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Mittwoch, 17. Januar 2018

Kraftwerkstechnik

„Fahren auf Verschleiß“

Von Manfred Schulze | 27. Oktober 2016 | Ausgabe 43

Reinhard Maaß, Geschäftsführer des Fachverbands Anlagenbau, hofft auf den Staat.

VDI nachrichten: Sie sagen, dass einerseits der deutsche Kraftwerkspark immer weiter auf Verschleiß gefahren werde, andererseits aber die Auftragslage für Ausrüster und Instandhalter extrem schlecht sei. Was läuft da schief?

Foto: FBDR

Reinhard Maaß: Nach Angabe des Geschäftsführers des Fachverbands Anlagenbau haben sich die Instandhaltungsbudgets im Kraftwerkssektor in drei Jahren halbiert.

Maaß: Mit der Energiewende haben in den letzten Jahren die Strompreise eine solche Talfahrt erlebt, dass konventionelle Kraftwerke je nach Brennstoffart entweder bereits unrentabel sind oder wie bei der Braunkohle an diese Grenze kommen. Die Betreiber haben also schlichtweg nicht mehr das Geld, um hier den Verschleiß vollständig zu ersetzen, der ja zudem durch die flexiblere Fahrweise noch deutlich angewachsen ist.

Fachverband Anlagenbau

Die Investitionen für Neuanlagen sind inzwischen fast am Nullpunkt, aber auch die Instandhaltung ist von einer vorbeugenden Strategie auf eine Risikofahrweise heruntergeregelt worden. Das trifft die Branche hart, gefährdet aber auch die Sicherheit der Stromversorgung.

Ist das nicht ein wenig dramatisch formuliert, schließlich sinken die Strompreise ja aufgrund eines Überangebots?

Natürlich sorgen Wind und Sonne für den Preisverfall bei Börsenstrom. Nur lässt dieses Marktsignal außer Acht, dass wir eben nicht zu jeder Zeit ein solches Angebot haben und daher die konventionelle Erzeugung benötigen – und zwar noch auf längere Sicht. Wie diese immer mehr in eine Reserverolle gedrängte Grundlast finanziert werden kann, ist bisher aber völlig offen.

Das Preismodell, in dem in Mangelzeiten die Megawattstunde auch einmal 10 000 € kosten könnte, ist sicher problematisch. Kommen aber keine Subventionen für die klassischen Kraftwerke, führt das in eine Katastrophe.

Was heißt das?

Wenn man Kraftwerke durch beständiges Hoch- und Runterfahren der Kapazitäten extrem beansprucht, aber nicht adäquat den Verschleiß ersetzt, werden Schäden wie Rissbildungen die ungeplanten Stillstandszeiten – die im letzten Jahr bereits bei 12 % lagen – noch weiter nach oben treiben. Die Instandhaltungsbudgets wurden innerhalb von drei Jahren praktisch halbiert. Das Szenario für eine größere Havarie wird wahrscheinlicher.

Welche Auswege bleiben im Kraftwerkssektor für den Anlagenbau?

Zum einen, dass in Berlin schnell umgesteuert wird und damit die Kraftwerksbetreiber wieder auskömmlich verdienen und Investitionen in den Umbau auf flexible Fahrweise und vorbeugende Instandhaltung wieder lohnen. Nur so kann sich auch die Forschungslandschaft, die auf diesem Gebiet immer mehr brachliegt, wieder erholen.

Wir haben ja hervorragende Technologien wie hocheffiziente Kraftwerke und CO2-Abtrennung entwickelt. Übrigens Techniken für eine riesige CO2-Reduzierung weltweit. Doch sie liegen jetzt in den Schubladen, bis es andere machen.

Zukunftspotenziale für den Anlagenbau ergeben sich auch durch neue Technologieformen wie die Umwandlung von Überschussstrom in Gas oder Wärme.

Der Weltmarkt liegt dem Anlagenbau „Made in Germany“ doch immer noch zu Füßen ...

Deutschland hat ein hohes internationales Ansehen für seine Technologie, so dass derzeit durch die Exporte einiges ausgeglichen werden kann. Aber wir verlieren im Kraftwerksbereich an Reputation, wenn wir beispielsweise sämtliche Kohlekraftwerkstechnologie bei uns pauschal verteufeln und sogar den Export auf politischen Druck hin über verweigerte Hermes-Bürgschaften sowie Exportkredite verhindern.

Dabei können die weltweit geplanten Kohlekraftwerke, würden sie nach neuesten deutschen Standards und vielleicht sogar mit Kraft-Wärme-Kopplung gebaut, tatsächlich mehr zur CO2-Minderung beitragen, als wenn die Aufträge nach China gehen.

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