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Donnerstag, 21. März 2019

Informationstechnik

Geschäftssoftware steht ganz im Zeichen der Cloud

Von Michael Matzer | 21. Februar 2019 | Ausgabe 08

Im Markt für betriebswirtschaftliche Software rollt der Zug in Richtung Cloud. Vor allem hybride Lösungen aus privater und öffentlicher Cloud adressieren sicherheitsbewusste Mittelständler.

ERP BU
Foto: panthermedia.net/Wavebreakmedia ltd

Cloud oder nicht? Das ist für immer mehr Mittelständler nicht die Frage. Sie halten kritische Daten in der Private Cloud und nutzen darüber hinaus flexible Services aus einer Public Cloud.

Immer mehr Nutzer von ERP-Software (Enterprise Resource Planning) stehen vor der Wahl: Sollen sie in die Cloud, und wenn ja, warum und wozu? Der Kostendruck, mit einer ERP-Lösung teilweise in die Cloud zu gehen und dort skalierbare Services für Speicher und Rechenleistung zu abonnieren, nimmt zwar zu, ist aber nicht unbedingt zwingend. Viele deutsche Mittelständler scheuen insbesondere die Sicherheitsrisiken, die sie beim Verlagern von Daten in die Public Cloud befürchten. Doch sie können den Mittelweg nutzen: ERP-Anwendungen mit wertvollen, vertraulichen Daten verarbeiten sie im eigenen Haus („On-Premise“) in einer gesicherten, skalierbaren Private Cloud, nutzen aber für weitere Services die Public Cloud. Auf diese Weise sparen sie bei den Kosten für die eigene Infrastruktur.

Enterprise Resource Planning (ERP)

Mit diesem hybriden Ansatz schlagen sie gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe: „Weil die Kunden mehr Wettbewerb im Markt spüren“, berichtet Darren Roos, CEO beim Anbieter IFS World, „erwarten sie von ERP-Anbietern niedrigere Betriebskosten. Zudem wollen sie schneller mit Innovationen auf den Markt kommen und erwarten daher, dass auch ihre ERP-Technologie schnell einsatzfähig ist.“ Dabei sind „Datenmodelle, die für bestimmte Branchen entwickelt wurden, von unschätzbarem Wert, da sie schnell anwendbar sind“, erläutert Roos.

Ein Partner des ERP-Platzhirschen SAP bietet dazu eine ganze Bibliothek aus typischen Branchenprozessen an, die er „Scope Items“ nennt. „Damit lassen sich 80 % des SAP-Systeminhalts bereits in Form fertig voreingestellter Geschäftsabläufe abbilden“, sagt Lars Landwehrkamp, CEO beim SAP-Systemhaus All for One Steeb AG. So bleiben die Betriebskosten niedrig, während die Inbetriebnahme einer angepassten Lösung in der Hybrid Cloud schnell erfolgen kann.

Cloud-scheue Nutzer können ihre ERP-Software nach Ansicht von Andreas Zipser, Managing Director Central Europe bei Sage Software, weiterhin im eigenen Haus und auf dem Desktop-PC betreiben. Doch auch eine solche Lösung, wie sie Sage anbietet, „verfügt über entsprechende Schnittstellen zu Cloud- und webbasierten Standardanwendungen“ wie MS Office 365, Paypal oder Sage-eigenen Modulen.

Mobile Services lassen sich zwar auch On-Premise einrichten, doch die verteilte Struktur einer Hybrid Cloud erleichtert den kostengünstigen, sicheren und flexiblen Betrieb einer ERP-Lösung, die mobile Endgeräte unterstützt. Zipser: „Für Nutzer ist es in der digitalisierten Welt entscheidend, auf alle wichtigen Funktionen einer Software flexibel vom Smartphone aus zugreifen zu können und etwa Verwaltungsaufgaben unabhängig von Schreibtisch und Büro erledigen zu können.“ Inzwischen ist es relativ einfach, aus einem Cloud-Service eine Mobil-App zu generieren. Sollte die Nachfrage nach mobiler Nutzung unvorhergesehen ansteigen, so stellt die Hybrid Cloud rasch entsprechende Ressourcen bereit.

Eine ERP-Software sollte laut IFS-Chef Roos ständig aktualisiert werden, um permanent neueste Technologien zu berücksichtigen. Kontinuierliche Updates sind also ein Muss für abonnierte ERP-Software und in aller Regel vertraglich vereinbart. So könnten Anwenderunternehmen laut Roos zeitnah von neuen Entwicklungen, z. B. der Blockchain, dem Internet der Dinge (IoT) oder künstlicher Intelligenz, profitieren. „Unsere IT-Architektur ist darauf ausgelegt, solche Updates bereitzustellen, ohne den laufenden Betrieb zu beeinträchtigen.“ Bei einer ERP-Lösung, die nur im eigenen Haus betrieben wird und nicht einmal eine Private-Cloud-Struktur aufweist, gestaltet sich das Einspielen von neuen Komponenten dagegen deutlich aufwendiger, was Zeit, Personal und Kosten angeht.

Die ERP-Reise geht in die Cloud. „Der Trend geht dabei eindeutig zu Multi-Cloud-Hosting“, berichtet Sage-Europachef Zipser und führt ein Beispiel an: „Ein Unternehmen verwendet im Personal- und Finanzbereich Cloud-Lösungen, die auf unterschiedlichen Plattformen, etwa Microsoft Azure und Salesforce, gehostet werden. Gleichzeitig steuern die Verantwortlichen ihre ERP-Prozesse mit einer On-Premise-Lösung im eigenen Haus, die aber auch über verschiedene Schnittstellen zu weiteren Cloud-basierten Anwendungen wie MS Office 365 verfügt.“

Mickey North Rizza, Analyst beim Beratungsunternehmen IDC, sagt voraus, dass „bis Ende 2019 mehr als 40 % der neuen ERP-Installationen aus einem Ökosystem von Apps aus internen Ressourcen, Dienstleistern, Technikanbietern und anderen Partnern erstellt werden“. Zipser bestätigt das: „Hybride Multi-Cloud-Architekturen, wie im obigen Anwenderbeispiel beschrieben, werden bereits von 15 % aller deutschen Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern genutzt – Tendenz steigend.“ Dies habe die aktuelle IDC-Studie „Cloud Trends in Deutschland 2018“ ergeben. Auch deutsche Mittelständler springen also auf den Cloud-Zug auf.

Auch bei anderen betrieblichen Anwendungen wie dem Management der Kundenbeziehungen (Customer Relationship Management, CRM) ist die Nachfrage nach Cloud-Lösungen hoch. „Tendenz weiter steigend“, weiß Martin Hubschneider, Vorstand der Karlsruher CAS Software AG. „Entscheidend für kleinere und mittelständische Unternehmen sind neben dem einfachen Betrieb ein intuitives Design und digitale Souveränität, die eine vertrauenswürdige Cloud ermöglicht.“ Darunter versteht die deutsche Mittelstandsvereinigung BitMi, in der Hubschneider tätig ist, „Software made in Germany und Cloud-Hosting made in Germany“.

Künstliche Intelligenz (KI) ist im Zusammenhang mit der Automation von Aufgaben und Prozessen im Geschäftsablauf ein wichtiges Thema für den Mittelstand. Laut Zipser gehört dazu auch die Durchführung von wiederkehrenden Transaktionen in der Buchhaltung, die durch KI-gestützte Prozessautomatisierung selbstständig vorgenommen werden können. „Ein nächster Evolutionsschritt bei dieser Technologie ist ihre Weiterentwicklung in Richtung autonom agierender Systeme mithilfe des Machine Learning.“

Aufgrund des Bedarfs an Innovationen und der wachsenden Wertschöpfung aus Daten, prognostiziert IDC-Analyst Rizza, „wird bis 2021 mehr als die Hälfte aller ERP-Lösungen die abteilungs- oder branchenspezifischen Softwarebausteine mit KI kombinieren“.