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Donnerstag, 21. März 2019

Meinung

„Gemeinsam neue Lösungen finden“

Von Raimund Klinkner | 20. September 2018 | Ausgabe 38

Kooperationen mit Start-ups können Digitalisierung von Produktion und Logistik voranbringen, sagt Raimund Klinkner, Vorsitzender vom Manufacturing Excellence Netzwerk.

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Foto: Silke & Chris Photography

Raimund Klinkner empfiehlt Unternehmen, die Suche nach neuen Partnern strategisch anzugehen.

Durch die enge inhaltliche Verzahnung von Produktion und Logistik in der Supply Chain ist eine gemeinsame Herangehensweise an das Zukunftsthema Digitalisierung essenziell. Dies erscheint logisch, da viele mit der Digitalisierung verbundenen Potenziale, wie transparente Lieferketten, flexible und vernetze Prozesse oder kleine Losgrößen, nur unter Einbezug der gesamten Wertschöpfungskette realisiert werden können.

Raimund Klinkner

In den letzten Jahren stand zumeist die Produktion im Fokus der digitalen Transformation. Dies ändert sich nun mit dem Bewusstsein, dass die Logistik nicht nur ein wichtiger Baustein, sondern ein unumgänglicher Partner auf dem Weg der digitalen Transformation ist. Voraussetzung für eine erfolgreiche und zukunftsfähige Entwicklung ist eine smarte Digitalisierungsstrategie, welche von der obersten Unternehmensebene durchdrungen und mit Begeisterung multipliziert werden muss.

Informationstechnologie als Antrieb: Die IT muss als Motor der digitalen Transformation verstanden werden und nicht nur als Supportfunktion fungieren. Sollte dieser Mindset-Change nicht gelingen, besteht die Gefahr in der Wertschöpfungskette – neben disruptiven neuen Playern – zukünftig nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. So haben Unternehmen wie Airbnb und Uber bewiesen, wie traditionelle Branchen – in diesen Fällen das Hotel- und Taxigewerbe – auf den Kopf gestellt werden. Im produzierenden Gewerbe könnten in Zukunft ähnliche Phänomene auftreten. Keine Branche ist sicher vor der „schöpferischen Zerstörung“ durch Innovation im Sinne Schumpeters.

Der Digitalisierungsgedanke sollte nicht nur auf der Führungsebene verankert sein. Der rote Faden muss sich durch das gesamte Unternehmen bis in den Shopfloor ziehen. Aus diesem Grund wird auch der Personalauswahl, der Aus- und Weiterbildung sowie der Kooperation mit Bildungsinstitutionen ein erhöhter Stellenwert zugeschrieben werden müssen. Auch innovative Impulse durch neue Partner wie Start-ups, können entscheidend sein.

Frischer Wind durch Start-ups: Während etablierte Unternehmen mit den Marktmechanismen vertraut sind und über langjährige Managementerfahrung verfügen, sorgen Start-ups für frischen Wind, liefern neue technologische Lösungen und haben den Mut, Dinge einfach auszuprobieren. In der öffentlichen Wahrnehmung, in den Medien, auf Events und Kongressen sind Kooperationen zwischen der Industrie und der Start-up-Szene fester Diskussionsbestandteil im Kontext der digitalen Transformation, damit verbundene Chancen gelten als unumstritten.

Auch im Manufacturing Excellence (MX) Netzwerk, welches vor 14 Jahren gegründet wurde und in dem sich aktuell rund 4500 interessierte Experten und Unternehmen branchenübergreifend vernetzen, ist das Interesse an neuen Start-up-Lösungen hoch. Zu tatsächlich realisierten Kooperationen kommt es bisher jedoch noch viel zu selten. Zögern wird oftmals mit fehlenden Kontakten begründet. Um dem entgegenzuwirken, integrieren wir seit dem letzten Jahr gezielt aufstrebende Start-ups in unsere Netzwerkveranstaltungen.

Die Suche nach neuen Partnern wird zudem oftmals nicht strategisch angegangen, sondern dem Zufall überlassen. Und das, obwohl viele Institutionen und Plattformen Hilfestellungen anbieten, um den richtigen Partner sowie das richtige Kooperationsmodell zu finden.

Chancen für KMU: Besonders KMUs haben oftmals nicht die wirtschaftliche Größe, eigene „Digilabs“ zu gründen oder interessante Start-ups zu kaufen wie die großen Player der Branche. Hier bieten sich Entwicklungspartnerschaften geradezu an. Natürlich müssen sich sowohl große, als auch kleinere Unternehmen dessen bewusst sein, dass hinsichtlich der Arbeitsweise und der internen Strukturen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinandertreffen.

Eine für beide Seiten funktionierende Arbeitsbeziehung zu implementieren, um auch längerfristig voneinander zu profitieren, ist wichtiger Teil der Kooperationsgestaltung. Hinzu kommt eine realistische Erwartungshaltung. Wenn Unternehmen hoffen, sie könnten ihre technologische Weiterentwicklung komplett an die digitalaffine Generation abgeben, ist das genauso kritisch einzuschätzen wie Start-ups, deren Streben nur dem schnellen Verkauf zu Millionensummen dient.

Die konkrete rechtliche Struktur einer Zusammenarbeit ist hierbei weitaus weniger relevant, als die Auswahl der richtigen Partner. Das setzt zunächst eine ehrliche Selbstreflexion voraus. Je nach identifizierten Schwachstellen oder Innovationspotenzialen sollten Unternehmen gesucht und Gespräche geführt werden. Ein schlechter Prozess wird nicht besser, weil er digitalisiert wird und auch das Abschauen bei der Konkurrenz hilft hier nur bedingt.

Zudem glaubt jeder, eine universale Lösung finden zu müssen. Die Digitalisierung ist ein Prozess, der uns in den nächsten Jahrzehnten konstant begleiten wird.

Diejenigen, die ihre Kompetenzen und Erfahrungswerte mit anderen teilen, um gemeinsam neue Lösungen zu finden, werden es sein, die Maßstäbe im Kontext der digitalen Transformation setzen.

Benchmarking treibt den Fortschritt:

Selbstverständlich ist die Zusammenarbeit mit der Start-up-Branche nicht zwingend von Erfolg gekrönt. Einige vor ein paar Jahren als vielversprechend geltende Jungunternehmer gibt es heute bereits nicht mehr. Der berühmte Blick in die Glaskugel ist leider nicht möglich. Doch Start-ups wachsen zumeist mit ihren großen Partnern. Wenn die Zusammenarbeit fruchtet, profitiert auch das Start-up – was sich positiv auf seine Leistungsfähigkeit auswirkt.

Wer vorne mit dabei sein will, dem wird der Weg vor ihm niemals mit dem roten Teppich ausgelegt sein. Viele unserer neu ins Netzwerk hinzugekommenen Start-ups berichten z. B., dass ihre eigentliche Gründungsidee eine ganz andere war. Die Erprobung in der Praxis hat dann gezeigt, dass man entwickelte Technologien in anderen Bereichen adaptieren und gewinnbringender einsetzen kann.

Handlungsbedarf besteht hier vor allem bei KMUs. Die Auftragslage sieht zurzeit so gut aus, dass die Hauptaufmerksamkeit auf der Abarbeitung des Tagesgeschäfts liegt. Grundsätzlich richtig und wichtig, denn das zu investierende Geld muss zunächst verdient werden. Wenn der Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft aber weiterhin konkurrenzfähig bleiben möchte, ist ein Wechsel des Mindsets entscheidend. Geld und vor allem Zeit müssen investiert werden – daran führt auch in kleineren Unternehmen kein Weg vorbei.

Wichtig für jedes Unternehmen ist unabhängig von seiner Größe und Branche ein strategischer Digitalisierungsansatz und die richtige Innovationskultur, welche die technologische Weiterentwicklung strategisch verankert und konstant vorantreibt – ohne unnötigen Aktionismus und mit einkalkulierter Fehlertoleranz.

Mehr dazu gibt es beim MX Dialogue „Create the Digital Change together“, 09.11.2018 in Berlin. Anmeldung unter: www.manufacturing-excellence.de