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Dienstag, 23. Januar 2018

Elektronik

Kein Ersatz

Von Matilda Jordanova-Duda | 21. Dezember 2017 | Ausgabe 51

Der Reparaturbetrieb Vangerow klagt gegen Samsung und Apple.

BU Reparatur
Foto: Marissa Migliazzi/Vangerow

Technisch kein Thema: Doch viele große Hersteller von Smartphones, TV-Geräten und mehr liefern Werkstätten für die Reparatur keine Ersatzteile.

Zersprungene Displays, erschöpfte Akkus, Wackelkontakte, Tasten, die nicht funktionieren: täglich Brot eines Reparaturtechnikers. Von der Alarmanlage bis zur Xbox gibt es einiges im Haushalt, das kaputtgehen kann. Nur: Wer für ein Ersatzteil Unsummen berappen muss, überlegt sich zweimal, ob er nicht doch ein neues Gerät kauft.

Die Reparaturwerkstatt Vangerow hat eine Klage gegen Samsung und Apple beim Bundeskartellamt eingereicht. Vangerow klagt wegen Diskriminierung freier Werkstätten in der Belieferung mit Ersatzteilen nach § 19 GWB (Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung). Denn selbst anerkannte Meisterbetriebe bekommen die Komponenten nicht oder nicht zu den gleichen Konditionen wie Werkstätten, die die Hersteller unter Vertrag haben.

Ein einfacher Zugang zu Ersatzteilen zu angemessenen Preisen würde zu mehr Reparaturen motivieren, glaubt der Runde Tisch Reparatur, zu dem sich 2015 Verbraucher- und Umweltschützer, Hand- und Heimwerker zusammengeschlossen haben. Deswegen unterstützt er die Aktion der Reparaturwerkstatt aus Reutlingen. Detlef Vangerow, Chef des traditionsreichen Familienbetriebs und Mitgründer des Runden Tischs, wollte es wissen. Die restriktive Handhabe sieht er als eine Strategie der Hersteller, auch ohne geplante Obsoleszenz die Lebensdauer der Produkte zu verkürzen. Im Frühjahr startete er die Kampagne „Ersatzteilfalle Hersteller“ und schrieb zahlreiche Elektronikproduzenten mit der Bitte um Ersatzteile an. Er stellte sich als Meisterbetrieb mit Eintrag in der Handwerksrolle vor und veröffentlichte die Antworten auf der Webseite „reparatur-revolution“.

Apple beispielsweise antwortete, Ersatzteile gebe es nur mit einer Autorisierung. Und weiter: „Wir haben in letzter Zeit unseren Service Channel an die erforderlichen Kapazitäten angepasst und haben derzeit leider keinen weiteren Bedarf, neue Partner für den Service zu autorisieren.“ Ähnliche Reaktionen kamen von Huawei, ZTE, De’Longhi, HTC und Vorwerk. LG habe mehrere Anfragen ignoriert. Loewe-Produkte dürfe nur der reparieren, der auch welche im nennenswerten Umfang verkaufe.

Samsung habe in den letzten Monaten gar keine Ersatzteile an freie Werkstätten geliefert, so Vangerow. Nun verlange der koreanische Hersteller die Imei-Nummer, um ein Smartphone eindeutig zu identifizieren, bevor etwa das kaputte Display ausgetauscht werden kann. „Das verletzt den Datenschutz.“

Die Klagen gegen Samsung und Apple seien nur der Anfang: Das Verfahren richte sich gegen alle Hersteller, die qualifizierte Techniker benachteiligen. „Bei diesen zwei sehen wir es als noch problematischer als bei den anderen“, sagt Ugur Türkoglu, Informationstechniker bei Vangerow. Und wenn schon Meisterbetriebe so behandelt werden, was sollen erst Repair-Cafés und handwerklich versierte Verbraucher erwarten?

Vangerow spricht auch für die Interessengemeinschaft MeinMacher – ein loser Verbund von 800 bis 1000 freien Reparaturbetrieben für Elektrotechnik und Elektronik bundesweit, nach eigenen Angaben alles geprüfte Meisterbetriebe. Sie haben sich bisher irgendwie durchgewurstelt. „Wir bestellen aus verschiedenen Quellen“, erklärt Türkoglu.

Wenn es wie bei Apple gar keine Originalteile gibt, beschaffen Großhändler diese aus dem Ausland. Das jedoch kostet 20 % bis 30 % mehr als beim Servicepartner der Marke. „Auch fehlt uns die entsprechende Diagnosesoftware“, moniert Türkoglu: „Deshalb können wir einige Reparaturen nicht anbieten.“

Würden die Rahmenbedingungen stimmen, ließen die Leute viel mehr wieder instandsetzen, ist er überzeugt. „Technisch ist das kein Thema.“ Es sei etwas anderes, sein mit vertraulichen Informationen vollgespicktes Handy irgendwohin einzuschicken, als es in die Werkstatt um die Ecke zu bringen und dem Techniker noch bei der Arbeit zuzugucken. So jedoch sieht er für das Handwerk schwarz. 15 000 bis 20 000 freie Werkstätten gebe es noch in Deutschland; viele würden bald aus Altersgründen schließen.

Auch die Verbraucherzentrale NRW hat erst kürzlich bei 31 Herstellern von Haushaltsgeräten mit insgesamt 45 Marken nachgefragt. Die Kriterien für Reparaturfreundlichkeit: erstens: Anleitungen, die auch für freie Werkstätten und Verbraucher zugänglich sind. Zweitens: verfügbare Ersatzteile. Drittens: Gehäuse, die mit handelsüblichem Werkzeug leicht zu öffnen sind. 17 Hersteller, darunter Samsung und Gorenje, mochten keine Auskunft geben. Lediglich die Marke Cloer gibt an, alle drei Anforderungen zu erfüllen.

Die Mehrheit stellt ihre Reparaturanleitungen, wenn überhaupt, nur Vertragswerkstätten zur Verfügung. Auch sind die meisten Gehäuse, besonders bei Kleingeräten, nicht leicht oder gar nicht zu öffnen. Ersatzteile liefern 18 Marken auch an freie Werkstätten und Verbraucher. Ausnahme: Kleingeräte, deren Gehäuse nicht zu öffnen ist: Für die gibt es keine Ersatzteile oder allenfalls die Reparatur durch einen Vertragspartner.

Der Runde Tisch Reparatur verlangt, dass Hersteller, Händler und Importeure verpflichtet werden, allen Marktteilnehmern über die gesamte Nutzungsdauer von Produkten hinweg Ersatzteile zu erschwinglichen Preisen zugänglich zu machen. Der Preis müsse in einem vernünftigen Verhältnis zu den Herstellungskosten stehen.

Ferner soll es einen Rechtsanspruch auf Informationen und Werkzeuge geben, die für die Reparatur erforderlich sind. Der Staat könne Reparaturen durch eine niedrigere Mehrwertsteuer fördern wie in Schweden.

Apple Deutschland möchte sich nicht zu einem schwebenden Kartellverfahren äußern. In einem Interview für den australischen Sender news.com.au sagte die Vizepräsidentin für Umwelt und Soziales des US-Konzerns, Lisa Jackson, zum Thema Reparaturfreundlichkeit, dass die Geräte unglaublich komplex seien und nur autorisierte Servicepartner sie sicher reparieren könnten. Ähnlich argumentiert die Vereinigung der Elektronikhersteller Digitaleurope.

Auch seien Ersatzteile und Anleitungen geistiges Eigentum, das geschützt werden müsse. „Die Hersteller der Branche haben ein Netzwerk aus Service-Points und Logistiklösungen entwickelt. Dadurch ließen sich Qualität, Sicherheit, Effektivität und Produktivität maximieren. Zudem können die Hersteller aus ihren Fehlern lernen“, heißt es in ihrem Statement „IT im Kreislauf halten“.

Reparieren erhält nicht nur die Arbeitsplätze beim Handwerk, sondern schont auch Ressourcen und vermeidet Abfall. Deshalb sitzen sehr unterschiedliche Akteure mit am Runden Tisch. „Wir reden sonst immer nur über Recycling und Produktdesign, aber selten über Reparatur“, erklärt Antonia Reichwein, Referentin für Ressourcenpolitik und IT bei Germanwatch. Vor den Wahlen trommelte der Zusammenschluss bei den Parteien um Unterstützung für die Reparatur. „Viele Politiker haben uns zugesagt, sich mit dem Thema zu beschäftigen“, sagt Reichwein. Als Vorbild diene Frankreich, wo Hersteller informieren müssen, wie lange Ersatzteile für ein bestimmtes Produkt zur Verfügung stehen. Mehrere Produzenten haben Fristen von drei bis elf Jahren deklariert. Aber auch in Frankreich liefe nicht alles rund. Viele würden sich der Informationspflicht entziehen, weil es keine richtigen Strafen gibt. 

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