Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Dienstag, 23. Januar 2018

IAA 2017

Elektrooffensive mit Wenn und Aber

Von Rolf Müller-Wondorf | 14. September 2017 | Ausgabe 37

Auf heimischem Boden gab sich die deutsche Automobilindustrie zum IAA-Auftakt selbstsicher. Der Tenor: Hin zur Elektromobilität unter Beibehaltung der Dieseltechnologie.

IAA-Auftakt (2)
Foto: Volkswagen AG

Vision: VW-Chef Matthias Müller kündigte im Vorfeld der IAA die Elektrifizierungsoffensive „Roadmap E“ an. Deren Finanzierung funktioniert aber nur über den Verkauf konventionell angetriebener Fahrzeuge.

Von einem pauschalen Dieselverbot wollten die deutschen Automobilbauer im Vorfeld der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt/Main nichts wissen. „Es lohnt sich, den modernen Diesel zu verbessern, statt ihn zu verbieten“, betonte stattdessen Daimler-Chef Dieter Zetsche während seiner Rede am Vorabend der IAA und ergänzte: „Wer glaubt, Mobilität wird dadurch nachhaltig, dass wir eine Antriebsform zum Stichtag X verbieten, springt entschieden zu kurz.“

Nach seiner Ansicht wäre ein Dieselverbot heute sogar ein Eigentor. „Schließlich ist jedes Elektroauto letztendlich nur so nachhaltig, wie der Strom den es tankt“. Sein Unternehmen habe daher in den vergangenen Jahren 3 Mrd. € in die Weiterentwicklung der Dieselmotoren investiert. Denn diese Technologie würde für die Einhaltung der Klimaziele dringend benötigt.

Gleichzeitig betonte der Manager aber – und nicht zuletzt dadurch wird der Zwiespalt, in dem die Branche derzeit steckt, deutlich –, dass Daimler in den nächsten Jahren 10 Mrd. € in den Ausbau der Elektroflotte investieren wird. „Bis 2022 werden wir das gesamte MercedesPortfolio elektrifizieren und unseren Kunden in jeder Baureihe mindestens eine elektrifizierte Alternative anbieten“, kündigte Zetsche auf der Bühne der Frankfurter Festhalle an.

Ähnlich argumentierte VW-Konzernchef Matthias Müller im Vorfeld der Automobilausstellung. Er sieht im modernen Diesel nicht das Problem, sondern einen Teil der Lösung. „Mit den Fahrzeugen von heute verdienen wir das Geld für Milliardeninvestitionen in die Zukunft. Und ohne effiziente und saubere Diesel der neuesten Generation werden wir die Klimaziele nicht erreichen“, sagte der VW-Manager. Moderne Verbrennungsmotoren würden als Brücke in das emissionsfreie Zeitalter gebraucht. Doch auch die Wolfsburger Unternehmensgruppe schärft ihre Produktplanung und investiert verstärkt in die Elektromobilität. „Bis 2015 werden wir konzernweit mehr als 80 neue elektrifizierte Modelle zu den Kunden bringen: Darunter fast 50 reine E-Fahrzeuge und 30 Plug-In-Hybride“, kündigte Müller in Frankfurt Maßnahmen an, die unter der Bezeichnung „Roadmap E“ umgesetzt werden sollen. Bis zum Jahr 2030 werde der Volkswagen-Konzern mehr als 20 Mrd. € für direkte Investitionen in die Industrialisierung der Elektromobilität bereitstellen. Dieses Geld fließe unter anderem in Fahrzeuge, die auf zwei völlig neu entwickelten Elektroplattformen basieren.

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), erinnerte im Vorfeld der internationalen Fachmesse an die aufgeheizte Dieseldebatte der vergangenen Wochen und mahnte zur Versachlichung der Diskussion. „Der moderne Diesel ist für die Erreichung der ambitionierten CO2-Ziele in Europa unverzichtbar“, machte der Verbandsfunktionär klar. Dennoch gelte es, wichtige Zukunftsthemen voranzutreiben. Wissmann: „Diese IAA steht für den grundlegenden Paradigmenwechsel, der derzeit in den Unternehmen – und zwar sowohl bei den Produkten als auch in der Produktion – stattfindet: Die enorme Bedeutung der Digitalisierung wird hier auf der IAA für alle sichtbar.“

Entscheidend sei auch die Integration der verschiedenen Verkehrsträger in der Stadt. Hier biete die Digitalisierung Möglichkeiten, um die Mobilitätsherausforderungen in Städten zu meistern. „In das vernetzte und automatisierte Fahren investiert die deutsche Automobilindustrie bis zum Jahr 2020 zwischen 16 und 18 Mrd. €“, sagte der VDA-Präsident. Parallel dazu verlaufe der zweite große Innovationstrend – der Hochlauf der alternativen Antriebe. Wissmann: „Wir investieren dafür bis zum Jahr 2020 40 Mrd. €, die Zahl der Modelle wird sich von heute 30 auf über 100 mehr als verdoppeln.“

Diese Zusagen der Automobilindustrie erfolgen jedoch in einem wirtschaftlichen und technologischen Umfeld, in dem sich die Branche mit zahlreichen Risikofaktoren konfrontiert sieht. Beispielsweise geht eine dieser Woche in Frankfurt zur IAA vorgestellte PwC-Studie davon aus, dass der Verkehr in Europa bis 2030 etwa 80 Mio. weniger Autos braucht als heute. Demnach wird der Fahrzeugbestand in diesem Zeitraum auf nur noch 200 Mio. Autos sinken, während zugleich der Verkehr auf den Straßen noch dichter wird.

„Diese Aussichten sind nur scheinbar widersprüchlich. Denn im Zuge der automobilen Revolution werden viele Regeln, an die sich die Branche über Jahrzehnte gewöhnt hat, in ganz andere Konstellationen geraten“, sagte Felix Kuhnert, Global Automotive Leader der Unternehmensberatung PwC. Von entscheidender Bedeutung sei dabei das von PwC prognostizierte Wachstum preiswerter Sharing-Konzepte. Der heutige „Normalfall“, bei dem die meisten Menschen selber in ihrem Fahrzeug fahren, werde in wenigen Jahren nur noch ein Mobilitätskonzept unter vielen sein. Hinzu komme, dass sich künftig über autonome Fahrzeuge auch die Menschen im Individualverkehr bewegen werden, die heute aus verschiedenen Gründen nicht Autofahren können.

stellenangebote

mehr