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Mittwoch, 20. Februar 2019

Informationstechnik

Großrechner auch im industriellen Einsatz

Von Michael Matzer | 20. September 2018 | Ausgabe 38

Mainframes gehören noch nicht zum alten Eisen. Sie spielen in einer unsicherer werdenden Netzwerkwelt die Rolle einer uneinnehmbaren Festung.

BU Mainframe
Foto: IBM

Maßanzug: Jeder Kunde bekommt bei IBM seinen Großrechner individuell konfiguriert ausgeliefert.

Großrechner, die sogenannten Mainframes, erfreuen sich in den letzten Jahren wieder größeren Interesses. Sie sind viel besser abgesichert als verteilte Systeme oder Rechnernetze und bieten meist auch eine wesentlich höhere Leistung zu einem Preis, der mit handelsüblichen Servern auf Intel-Basis konkurrieren kann.

Sie finden sich daher in allen Industriebereichen, in denen mit großen Transaktionsvolumina gearbeitet wird. Dazu gehören nicht nur die Finanzinstitute und Versicherungen, sondern zunehmend Dienstleister im Gesundheitswesen und bei Lohnabrechnungen. Da ein z14-Mainframe von IBM bis zu 32 TByte bzw. das Modell ZR1 bis zu 8 TByte an Hauptspeicher aufnehmen kann, lassen sich darauf auch anspruchsvollste Datenbank- und Analytik-Anwendungen ausführen.

Zunehmend nutzt die Fertigungsindustrie Mainframes für rechenintensive Anwendungen. „Dazu gehören die Leitplanung, die Teileplanung und die Produktplanung“, berichtet Andreas Thomasch, IBM Platform Leader für IBM-Z-Systeme und LinuxOne in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zur Produktplanung gehöre z. B. die Verarbeitung von Stücklisten, die je nach Produkt nicht nur umfangreich, sondern auch sehr komplex sein könnten.

Über die reine Planung hinaus geht es beim Management vielschichtiger Rückrufszenarios. Das, so Thomasch, erschöpfe sich ja nicht nur in einer simplen Datenbankabfrage. Vielmehr müssten da komplexe Recherchen hochperformant erledigt werden. Denn im Falle eines solchen Rückrufs komme es Unternehmen nicht nur darauf an, Kosten und Zeit zu sparen, sondern auch die Zufriedenheit ihrer Endkunden trotz des Rückrufs zu bewahren.

Einsatz in Logistik und Lagerplanung: Nicht nur IBMs Mainframe-Kunden wie Daimler, BMW und Porsche halten sich eher bedeckt, wenn sie den Einsatz ihrer Rechner beschreiben sollen, sondern auch die des einzigen verbliebenen Mitbewerbers, Fujitsu. Das japanische Unternehmen hat das System BS2000 einst von Siemens gekauft und vertreibt es unter der Bezeichnung „Fujitsu Server BS2000“. Ein deutsches Industrieunternehmen, das weltweit Umsatz in Milliardenhöhe macht, aber ungenannt bleiben möchte, setzt zwei „Fujitsu Server BS2000 SE700“ für die „ausfallsichere Produktionssteuerung, für Logistik- und Lagerverwaltung“ ein. Ein Teil des Tandems dient als Produktivsystem, der zweite als Back-up sowie für Test- und Entwicklungszwecke.

Der Fujitsu-Anwender führt die Ausfallsicherheit solcher Kernsysteme, bei denen Performance-Probleme oder gar Ausfälle erhebliche Auswirkungen auf den Unternehmensbetrieb hätten, als ersten Einsatzgrund an. Der zweite ist die hohe „Disaster Recovery Performance“, also die Schnelligkeit, mit der nach einem Absturz die Systemwiederherstellung erfolgt. Dahinter stecken bisweilen existenzbedrohende Konventionalstrafen, die im Falle eines Ausfalls aufgrund der daraus resultierenden Verstöße gegen Zuliefererbestimmungen drohen.

Weitere Gründe sind die hohe Datensicherheit und die langfristige Investitionssicherheit. Denn lange Einsatzdauern sind kein Handicap, lassen sich doch alle Mainframe-Systeme bei Bedarf flexibel erweitern. Und es spricht noch ein weiteres Argument für die Großrechner beider Anbieter: Sie sind nicht von den Sicherheitslücken betroffen, die in Intel-Prozessoren zuletzt unter den Namen „Spectre“ oder „Meltdown“ entdeckt wurden. Viele Großrechner haben eigene Prozessoren, die die Basis für eine sichere Systemarchitektur bilden. Manche BS2000-Mainframes nutzen zwar Prozessoren von Intel, aber Fujitsu versichert, dass „auch diese Systeme nicht von den Angriffsverfahren Meltdown und Spectre betroffen“ seien: BS2000-Applikationen laufen mittels einer speziellen Systemsoftware von Fujitsu, die die Schwachstellen nicht ausnutzen können, heißt es von Fujitsu.

Hohe Datensicherheit ist im Hinblick auf die EU-Datenschutzgrundverordnung heute von besonderer Bedeutung. „Ein Unternehmen braucht nicht mehr herauszufinden und auszuwählen, welche Daten es besonders schützen muss, um der DSGVO Genüge zu tun“, merkt IBM-Manager Thomasch an. „Die z14-Reihe des IBM-Mainframes eignet sich von Haus aus dafür, Daten aller Art zu verschlüsseln.“ Dafür sorge der gesonderte Kryptoprozessor, der mit dem Betriebssystem arbeitet. „Die Software zSecure weist bei einer Auditierung genau nach, welche Daten verschlüsselt wurden.“

Familienzuwachs: Im Frühjahr 2018 hat IBM mit dem z14-Modell ZR1 und LinuxOne Rockhopper II zwei neue Modelle vorgestellt. Mit der ZR1 lässt sich ein Mainframe in ein 19-Zoll-Industrierack packen. 40 % Platzersparnis soll die Verschlankung von 24 Zoll Breite auf 19 Zoll bringen.

Der angepeilte erweiterte Kundenkreis spiegelt sich auch im relativ niedrigen sechsstelligen Einstiegspreis wider. Der Preis für die anderen z14-Modelle der Enterprise Class bewegt sich indes im sieben- bis achtstelligen Bereich. „Die neuen Modelle eignen sich nun auch für Cloud-Service-Provider und kleinere Unternehmen, die hohen Bedarf an sicheren Transaktionen haben“, bestätigt Thomasch.

„IBM hat deutlich gemacht, dass die neuen Mainframes nicht nur die traditionellen Kunden adressieren, sondern auch kleinere Firmen, die bislang keine Großrechner kauften“, sagt Analyst Roger Kay von Endpoint Technologies Associates. Er erwartet Interesse vor allem im Mittelstand, aber dank des 19-Zoll-Formfaktors auch von Cloud-Anbietern.

Diese Erwartung wird vom Analysten Ian Murphy vom Beratungsunternehmen Creative Intellect Consulting bestätigt: „In den letzten drei Jahren kauften über 20 Unternehmen IBM-Mainframes, die in ihren eigenen Cloud-Umgebungen in eingesetzt werden. Die zwei neuen Maschinen werden sich nahtlos in deren IT-Umgebungen einfügen, ohne spezielle Anpassungen zu erfordern.“

2017 sei nach der Vorstellung der z14-Reihe das stärkste Jahr für IBM-Mainframes gewesen, bestätigt Thomasch. Die Nachfrage nach IT-Spezialisten mit Mainframe-Kenntnissen übersteige das Angebot, konstatiert der IBM-Manager. „Fast jedes Unternehmen will diese Fachleute haben.“