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Freitag, 22. Februar 2019

Verkauf

Firma Second Hand

Von Matilda Jordanova-Duda | 10. Mai 2018 | Ausgabe 19

Bis 2022 stehen nach Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn gut 150 000 Familienunternehmen zur Übergabe an. Fast die Hälfte findet keinen Nachfolger innerhalb der Familie.

BU_Second Hand
Foto: panthermedia.net/Tobias Ott

Die Übergabe des Firmen-Staffelstabs ist nicht nur unvermeidbar, sie tut den meisten Firmen auch wirtschaftlich gut.

Werner Lehnert hat sich aufs Altenteil zurückgezogen – und doch wieder nicht. Der Maschinenbauingenieur baute vor 25 Jahren zusammen mit seiner Frau das Unternehmen Lemo-Solar auf. Es vertreibt über das Internet Motoren, Elektronik und Bausätze für Modellbauer und den Schulunterricht. Viele dieser Modelle hat Lehnert persönlich entwickelt. Auch Ingenieurbüros nutzen „das Spielzeug“, um ihren Kunden vorzuführen, wie etwa Solar- und Windkraftanlagen funktionieren.

Im Laufe der Zeit wuchs den Lehnerts die Arbeit über dem Kopf, so stand die Frage an: Expandieren oder verkaufen? Werner Lehnert war schon über 60 und wollte die zahlreichen Ideen in seiner Schublade weiterentwickeln. So fand er bei der Nachfolgebörse nexxt-change den Ingenieur Rainer Link, der eine kleine Firma für Prototypenbau betrieb und ein zweites Standbein suchte.

Aufgrund des demografischen Wandels gibt es mehr Firmeninhaber, die wegen Alter oder Krankheit einen Nachfolger suchen als vor fünf Jahren. 2,4 Mio. Arbeitsplätze bundesweit hängen davon ab, ob der Generationenwechsel gelingt, hat das Bonner Institut für Mittelstandsforschung berechnet. In etwas mehr als die Hälfte der Firmen steht ein Familienmitglied bereit. In 18 % der Fälle findet sich ein Nachfolger unter den Mitarbeitern. Der Rest sucht Externe – etwa über Nachfolgebörsen oder Makler.

Einige Interessenten unterschätzten den Aufwand, ein ganz kleines Unternehmen zu betreiben, sagt Lehnert. Deshalb war ihm ein Bewerber mit unternehmerischer Erfahrung willkommen. Heute führt Link Lemo-Solar zusammen mit seiner Frau und beschäftigt noch drei Minijobber. „Wir arbeiten mittlerweile deutlich mehr für Schulen und Firmen und haben Systeme entwickelt, die im Regierungspräsidium Stuttgart in Fortbildungsseminaren für Lehrer empfohlen werden“, erzählt er.

Der Vorteil, ein Unternehmen zu kaufen, statt ein eigenes zu gründen: Es hat schon einen Namen und Kundschaft. Es sei auch leichter, einen Businessplan zu schreiben, wenn man sich auf reale Zahlen stützen könne, so Link. Allerdings sei er kein Erfinder wie sein Vorgänger. „Aber dieses Defizit konnten wir ausgleichen, indem wir mit Herrn Lehnert einen Beratervertrag geschlossen haben. Er sorgt weiterhin mit seinen vielen Ideen für jede Menge innovativer Produkte.“

Das Wichtigste sei, dass der alte Chef – nach einer Einarbeitungszeit – sich tatsächlich zurückziehe. Lehnert sei das gelungen: „Als Berater macht er Vorschläge, akzeptiert aber, dass die endgültige Entscheidung bei mir liegt.“ Die Chemie zwischen den beiden stimmte von Anfang an, deshalb war die Übergabephase rekordverdächtig kurz: etwa sechs Monate. Berater veranschlagen drei Jahre und mehr dafür.

Professionelle Hilfe bekamen Lehnert und Link von der IHK Heilbronn. Die Industrie- und Handelskammern, die Handwerkskammern sowie Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken zählen zu den insgesamt 700 regionalen Partnern der Börse nexxt-change, die beim Bundeswirtschaftsministerium angesiedelt ist. Die Partner helfen, Inserate zu formulieren, die Bilanzen des Unternehmens zu prüfen, den Kaufpreis auszuhandeln und die Finanzierung zu sichern.

Die rund 15 000 Unternehmen, die nexxt-change nach eigenen Angaben seit 2006 vermittelt hat, hatten im Schnitt acht Mitarbeiter. Das IfM stuft als übernahmewürdig Mittelständler ein, die weder zu klein noch zu groß sind. Sie machen zwischen 0,1 Mio. € und 10 Mio. € Umsatz pro Jahr und haben wenigstens einen Angestellten. Der Übergabeprozess sei komplex und intransparent für beide Seiten, individuelle Beratung deshalb notwendig. Schließlich geht es dem Alteigentümer oft nicht nur um einen bestimmten Erlös, sondern um die Fortführung seines Lebenswerks in seinem Sinne.

Die Verjüngung tut der Firma in der Regel gut: So wachsen nach IfM-Angaben in den ersten Jahren die Umsätze und die Zahl der Beschäftigten. Romy Harnapp gelang es als neue Chefin innerhalb von zwölf Jahren den Umsatz und die Arbeitsplätze zu vervierfachen. Die gelernte Steuerfachangestellte übernahm die Blechbearbeitung der Preuss Unternehmensgruppe, in der sie als freiberufliche Buchhalterin und später als kaufmännische Leiterin tätig war. Damals war sie keine 30 Jahre alt, hatte zwei kleine Kinder und 35 Mitarbeiter, und der Gedanke an die 2,6 Mio. €, die sie sich bei der Bank zur Finanzierung des Vorhabens leihen musste, verursachte ihr ein mulmiges Gefühl. Zwei erfahrene Kollegen standen der jungen Chefin jedoch zur Seite, wie auch das Innovationscenter Brandenburg.

Heute heißt die Firma Blech- und Technologiezentrum (BlecTec) Linda. Harnapp hat den Maschinenpark modernisiert, die Ausbildung und die Kinderbetreuung ausgebaut. Die einstige „Blechbude“ hat sich vom reinen Lohnfertiger zum Komplettanbieter für Maschinen- und Anlagenbauer entwickelt, baut selbst Behälter und Sondermaschinen und hat viele Kunden dazu gewonnen. Dass Harnapp in der Metallbearbeitung „fachfremd“ war, sieht sie nicht als Manko. „Mein Spruch ist: Man muss nicht alles wissen. Man muss nur Leute kennen, die dieses Wissen haben“, sagt sie. „Ich sehe es als wichtiger an, das kaufmännische Wissen zu besitzen. Viele Mitarbeiter haben das technische Know-how und ich kann mich auf sie verlassen.“  cb