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Samstag, 16. Februar 2019

Fotografie

Kameratrends in allen Größen

Von Joachim Sauer | 20. September 2018 | Ausgabe 38

Zur Messe Photokina werden seit langem einmal wieder Objektivbajonettsysteme von traditionellen Herstellern vorgestellt. Smartphones kontern mit in neuen Kameramodulen und künstlicher Intelligenz.

BU Photokina Trendbericht
Foto: Joachim Sauer

Langzeitbelichtung im Nachgang: Nutzer der neuen iPhones können sich auch erst nach dem Klick für eine Belichtungszeit entscheiden.

Smartphones verkaufen sich nicht mehr wie geschnitten Brot, auch wenn die Absatzzahlen immer noch auf hohem Niveau und nur leicht rückläufig sind. Doch längst nicht jeder ist bereit im regelmäßigen Turnus das Smartphone zu wechseln. Fürs Telefonieren, Mailen und Surfen sind die Smartphones schon länger überqualifiziert. Bei der Suche nach neuen Anreizen sind die Hersteller aber vor geraumer Zeit bei der Kamerafunktion fündig geworden. Immer mehr Linsen schmücken die Smartphones, 4K-Video gehört zum guten Ton. Auch auf der Photokina sind die Geräte Thema. Die Branchenmesse für Fotografie beginnt nächste Woche in Köln.

Der Senkrechtstarter im Smartphone-Geschäft ist Huawei. Die Chinesen haben sich eine prominente Kooperation mit Leica gesichert und gehören im Smartphone-Geschäft bereits zu den sogenannten A-Brands. Das Topmodell P20 Pro zeigt den nächsten Schritt eines Trends beim mobilen Fotografieren, denn es hat gleich drei Optiken und drei Sensoren mit unterschiedlichen Stärken. Der Sensor hinter dem Weitwinkelobjektiv löst mit 40 Megapixel für ein Smartphone sehr hoch auf, ein Monochrom-Sensor mit 20 Megapixel hat Vorteile beim Kontrast und der 8-Megapixel-Sensor bei wenig Licht. Wie schon andere Geräte mit zwei Kameras setzt man beim P20 Pro auf künstliche Intelligenz (KI) und verrechnet im Fotomodus Bilder aller Module zu einer kombinierten Aufnahme.

Mit diesem Trick erzeugen die Hersteller trotz Einschränkungen bei der Hardware scharfe und vergleichsweise rauschfreie Bilder. Den Wert einer guten Kamera hat auch Nokia erkannt und entwickelt derzeit in Kooperation mit Zeiss neue Smartphone-Modelle. In Fachkreisen wird dabei darauf spekuliert, dass aus der Zusammenarbeit das erste Smartphone mit fünf Kameras hervorgehen könnte.

Während die Bildqualität mobiler Geräte sich derjenigen von guten Fotokameras annähert, ist die Aufzeichnung von bearbeitbaren Rohdaten (RAW-Format) beim P20 nicht möglich. Bei anderen Flaggschiffmodellen wie dem Galaxy S9+ von Samsung lassen sich Rohdaten zwar erzeugen, allerdings nur in einem speziellen Profi-Modus.

„Android hat in der aktuellen Version das Problem, dass man nicht auf mehrere Kameras zugreifen kann“, erklärt Werner Lüttgens, Chefredakteur von ColorFoto. „Ich spekuliere allerdings darauf, dass dieses Problem mit der nächsten Generation von Android behoben ist. Dann können auch wieder Kamera-Apps von Drittherstellern gleichzeitig auf mehrere Kameras zugreifen und die künstliche Intelligenz nutzen.“

Einen anderen Weg geht Apple, um – zusätzlich zu mehr Optiken und Prozessorleistung – mobiles Fotografieren zu verbessern. Seit der letzten Generation speichert das iPhone statt der Jpeg-Bilder im Heif-Format und damit genau genommen keine Einzelbilder mehr. Es entsteht also eine ganze Bildsequenz mit ganz unterschiedlichen Optionen: So kann der Fotograf nachträglich noch das passende Bild wählen, auf dem zum Beispiel alle die Augen offen haben. Und man kann so auch später eine Langzeitbelichtung (s. großes Foto) berechnen oder durch die Analyse der Sequenz das Bildrauschen mindern.

Im sogenannten Live-Modus lässt sich zudem durch die Nutzung der Bilder von beiden iPhone-Kameras bei einem Porträt der Vordergrund vom Hintergrund trennen, so dass man hinter die Person eine schicke Unschärfe hineinrechnen kann. Das sei genau das, was die Fotografen derzeit gerne sähen, sagt Lüttgens. „Das Smartphone ist deshalb längst die Zweitkamera des Fotografen geworden.“

Die Fotokamera an sich bleibt demnach an erster Stelle und hat noch nicht ausgedient. Nun bauen deutlich mehr Hersteller ihr Sortiment in eine Richtung aus, in der Smartphones auf absehbare Zeit keine Konkurrenz sein werden: Bajonette werden so angepasst, dass spiegellose Systemkameras mit großen Vollformatsensoren möglich sind. Bei Canon gibt es ab sofort das RF-Bajonett, die erste Kamera damit ist die EOS R. Der 35-mm-Vollformat-Cmos-Sensor der EOS R liefert effektiv circa 30,3 Mio. Pixel. Nikon hat mit den neuen Systemkameras Z6 und Z7 das Z-Bajonett eingeführt. Die Vollformatsensoren lösen mit 45,7 Megapixel respektive 24,5 Megapixel auf.

Es bleiben wenige Player ohne Vollformat im Systemkamerasegment: Fujifilm, Olympus und Panasonic. Aber bei letzterem könnte sich dies, glaubt man Gerüchten, zur Photokina ändern. Das wäre für Panasonic, den Vorreiter der spiegellosen Kameras mit kleineren Micro-Four-Thirds-Sensor, ein gewaltiger Schritt. Spekulieren kann man zudem über Zeiss: Eine Presseeinladung zur Photokina lässt die Einführung einer eigenen Kamera vermuten – sicherlich ebenfalls einer spiegellosen Kamera mit eigenem Wechselbajonett.

Stimmen alle Spekulationen, wäre diese Photokina, 2018 letzmalig im Herbst, legendär. Denn noch nie wurden so viele neue Kamerasysteme auf einmal vorgestellt. Das erhöht allerdings auch den Druck auf die nächste Photokina, die künftig jedes Jahr im Mai stattfindet.

Den Direktor der Photokina, Christoph Menke von der Koelnmesse, lässt das kalt: „Der Wettbewerb um das spiegellose Vollformat und die besten Smartphone-Kameras geht doch jetzt erst richtig los. Wir gehen außerdem davon aus, dass wir im Mai 2019 die Erweiterungen zu den neuen Bajonettsystemen zu sehen bekommen.“ Zudem verweist er darauf, dass man verloren geglaubte wichtige Hersteller zurückholen kann: „Wir stehen in außerordentlich guten Gesprächen mit Zeiss und gehen davon aus, dass der Hersteller auf die Photokina zurückkehrt.“ Es könnte also sein, dass sich der Rekord bei den neu vorgestellten Systemen noch erhöht.