle Betreiber auch bauen kann. In der Regel werden alle neuen Windkraftprojekte insbesondere von Natur- und Artenschützern beklagt“, beschreibt Axthelm die Situation.

Die beschlossenen Sonderausschreibungen kämen zu spät, um 2019 eine „marktrelevante Wirkung“ zu zeigen, so Axthelm: „Wenn alles klappt, sehen wir erste Projekte dieser Zusatzmengen in der zweiten Jahreshälfte 2020 am Netz.“

Die zusätzlichen Ausschreibungsmengen seien dennoch nicht nur ein „wichtiges Signal“ an die Branche, sondern auch an die Bundesländer und die Fachbehörden, „dass neue Flächen und Genehmigungen für den Windkraftausbau benötigt werden“.

Wie bei anderen wichtigen Infrastrukturmaßnahmen mahnen die Windenergieverbände stringentere Genehmigungsverfahren und eine Straffung gerichtlicher Klagemöglichkeiten an. „Der Windbranche wäre schon viel geholfen, wenn erteilte Genehmigung für neue Windparks analog des vorliegenden Planungs- und Beschleunigungsgesetzes nur noch von einer Gerichtsinstanz überprüft werden müssten“, so Axthelm. Ob es aber zu der nötigen Gesetzesänderung kommt, gilt im politischen Berlin als absolut offen.

Bei Windkraft auf See sieht die Lage nicht besser aus: In diesem Jahr werden die letzten vier Offshore-Kraftwerke mit gut 1300 MW errichtet werden, dann sind die von der Bundesnetzagentur genehmigten Netzanschlusskapazitäten von gut 7700 MW belegt.

Zwischen 2020 und 2022 kommt es in den deutschen Nord- und Ostseegewässern zum Baustopp. Ein Beispiel für die Folgen ist die RWE-Tochter Innogy, die für 2022 die Errichtung des Projekts Kaskasi in der Nordsee mit weniger als 325 MW Leistung angekündigt hat.

Innogys Ökostromsparte fokussiert sich ohnehin inzwischen mehr auf das Ausland. Von den Gesamtinvestitionen in Erneuerbare-Energien-Projekte in Höhe von gut 3,5 Mrd. € für die Jahre 2018 bis 2020 dürfte ein großer Batzen in den britischen Offshore-Windpark Triton Knoll fließen, den Innogy demnächst für gut 2 Mrd. £ zusammen mit zwei japanischen Partnern baut.

Der Schwarze Peter für diesen Fadenriss auf See liegt für Andreas Wellbrock „ganz eindeutig“ bei der Politik: „In den vergangenen beiden Jahren hat es in der Großen Koalition überhaupt keine Diskussion über den weiteren Offshore-Windausbau gegeben. Außerdem ist in dem vergangenen Dezember beschlossenen Energiesammelgesetz die noch im schwarzen-roten Koalitionsvertrag erwähnte Sonderausschreibung für Offshore-Wind völlig untergegangen“, moniert der Geschäftsführer des Industrienetzwerks WAB e. V.

Auch Niedersachsens Energieminister Lies sieht bei der Offshore-Windenergie dringenden Handlungsbedarf: „Auf der See gibt es keine Akzeptanzprobleme. Um die geschaffenen Industriekapazitäten und Arbeitsplätze in dieser wichtigen Branche zu halten, brauchen wir bis zum Jahr 2030 mindestens einen Ausbau von 20 000 MW.“ Das offizielle Ausbauziel in Berlin sieht seit 2013 nur noch eine Leistung von 15 000 MW vor.

Für den langjährigen Energiepolitiker Lies, der als nicht stimmberechtigtes Mitglied der Kohle-Kommission angehört hat, ist die missliche Situation der Windenergie derzeit nicht nachvollziehbar. Zumindest auf See gibt es kein Akzeptanzproblem: „Es reicht nicht, aus der Kohle aussteigen zu wollen, wir müssen auch klar sagen, was es stattdessen geben soll: Und da spricht vieles vor allem für die Windkraft.“