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Samstag, 20. Januar 2018

Energiewirtschaft

EnBW zieht die Reißleine

Von Ralf Roman Rossberg | 19. Oktober 2017 | Ausgabe 42

Das Projekt Atdorf II für ein neues 1-GW-Pumpspeicherkraftwerk im Schwarzwald ist gestrichen.

w - Atdorf BU
Foto: dpa Picture-Alliance/Rolf Haid

Erfolgreich dagegen: EnBW hat das zweite Pumpspeicherkraftwerk am Standort Atdorf erst einmal zu den Akten gelegt.

Endgültig aufgegeben hat der Energieversorger EnBW die Planung für das Pumpspeicherkraftwerk Atdorf II im Südschwarzwald. Es sollte mit 1400 MW das leistungsstärkste deutsche Pumpspeicherkraftwerk werden.

Obwohl Speicher zur Sicherheit der Stromversorgung unverzichtbar sind, je mehr Energie von Wind und Sonne nur unregelmäßig zur Verfügung steht, fehlen politische Rahmenbedingungen zur Förderung geeigneter Speicher, wofür bisher im Wesentlichen nur Pumpspeicherkraftwerke infrage kommen. Bei Energieüberschuss im Netz wird Wasser in ein Oberbecken gepumpt und dort so lange gespeichert, bis der Energiebedarf steigt; dann fließt das Wasser in das Unterbecken zurück und verwandelt dort in Turbogeneratoren die potenzielle wieder in elektrische Energie – in früheren Zeiten ein lohnendes Geschäft.

Gebaut werden sollte das Pumpspeicherkraftwerk von der Schluchseewerk AG, einem Tochterunternehmen von EnBW und RWE. Doch die Essener hatten sich schon 2014 aus dem Projekt zurückgezogen. Allerdings wird sich auch EnBW über kurz oder lang vom Wasser ab- und neuen Technologien zuwenden. Zusammen mit Bosch arbeitet EnBW in Heilbronn bereits an einem Lithium-Ionen-Speicher.

Für die Betreiber rechnet sich heute ein Pumpspeicherkraftwerk nicht mehr, denn es fällt zweimal Netzentgelt an: sowohl für den Pumpbetrieb als auch für die Durchleitung des später erzeugten Stroms, so der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „Wir brauchen endlich eine leistungsgerechte Vergütung für flexible Speicherdienstleistungen“, verlangt BDEW-Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer in Berlin. Wegen der Doppelbelastung kämen Speichertechnologien nur sehr langsam in den Markt. Und das, obwohl mehr denn je Flexibilität nötig sei, um die schwankende Einspeisung des Ökostroms auszugleichen.

Der baden-württembergische Energie- und Umweltminister Franz Untersteller bedauerte die Entscheidung, Atdorf II aufzugeben, obwohl er sie erwartet hatte. Der Grünen-Politiker sagte in Stuttgart, er hätte sich gewünscht, dass EnBW trotz der schwierigen Rahmenbedingungen die Planung erfolgreich beendet hätte. 

Für falsch hält die Entscheidung auch die CDU-Landtagsfraktion in Stuttgart. „Wir brauchen jeden Speicher, den wir realisieren können“, teilte Fraktionschef Wolfgang Reinhart mit. Erfreut zeigte sich der Umweltverband BUND: „Dass EnBW davon abgekommen ist, das Pumpspeicherwerk Atdorf inmitten streng geschützter Natur zu bauen, ist eine gute Nachricht für Mensch, Umwelt und Natur vor Ort“, teilte Landesgeschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch mit. Durch die Anlage hätten viele seltene Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum verloren.

EnBW will den Ausbau bestehender Pumpspeicherkraftwerke an anderen Orten wie in Forbach im Schwarzwald weiter vorantreiben. Auch das Obervermuntwerk II im österreichischen Montafon werde im Rahmen einer Partnerschaft mit den Vorarlberger Illwerken verwirklicht.

Ursprünglich ließ sich mit Pumpspeicherkraftwerken der Preisunterschied zwischen billigem Nachtstrom und teurem Spitzenstrom in Gewinn umsetzen. Heute steht die Speicherfunktion im Vordergrund, die Anlagen werden als Energiespeicher genutzt.

Weil der Bau jedes Pumpspeicherkraftwerks mit Eingriffen in die Landschaft einhergeht, gibt es kaum Standorte, an denen ein solches Vorhaben nicht gegen heftige Widerstände hätte durchgesetzt werden müssen. Auch das jetzt begrabene Projekt Atdorf wurde von Gemeinden, Umweltverbänden und Bürgerinitiativen abgelehnt.

Von rund 15 in Deutschland geplanten Pumpspeicherkraftwerken ist ein erheblicher Teil vorerst oder endgültig gescheitert. Wo es nicht die politischen und energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren, brachten Widerstände der Bevölkerung oder von Natur- und Umweltschützern nahezu jedes neue Projekt zum Scheitern. Doch dürften für etliche Anlagen die Pläne nur so lange in den Schubladen bleiben, bis sich die Rahmenbedingungen verbessert haben.

Als Neubauprojekte mit Aussicht auf Verwirklichung gelten derzeit noch eine 300-MW-Anlage der Stadtwerke Trier in Ensch an der Mosel (Inbetriebnahme 2021). Auch der Umbau der Trinkwassertalsperre Schmalwasser im Thüringer Wald zu einem 1-GW-Kraftwerk durch Trianel ist noch nicht vom Tisch. Es soll 2025 starten. swe

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