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Samstag, 16. Februar 2019

Verbraucherschutz

Fingerabdruck gegen Etikettenschwindel

Von Susanne Donner | 5. Oktober 2017 | Ausgabe 40

Immer mehr gefälschte Lebensmittel kommen in den Handel. Mit neuer Technik wollen die Kontrolleure den Übeltätern jetzt das Handwerk legen.

BU Gefälschte LM
Foto: panthermedia.net/nikitos1977

Edler Tropfen oder billiger Fusel? Lebensmittel im Wert von 230 Mio. € konfiszierten Europol und Interpol allein im vergangenen Jahr.

Wenn man den Betrug wenigstens schmecken würde. Aber oft bemerken Laien nicht, wenn sie falschen Champagner trinken oder gepanschtes Olivenöl und gefakten Kaviar essen. Längst ist die Mafia ins Geschäft der Lebensmittelfälschung eingestiegen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz spricht von Gewinnen wie im Drogenhandel. Lebensmittel im Wert von 230 Mio. € konfiszierten Europol und Interpol allein im vergangenen Jahr.

Da der Lebensmitteleinzelhandel sich zunehmend auf einzelne Giganten konzentriert und die Warenströme immer größer werden, lohnt es sich mehr und mehr für Kriminelle, gefälschte Produkte einzuschleusen. Im besten Fall sind die Plagiate nur minderwertig und überteuert, im schlechtesten aber gefährden sie Gesundheit oder gar das Leben der Verbraucher.

Nun wollen Kontrolleure die Betrüger mit einer neuen Strategie einholen: Sie setzen auf einen Nachweis für echtes Essen, eine Art Fingerabdruck für jedes Lebensmittel. „Wir können damit jede Art der Fälschung schneller und einfacher als bisher aufdecken“, sagt Reiner Wittkowski, Lebensmittelchemiker und Vizepräsident des Bundesinstituts für Risikobewertung.

Der jüngste Sieg dieser neuen Taktik führte auf die Schliche von Oreganofälschern. Der irische Chemiker Connor Black von der Universität Belfast stellte einen Fingerabdruck von echtem Oregano vor, den er anhand zweier chemischer Analysemethoden aufgezeichnet hatte. Die Inhaltsstoffe des authentischen Gewürzes ergeben eine unverwechselbare Signatur.

So fiel ihm auf, dass ein Viertel allen erhältlichen Oreganos gefälscht ist, es besteht vor allem aus Olivenblättern und anderem Blattwerk. „Das ist großflächig“, kommentiert Wittkowski. Das gestreckte Gewürz landete tonnenweise im Supermarkt, auf Pizzen und in Pasta.

Seit 2013 arbeitet das Bundesernährungsministerium an einer Nationalen Strategie gegen Lebensmittelbetrug. 2 Mio. € stellt das Ministerium im Projekt FoodAuthent bereit, um eine Datenbank mit Fingerabdrücken von Lebensmitteln aufzubauen. Firmen und Forscher zeichnen dafür derzeit die Signaturen Hunderter verschiedener Käsesorten, Rapsöle und Spirituosen auf.

Die Wirtschaft ist dem Staat jedoch um einiges voraus. Der Laborgerätehersteller Bruker stieg vor drei Jahren ins Geschäft mit den Fingerabdrücken ein. Das Unternehmen verfügt bereits über die Daten von mehr als 30 000 Fruchtsäften, 19 000 Weinen und 10 000 Honigen. Die ungarische Regierung hatte Bruker im August den Auftrag erteilt, Fingerabdrücke für alle Weine des Landes zu hinterlegen.

„Wein, Saft und Honig werden weltweit gehandelt und deshalb besonders oft gefälscht“, sagt Iris Mangelschots, Präsidentin des Geschäftsbereichs bei Bruker. „Wir werden in Kürze weitere Produktgruppen einbeziehen, denkbar sind etwa Gewürze und Olivenöl.“

Viele Fälschungen seien so schon aufgedeckt worden, sagt Birk Schütz, Manager für Lebensmittelscreening bei Bruker. Südafrikanischer Orangensaft wurde als spanischer Saft verkauft, weil der die höchsten Preise auf dem Weltmarkt erzielt. Billiger Tempranillo kam als edler Cabernet Sauvignon auf den Markt, ein Pinot Grigio und ein Sauvignon wurden zu einem „kostbaren“ Chardonnay verschnitten. Honig wurde mit Zuckersirup gestreckt. Schütz: „Mitunter sind 20 % bis 40 % andere Zutaten darin – aber die Fälscher gehen sehr raffiniert vor.“

Mit einer Messung, die 15 min dauert und rund 350 € kostet, lassen sich solche Tricksereien schnell aufdecken. Dafür nutzen die Labors die sogenannte Kernmagnetresonanzspektroskopie. Die Methode erfasst die magnetischen Eigenschaften der Wasserstoffatome im Lebensmittelinhaltsstoff. Je nach Herkunft und Art des Honigs ergibt sich ein ganz spezifischer Fingerabdruck, ähnlich einem Strichcode. Die Forscher sprechen von NMR-Profilen, kurz für Nuklear Magnetic Resonance. Ein Computerprogramm gleicht diese mit dem Original ab und erkennt, ob es das ist, was es sein soll.

Bislang konnten Behörden einen Lebensmittelbetrug erst nachweisen, wenn sie ahnten, wonach sie suchen mussten. Und selbst dann waren oft zig Messmethoden für etliche Tausend € nötig.

Für einen gerichtsfesten Beweis bräuchte man aber mehr als nur den Fingerabdruck, sagt Markus Boner, Chef des Lebensmittellabors Agroisolab in Jülich. Obwohl sein Unternehmen die Fingerabdrucktechnik nicht anbietet, erkennt er aber an: „Man kann mit einer einzigen Messung alles erschlagen.“

Wer die Fingerabdrücke von Lebensmitteln sammelt, braucht allerdings eine gigantische Datenbank und viele Rechner. Nur mit Methoden des Datamining lassen sich die Signaturen durchforsten und abgleichen. „Wer die Daten hat, macht das Geschäft“, erklärt Boner, „das ist das Google-Prinzip.“ Deshalb unterhält Bruker eine eigene Abteilung, in der Mitarbeiter tagaus, tagein Lebensmittel scannen.

Der Staat versucht, dieser Tendenz nun mit einer öffentlichen Sammlung zu begegnen. Die Fingerabdrücke aus dem Projekt FoodAuthent sollen die staatlichen Kontrolleure nichts kosten. Lebensmittelchemiker Wittkowski findet: „Es sind Daten, die Verbraucher schützen. Diese müssen für die Behörden Open Source sein.“