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Samstag, 20. Januar 2018

Maschinenbau

Industrie 4.0: Wie reif ist meine Firma?

Von Harald Weiss | 19. Oktober 2017 | Ausgabe 42

Um Unternehmen bei der Umsetzung von Industrie 4.0 zu unterstützen, gibt es inzwischen mehrere kostenlose Checklisten und Reifegradmodelle. Um die hier richtige Wahl zu treffen, gilt es die Unterschiede zu erkennen.

Politiker, Verbände und führende Beratungsunternehmen sind sich einig: Die Digitalisierung und Industrie-4.0 (I4.0) sind ein Quantensprung für das verarbeitende Gewerbe. Doch viele Unternehmer und deren Mitarbeiter stehen dem noch skeptisch gegenüber. Laut einer Studie der Marktforscher von IDG (International Data Group) befinden sich die deutschen Unternehmen noch am Anfang der digitalen Revolution. Insbesondere Mitarbeiter aus den Bereichen Produktion und Fertigung unterschätzen die Auswirkungen von vernetzten Anlagen und Maschinen. Nur 36 % der befragten Unternehmen bewertet die Relevanz von I 4.0 als hoch oder sehr hoch, 34 % beurteilen sie als eher niedrig bis sehr niedrig. Viele sind auch nur verunsichert, inwieweit ihr Unternehmen schon für I 4.0 reif ist.

Um das genauer herauszufinden gibt es inzwischen internetbasierte Selbsttests von unterschiedlichen Anbietern. Das Institut für angewandte Arbeitswissenschaften (ifaa) hat sich mehrere solcher Angebote angeschaut und dabei erhebliche Unterschiede festgestellt.

Foto: VDI nachrichten

Es gibt unter anderem thematische Unterschiede. Das ifaa unterteilt diese in drei Gruppen: Erstens, I4.0-spezifische Aspekte, zweitens an der Wertschöpfungskette orientierte Vorgehensweisen und drittens an technologischen Aspekten ausgerichtete Überprüfungen. In die erste Kategorie fallen die Tests des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), der Hochschule Neu-Ulm (HSN) sowie der Telekom, in der zweiten Kategorie befinden sich Tests vom Branchenverband VDMA, der IHK München sowie Boston Consulting und in der dritten Acatech sowie das WZL der RWTH Aachen.

Laut Frank Lennings, Fachbereichsleiter beim ifaa, ist auf weitere Unterscheidungsmerkmale zu achten. „Einige Anbieter verfolgen mit ihrem Test ganz klare kommerzielle Interessen. Das wiederum bedeutet, dass das Testergebnis vor allem dazu führen soll, eine externe Hilfestellung einzuschalten“, lautet sein vorsichtiger Hinweis. „Entscheidend ist ein aufmerksamer Blick auf die Inhalte und die Entwickler der Tests. Die Ergebnisse leiten ein Unternehmen nicht automatisch in die richtige Richtung. Sie ersetzen auch nicht den selbstkritischen und den kompetenten Blick auf die eigene Ausgangssituation“, so Lennings.

Einige Tests sind auch so trivial ausgelegt, dass man laut Lennings mit dem Ergebnis kaum etwas anfangen kann. Als Beispiel verweist er auf die Checkliste des BMWi. Hier ist auf einer einzigen A4-Seite eine Matrix mit 8 x 4 Stichpunkten aufgeführt. Der Test besteht darin, dass man in den Feldern ein Kreuz machen soll, wo man sich einen Nutzen durch I4.0 verspricht. Die Auswertung ist dann kurz und knapp: „Je mehr Kästchen Sie ankreuzen, desto eher sollten Sie sich über Industrie-4.0-Lösungen beraten lassen.“

Was den Testaufwand angeht, befinden sich die Tests der Telekom (zusammen mit Techconsult) und dem „Digital Acceleration Index“ der Boston Consulting Group (BCG) gleichauf. Der BCG-Index wird nach einer rund einstündigen Befragung mit 37 verschiedenen Dimensionen für insgesamt vier „Building Blocks“ erstellt. Dabei handelt es sich um die Bereiche „Digital getriebene Business-Strategien“, „Digitalisierung der Kernkompetenz“, „Wachstum durch Digitalisierung“ sowie „Auslöser und Antreiber“.

Manche Tests sind eingeschränkt zugänglich. So steht der „Werkzeugkasten Industrie 4.0“ des Maschinenbands VDMA nur den Mitgliedern zur Verfügung. Laut ifaa ist dieser ohnehin eher als Toolbox zur Einführung von Industrie 4.0 zu sehen. Frei zugänglich ist dagegen das Industrie-4.0-Readiness-Modell der zum VDMA gehörenden Impuls-Stiftung.

Aufgefallen ist den Arbeitswissenschaftlern zudem, dass manche Tests den Eindruck erwecken, dass die digitale Reife ausschließlich vom Umfang der verfügbaren digitalen Systeme und deren Vernetzung abhängt. Diese Faktoren können die Effizienz von Unternehmensprozessen zwar erheblich steigern, doch zur digitalen Reife gehört auch die Fähigkeit, den Digitalisierungsumfang zu erkennen, der für das eigene Unternehmen sinnvoll und wirtschaftlich ist.

Lennings’ zusammenfassender Rat für die untersuchten sowie alle weiteren Reifegradtests lautet deshalb, dass die Anwender unbedingt darauf achten sollten, für sich nur einen Test auszuwählen, der auch zu ihrer Situation und dem geplanten Vorgehen passt. Dazu gehört dann auch, dass man sich nicht drängen lassen soll, sondern in Ruhe die nächsten Schritte planen muss.

Wie gefragt die Tests sind bleibt aber unklar, denn es wurden nur die einzelnen Methoden an sich betrachtet – nicht aber deren Nutzungsgrad. Die von den VDI nachrichten befragten Anbieter machten dazu keine Angaben.

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