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Donnerstag, 21. Februar 2019

Luftfahrt

Fliegender Yoga-Ball

Von Wolfgang Heumer | 5. Juli 2018 | Ausgabe 27

Lufttaxis sollen in zehn Jahren die Straßen in Ballungsräumen entlasten. An dieser Vision arbeiten weltweit rund 100 Tüftler und millionenschwere Start-ups.

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Foto: Grafik: Volocopter

100 Unternehmen forschen rund um den Globus an urbanen Lufttaxis. Eine Fluglizenz hat nur eines von ihnen – und die gilt nur für Ultraleicht- Flugzeuge.

Wer regelmäßig in Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet oder rund um Berlin im Stau steht, kennt den gelegentlichen Impuls, in die Luft gehen zu wollen. Zwei süddeutsche Start-ups wollen aus der Wut eine Tugend machen. Intensiv arbeiten die Unternehmen Lilium aus München und Volocopter aus Bruchsal an autonom fliegenden Multicoptersystemen, die künftig mit Kurzstreckenflügen durch den Großstadtdschungel das Verkehrschaos am Boden verringern sollen.

Der Markt für solche Lufttaxis gilt als gigantisch: Experten wie der Münchner Flugtechnikexperte Florian Holzapfel beziffern das Volumen für die kommenden Jahre auf weltweit 200 Mrd. $. Rund 100 kleine und große Entwickler arbeiten an der erforderlichen Technik. Volocopter ist das erste Unternehmen, das bereits eine Zulassung für bemannte Flüge hat – zumindest für Ultraleicht-Flugzeuge.

Ob und wann die ersten Passagiere tatsächlich den Großstadtstaus entschweben, ist derzeit noch offen. Volocopter-Sprecherin Helena Treeck sieht eine Zeitspanne von drei bis zehn Jahren, bis die Rahmenbedingungen für den Einsatz im großen Stil geschaffen worden sind: „Wir brauchen rechtliche Regelungen und natürlich auch eine entsprechende Infrastruktur.“ Doch technologisch gesehen ist mit dem Volocopter-Prototypen VC 200 bereits der Start in die flugtechnische Zukunft gelungen: Erstmals ist ein für den Personentransport taugliches Luftfahrzeug vollelektrisch unterwegs. Seine Kraft schöpft das Fluggerät aus neun Lithium-Ionen-Akkus, deren Kapazität derzeit für 27 min Flugzeit bei 50 km/h oder eine Strecke von 27 km bei 70 km/h und einer Zuladung von 160 kg erlauben.

Ebenso innovativ ist die Technik, die den Volocopter überhaupt in die Luft bringt – die Hightechmaschine funktioniert genauso wie jene Spielzeugdrohnen, die Kinder- und Erwachsenenherzen gleichermaßen höherschlagen lassen. „In der Tat stand am Anfang die Frage, ob man mit Drohnen auch Menschen transportieren kann“, bestätigt Helena Treeck. Nur wenige Monate nach der ersten Idee brachten die Unternehmensgründer, Bauingenieur Alexander Zosel und Softwareexperte Stephan Wolf, den ersten bemannten Drohnenflug zustande. Für ihr erstes Fluggerät hatten sie 16 elektrisch betriebene Rotoren an einem dünnen Gestänge rund um einen Yoga-Ball montiert, auf dem Pilot Thomas Senkel die ersten Meter in die Luft ging.

Foto: Grafik: Volocopter

Keine Staus: So stellen sich die Entwickler von Taxidrohnen die urbane Mobilität vor. Aber: Ohne strenge Regeln wird das innerstädtische Fliegen nicht auskommen.

Das Prinzip ist bis heute dasselbe: Der VC 200 wird von 18 Rotoren in die Luft gehoben, die an einer runden Trägerkonstruktion über der Kabine befestigt sind. Während einrotorige Hubschrauber zum Steuern eine aufwendige und störanfällige Mechanik für die Blattverstellung benötigen, lässt sich der Volocopter steuern wie eine Spielzeugdrohne: „Um die Richtung zu ändern, muss nur eine Anzahl von Rotoren langsamer drehen als die übrigen“, erläutert die Sprecherin.

Genauso innovativ, aber aufwendiger ist die Technik des Lilium-Fliegers, der im vergangenen Jahr seinen ersten ferngesteuerten und unbemannten Testflug absolvierte. Innerhalb von gut zwei Jahren entwickelten die Firmengründer Daniel Wiegand, Sebastian Born, Patrick Nathen und Matthias Meiner einen elektrisch betriebenen Jet mit einer Reichweite von 300 km und einer Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h. Mit einem mittlerweile rund 40-köpfigen Team setzen die Gründer – allesamt Absolventen der TU München und ehemalige Studenten von Holzapfel – eine ganze Reihe von Ideen um.

Der Lilium-Jet startet senkrecht, ist aber kein Multicopter. Den Auftrieb erzeugen insgesamt 36 Rotoren, die in den Tragflächen und dem Höhenleitwerk untergebracht sind. Für den Start wirken die Rotoren senkrecht, zum Flug wird ihr Luftstrom über ein Klappensystem in die Waagerechte gelenkt – so entsteht Vortrieb. Auch an dieser Technik ist im Vergleich zu den seit Jahrzehnten unveränderten Standardprodukten der Luftfahrtindustrie viel Geniales, aber wenig Kompliziertes: In ihrem Prototyp verbauten die Münchner Tüftler Staubsaugermotoren als Kraftquelle.

Auch wenn die beiden Flugtaxis der Zukunft das Fliegen bereits gelernt haben, ist bis zu ihrem realen Einsatz noch einiges zu entwickeln und rechtlich zu klären. Um zwischen den Hochhäusern von Manhattan, Dubai oder Hongkong autonom manövrieren zu können, benötigen die Fluggeräte beispielsweise absolut präzise Navigationsdaten und die Fähigkeit, praktisch in Echtzeit mit ihrer Umgebung kommunizieren zu können. Außerdem sind wie in der Luftfahrt klare Regelungen erforderlich: „Die zuständigen Behörden, aber auch Institutionen wie die Nasa arbeiten bereits an solchen Voraussetzungen“, betont die Volocopter-Sprecherin.

Die Investoren hinter beiden Start-ups haben offenbar volles Vertrauen, dass die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen in naher Zukunft zu erfüllen sind. Zumindest beförderten sie die Start-ups bereits zu finanziellen Höhenflügen: Beide Unternehmen verfügen nach eigenen Angaben mittlerweile als Startbasis über ein Risikokapital von mehr als 130 Mio. €.