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Sonntag, 21. Januar 2018

Smart City

Intelligente(s) Stadtgestalten

Von Fabian Kurmann | 23. November 2017 | Ausgabe 47

Nach den Fabrikhallen sind nun ganze Städte an der Reihe, mit Sensoren und Netzen ausgerüstet zu werden. Doch smart wird eine Stadt nicht allein durch Technologie.

+ Drohne
Foto: Fabian Kurmann

In Dubai könnte man künftig auch mit der Taxidrohne Volokopter unterwegs sein. Eine App kombiniert alle Verkehrsmittel für den schnellstmöglichen Transport.

Umso erfolgreicher eine Stadt Unternehmen und Fachkräfte anlockt, desto besser – könnte man meinen. Doch mehr Menschen bedeutet zugleich einen höheren Bedarf an Energie und Mobilität. Falls – wie in der Vergangenheit – einfach mehr Kraftwerke und Straßen gebaut werden, wird die Atemschutzmaske bald zum Alltag gehören.

„Wenn sich Investoren ansiedeln, leiden diese in chinesischen Großstädten wie Peking unter der schlechten Luft: Die teuren Fachkräfte werden krank oder haben erst gar keine Lust einen Job in diesem Umfeld anzutreten“, sagt Klaus Heidinger, Leiter der Abteilung für städtische IT-Anwendungen bei Siemens. Man müsse also das Spannungsdreieck aus Jobs, Ökologie und Lebensqualität optimal ausbalancieren.

Technik soll dieses Problem lösen und Städte, Bürger sowie Unternehmen gleichermaßen zufriedenstellen – so zumindest die Hoffnung auf dem Branchentreff „Smart City World Expo“, der vergangene Woche in Barcelona stattgefunden hat. Einer Stadt Millionen von Sensoren einzupflanzen und sie zu vernetzen, kann sie effizienter und transparenter machen, zeigen bereits zahlreiche Pilotprojekte. In London etwa wurde das Schienennetz mit digitaler Technik aufgerüstet und die Leistung einer Linie von 27 Zügen pro Stunde auf 36 erhöht.

Konventionell hätte man neue Tunnel bohren müssen, sagt Julie Alexander, Direktorin für Stadtentwicklung bei Siemens. „Wir können Infrastruktur nicht mehr genauso bereitstellen wie früher, wenn wir mit dem Wachstum mithalten wollen“, erklärt die Britin. Infrastruktur und Energie als Service einzukaufen und Bewohner untereinander mit Energie handeln zu lassen – darin sieht sie die Zukunft für effiziente Städte. Nachhaltigkeit ist ihrer Ansicht nach dagegen kein inhärentes Merkmal einer Smart City. „‚Smart‘ ist nur ein Wegbereiter um wirtschaftliche und ökologische Ziele effizienter erreichen zu können“, sagt Alexander.

Unter den Experten ist unbestritten, dass Smart-City-Technologie brachliegendes Potenzial erschließen kann. Die Frage ist nur, wem das Potenzial zugutekommt: Der Wirtschaft? Der Umwelt? Dem Komfort?

Foto: Fabian Kurmann

New York stellt die smarte Hundehütte für die Innenstadt vor. Eine Kameraüberwachung erkennt, falls sich Obdachlose „einmieten“. Diese werden dann über einen Lautsprecher hinausgebeten.

Auf dem Kongress in Barcelona zeigen Länder und Metropolen ihre Ansätze. New York beispielsweise präsentiert eine smarte Hundehütte. Smart deshalb, weil man sie vom Handy aus buchen und später den Hund überwachen kann, während Herrchen in der Shoppingmall absteigt. Das Start-up Carmera montiert Kameras auf Taxis und Lieferdienste und scannt damit kontinuierlich die Stadt. Einzelhändler können so etwa sehen, welche Standorte wie viel potenzielle Laufkundschaft haben. Gebäudebetreiber haben so ein Fassadenmonitoring.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten überlässt man die „Smartifizierung“ nicht einfach der Privatwirtschaft. In Dubai kontrolliert eine spezielle Behörde in allen anderen Dienststellen, ob Daten korrekt gesammelt und bereitgestellt werden. Ein Anwendungsfall ist dort etwa eine App, die von der Taxidrohne bis zum Moped alle Mobilitätskonzepte zusammenfasst, um den Nutzer möglichst effizient von A nach B zu befördern.

Oder eine App zur Immobiliensuche, bei der jedes Haus auf einer virtuellen Stadtkarte bewertet wird, je nachdem, wie gut die Anbindung an Verkehr, Krankenhäuser und Schulen ist.

Die Stadt erforscht außerdem den Umgang mit einem Konzept aus dezentralen Datenbanken, der Blockchain. Jeder Kauf einer Immobilie könnte digital in der Blockchain festgehalten werden und so das Grundbuch ersetzen, sagt Zeina El Kaissi, Leiterin der Abteilung neue Technologien, Smart Dubai Office. Egal, ob die Immatrikulation in der Uni, Einwanderung oder die Überprüfung der Kühlkette zahlreicher importierter Lebensmittel: „Alles soll digital, nachvollziehbar und automatisch funktionieren“, betont El Kaissi.

Viele Ansätze, etwa die Parkplatzsuche über ein smartes Leitsystem, machen das Leben in der Stadt kurzfristig leichter. Doch Stadtentwicklung braucht Weitblick, weiß auch Tim Franke, der bei Siemens innovative Mobilitätslösungen erforscht: „In Kopenhagen haben wir festgestellt, dass Smart Parking keinen unmittelbaren Effekt auf die Luftqualität hätte, weil es dann noch attraktiver wäre, mit dem Auto in die Stadt zu fahren“, merkt er an.

Eine Stadt wird also nicht allein durch Technik smart, sondern auch die Konzepte müssen intelligent sein. „Wenn die Entscheider einer Stadt smarte Entscheidungen treffen, hat man eine intelligente Stadtentwicklung“, bringt es Franke auf den Punkt. „Digitalisierung verbessert nur die Transparenz und Handlungsfähigkeit.“

Foto: Fabian Kurmann

In Shenzhen überwacht und lenkt „Trafficbrain“ den Verkehr in der Stadt. In Barcelona präsentiert Netzausrüster Huawei sein Projekt.

Manchmal sind Ideen auch gut gemeint, vernachlässigen aber kleine, entscheidende Details. So wurde in Indien etwa ein öffentliches Parkhaus gebaut, das trotz sehr günstiger Parkgebühren nicht genutzt wird. Dort gilt nämlich der Grundsatz, dass man für öffentliche Dienstleistungen nichts bezahlt. Auch Joe So, Technikvorstand der Enterprise Business Group beim chinesischen Netzausrüster Huawei, kennt solche Beispiele. „In meiner Heimatstadt Hongkong gibt es elektronische Personalausweise, die aber niemand nutzt, weil es zu kompliziert ist. So etwas ist ein Fehlschlag“, sagt er.

Andersherum können Projekte erfolgreich sein, obwohl sie gesellschaftlich auch kritisch zu sehen sind: „Nachdem wir in Kenia unsere Sicherheitslösung implementiert hatten, sank die Verbrechensrate um 64 % und der Tourismus stieg um 14 %“, sagt So.

Ob man allerdings damit einverstanden sei, auf Schritt und Tritt überwacht zu werden, frage niemand, kritisiert Milan Meyberg. Der Musiker ist „Revolutionsmanager“ am Stand der Stadt Amsterdam, mit dem Fokus Kreislaufwirtschaft. Seiner Meinung nach besteht eine intelligente Stadt aus Menschen, die nachhaltig entscheiden und handeln. Und Vernetzung mache die Stadtbewohner leider nicht automatisch intelligenter.

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