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Donnerstag, 21. März 2019

IAA Nutzfahrzeuge

Lebensentscheidende Sekundenbruchteile

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 20. September 2018 | Ausgabe 38

Abbiegeassistenten sollen für Lkw verbindlich eingeführt werden. Sensor- und kamerabasierte Lösungen können den toten Winkel bereits gut überwachen.

Abbiege BU
Foto: imago/Rüdiger Wolk

Gefahrensituation: Radfahrer und Fußgänger sind im toten Winkel für Lkw-Fahrer nicht zu erkennen. Assistenzsysteme können Abhilfe schaffen.

Durchschnittlich sterben jedes Jahr in Deutschland etwa 28 Radfahrer, weil sie von nach rechts abbiegenden Lkw übersehen werden. Auch in diesem Jahr sind schon viele Fälle zu beklagen: In Hannover und Berlin hatten radfahrende Kinder grün – wie auch die rechtsabbiegenden Lkw, die aber die Kinder im toten Winkel nicht erkennen konnten. In Hamburg geriet eine 33-jährige Frau unter die Räder der Hinterachse, ebenfalls beim Rechtsabbiegen.

Im Mai kündigte die EU-Kommission an, sich europaweit für die verpflichtende Einführung von Abbiegeassistenten für Fahrzeuge über 7,5 t ab 2022 einsetzen zu wollen. Im Juni forderte auch der Deutsche Bundesrat eine Pflicht für Abbiegeassistenten. Der CDU-Verkehrsexperte Oliver Wittke weist darauf hin, dass die Vorschriften sowohl sensorbasierte als auch kamerabasierte Systeme zulassen könnten.

Mitte Juli rief Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die „Aktion Abbiegeassistent“ ins Leben, die auch vom ADAC unterstützt wird. Vizepräsident Thomas Burkhardt betont: „Wichtig ist jetzt, vorhandene Systeme bei bestehenden Fahrzeugflotten einzusetzen und sie parallel technisch weiterzuentwickeln – auch über reine Warnsysteme hinaus.“ Nach Angaben des Bundesverbands für Güterverkehr und Logistik (BGL) gibt es nämlich derzeit noch keinen Lkw-Hersteller, der Abbiegeassistenten anbietet, die im Gefahrenfall automatisch bremsen, sobald Objekte im Fahrzeugweg auftauchen. Abbiege- und Notbremsassistenten sind derzeit getrennte Funktionalitäten der Sonderausstattung.

Bei Mercedes ist als Abbiegesystem ein Radarsystem verbaut, das die komplette rechte Seite und einen bestimmten Bereich vor dem Lkw überwacht. Damit werden nicht nur Radfahrer, sondern auch Fußgänger entdeckt. Der Fahrer wird mit einem optischen und akustischen Signal gewarnt, sieht jedoch die Situation auf der Straße nicht selbst. Ein Kamerasystem wie auch ein Notbremsassistent können zusätzlich installiert werden. Lkw-Bauer MAN hingegen setzt auf ein Kamera-Monitor-System, das dem Fahrer beim Abbiegen den toten Winkel erfasst.

Die Hamburger Bürgerschaft beschloss im Juli, ihren städtischen Fuhrpark bereits für Fahrzeuge ab 3,5 t zügig mit Abbiegeassistenten auszurüsten. Auf der Suche nach einer Erst- und Nachrüstungslösung stieß sie auf die Hamburger Firma Luis Technology. Sie hat vor kurzem ihr Assistenzsystem „Luis Turn Detect“ auf den Markt gebracht, das vor Fahrradfahrern warnt. Es arbeitet mit einer Kamera, die den Bereich rechts vom Lkw erfasst und die Bilder auf einen Monitor in der Fahrerkabine überträgt. Sobald es ein sich bewegendes Objekt erkennt, warnt es mit optischen und akustischen Signalen.

Auch Automobilzulieferer haben verschiedene Lösungen in petto: Zulieferer Wabco wirbt mit einem erweiterten 180-Grad-Sichtfeld und erkennt mit seinem Lidarsystem sowohl stehende, als auch bewegte Objekte. Continental setzt auf ein 360°-Kamerasystem, das mit links und rechts angebrachten Kameras Fußgänger und Fahrradfahrer lokalisiert und die Zeit bis zu einem möglichen Zusammenstoß berechnet. Die Bilder werden auf ein spiegelähnliches Display in der Fahrerkabine übertragen. Große Außenspiegel sind damit verzichtbar. Der Fahrer wird über ein LED-Lichtband in der Fahrzeugkabine oder ein akustisches Warnsignal auf die Gefahrensituation aufmerksam gemacht.

Mit vier Sensoren arbeitet hingegen ein System von Dometic Waeco, das einer Einparkhilfe für Pkw entspricht. Sie sind an der rechten Seite des Lkw-Fahrerhauses untergebracht. Erfassen sie ein Hindernis, wird der Fahrer optisch und akustisch gewarnt. Auf beide Systeme – Kamera und Sensoren – setzt eine Lösung, die die Supermarktkette Edeka entwickelt hat und die jeder neue Edeka-Lkw erhält. Für das System erhielt Edeka 2015 den Dekra Award.

Automobilzulieferer arbeiten außerdem an Algorithmen, um Fahrzeuge, Fußgänger und Radfahrer möglichst frühzeitig erkennen und deren Bewegungen prognostizieren zu können. ZF beispielsweise entwickelt derzeit in seinem Projekt X2Safe einen Algorithmus samt Sensorik, der sich nicht nur in Fahrzeugen und Straßenleuchten, sondern auch in Smartphoneapps mit GPS-Ortung einsetzen lassen soll. Ziel ist es, Autofahrer wie auch Passanten und Radfahrer in Sekundenbruchteilen vor einer Kollision zu warnen.

Gemeinsam mit Vodafone testet Continental derzeit im 5G Mobility Lab ein Konzept für einen „digitalen Schutzschild für Fußgänger und Radfahrer“. Es setzt ebenfalls auf den Datenaustausch zwischen Fahrzeugen und anderen Verkehrsteilnehmern über die Cloud. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Fahrzeuge bereits mit Kameras ausgerüstet sind. Ähnlich soll auch ein vernetzter Stauwarner funktionieren.