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Donnerstag, 21. März 2019

Genfer Autosalon

Leise Töne statt lauter  Show

Von Notker Blechner | 14. März 2019 | Ausgabe 11

Schärfere CO2-Vorgaben zwingen Autobauer zunehmend in die Elektrooffensive. Auf dem Autosalon zeigen sie so viele Stromer und Plug-in-Hybride wie nie.

BU ego Lux
Foto: e.GO MOOVE GmbH

Im Rampenlicht des Genfer Autosalons – der e.GO Lux kann mobiles Konferenz- oder Wohnzimmer sein und ist ab 2020 als Shuttle für den Individualverkehr gedacht. Er soll auf den modularen Elektrifizierungsbaukasten von VW aufbauen und je nach Ausstattung autonom fahren und bis zu 15 Passagiere befördern können.

Harmonie statt Rivalität, dezente Enthüllungen neuer Modelle statt ohrenbetäubender Premierenshows, seriennahe Konzeptstudien statt verrückter Träumereien: Auf dem noch bis Sonntag laufenden Genfer Autosalon gibt man sich bodenständiger als in den Jahren zuvor. „Unsere Industrie ändert sich“, gibt Daimler-Chef Dieter Zetsche zu. „Deshalb machen wir jetzt einige Dinge anders.“

Zunächst einmal rückt Daimler die Präsentation eines Elektrovans in den Fokus – statt eines leistungsstarken Oberklassefahrzeugs. Und auch Beziehungen zu anderen Autobauern wollen die Schwaben nun anders pflegen. So übt Daimler auf der Messe den demonstrativen Schulterschluss mit dem Erzrivalen BMW. „Anders als in den vergangenen Jahren ist unser Messenachbar jetzt auch unser Partner“, erklärt Zetsche stolz. Auch BMW-Boss Harald Krüger freut sich über die ungewöhnliche Allianz als ersten wichtigen Schritt zu sicheren autonomen Autos: Vor kurzem haben Daimler und BMW eine Zusammenarbeit beim autonomen Fahren und bei Mobilitätsdiensten vereinbart.

Bei so einem komplizierten Thema wie dem automatisierten Fahren habe es wenig Sinn, das Rad zweimal zu erfinden, begründete Daimler-Entwicklungsvorstand Ola Källenius, ab Mai neuer Konzernchef, das Bündnis mit BMW. Die beiden Unternehmen wollen die Stufen drei (hochautomatisiertes Fahren) und vier (vollautomatisiertes Fahren) vorantreiben und die Standards dafür schaffen.

Auf neue Allianzen setzt auch VW. Die Wolfsburger wollen ihren modularen Elektrifizierungsbaukasten MEB auch für andere Autobauer öffnen. Dieser ist gezielt auf eine schnelle und effiziente Produktion ausgelegt. So gab VW in Genf eine Kooperation mit dem Start-up e.GO Mobile bekannt. Das Aachener Unternehmen soll künftig MEB nutzen dürfen. Ein erstes Gemeinschaftsprojekt könnte das in Genf enthüllte Kleinfahrzeug ID. Buggy sein.

Dass das von Günther Schuh geführte Start-up e.GO noch einiges vorhat, sieht man an dessen Messestand in Genf. Dort enthüllten die Aachener zwei Weltpremieren: den e.GO Life Concept, die Sportvariante des e.GO Life, und den luxuriösen E-Kleinbus e.GO Lux. In gut einem Jahr soll er in die Produktion gehen. Der e.GO Lux lässt sich als mobiles Wohn- und Konferenzzimmer nutzen. VW-Chef Herbert Diess zeigt sich zuversichtlich, dass sich die Investitionen in die Elektromobilität bald auszahlen. „2020 kommt der Durchbruch bei den E-Autos“, prophezeite er gegenüber den VDI nachrichten.

Den Umstieg auf die Elektromobilität beschleunigt die EU-Kommission. Sie zwingt die Autobauer mit schärferen CO2-Vorgaben zum Umdenken. Ab 2021 darf ihre neu zugelassene Fahrzeugflotte im Schnitt nur noch 95 g CO2/km ausstoßen. Überschreiten sie diese Grenzwerte, drohen saftige Strafen. Aktuell sind die Autobauer noch weit von den Klimaschutzzielen entfernt. Im vergangenen Jahr kauften die Deutschen Neuwagen mit im Schnitt mit einem CO2-Ausstoß von mehr als 120 g/km.

Daimler, BMW und die französischen Autohersteller zeigten sich in Genf dennoch optimistisch, die strengen CO2-Vorgaben einzuhalten. „Wir glauben, dass wir das 95-g-Ziel erreichen können“, sagte der scheidende Daimler-Boss Zetsche. „Wir haben einen Plan.“

Skeptisch zeigte sich nur ein Automanager: PSA-Chef Carlos Tavares warnte am Rande der Messe vor massiven Jobverlusten und sozialen Unruhen, die die strengeren CO2-Richtlinien auslösen könnten. Die Klimaziele gefährdeten 13 Mio. Arbeitsplätze in der Branche, sagte er. „Wenn die europäischen Autohersteller bis 2020, 2025 und 2030 nicht genügend Stromer verkaufen, werden sie mit Strafen ruiniert“, schimpfte Tavares. Er verglich die CO2-Vorgaben aus Brüssel mit dem Brexit, wo den Menschen nicht klar gesagt wurde, was auf sie zukäme.

Um nicht in eine solche Klimafalle zu tappen, setzen die meisten Autohersteller in Genf auf Stromer. Mercedes zeigte den SUV EQC, das erste Auto der Elektrobaureihe EQ, der ab Sommer auf die Straßen rollt. Zudem geben die Stuttgarter mit dem Konzeptvan EQV einen Ausblick auf die vollelektrische V-Klasse. Der Stromer besitzt einen Elektromotor, der 150 kW leistet. Eine 100-kWh-Batterie sorgt für eine maximale Reichweite von 400 km.

Gleich vier neue Plug-in-Hybride hat BMW nach Genf mitgebracht, darunter den 3er und den Geländewagen X3. Die Reichweiten liegen zwischen 50 km und 60 km, der X5 schafft sogar 80 km rein elektrisch – dank neuer, leistungsfähigerer Batterien. Bisher kamen die meisten Plug-in-Hybride nur auf 30 km Reichweite.

Audi-Chef Bram Schot hat das Jahr 2019 auf der Messe gar zum „Jahr der Plug-in-Hybride“ ausgerufen. Dementsprechend zeigen die Ingolstädter auf ihrem Messestand ausschließlich elektrifizierte Modelle. Im Rampenlicht steht der Konzept-SUV Q4 e-tron, mit dem Audi vollelektrisches Fahren für breite Kundengruppen erschwinglicher machen will.

Der Q4 e-tron ist die dritte rein elektrische Modellreihe von Audi. Der 4,59 m lange und 1,90 m breite Elektro-SUV mit Allradantrieb besitzt zwei E-Motoren mit einer Leistung von 225 kW. Die Reichweite liege dank der 82-kWh-Batterie bei mindestens 450 km. Das Fahrzeug soll in Serienversion Ende 2020 auf den Markt kommen. Die Audi-Manager sind schon jetzt elektrisiert. Wer einmal ein E-Auto gefahren habe, sei begeistert, meinte Audi-Chef Schot.

Für Aufsehen sorgt in Genf auch Polestar, die neue Elektromarke von Volvo. Die Schweden zeigen erstmals den Polestar 2 zum Anfassen und Hineinsetzen. Mit 300 kW und einer Reichweite von rund 500 km soll der Elektroflitzer dem Tesla Model 3 Konkurrenz machen. Es ist das erste Auto, das über das androidbasierte Infotainmentsystem verfügt. Obwohl der Stromer erst frühestens im Mai 2020 ausgeliefert wird, gebe es schon mehr als 1000 Vorbestellungen, heißt es. Die Preise für den Polestar 2 beginnen bei 40 000 €.

Peugeot kündigte auf dem Genfer Autosalon an, ab dem kommenden Herbst die gesamte Fahrzeugpalette zu elektrifizieren. Künftig soll jedes Modell vollelektrisch oder als Plug-in-Hybrid angeboten werden. So soll der neue 208 im Herbst auch als vollelektrischer Kleinwagen auf den Markt kommen. Europas E-Automarktführer Renault plant ebenfalls, das Angebot an Stromern auszubauen. Bis 2020 soll es auf acht vollelektrische und zwölf Hybridmodelle erweitert werden.

Die asiatischen Autohersteller gehen ebenfalls in die Elektro-Offensive. Honda enthüllt in Genf den fast serienreifen kompakten Stromer, den Honda e. Der Prototyp besticht mit seinem Retrodesign und seinen zahlreichen Bildschirmen im Cockpit, bringt es aber nur auf eine Reichweite von 200 km. 2020 soll der für urbane Pendler gedachte Elektro-Honda auf den Markt kommen. Schon im Frühjahr 2019 soll der neue Kia e-Soul, der in Genf Europapremiere feiert, zu den Händlern rollen. Mit der 64-kWh-Batterie schafft der E-Crossover eine Reichweite von mehr als 450 km. Der e-Soul ist der erste Kia, der mit dem neuen Infotainmentsystem Uvo Connect ausgestattet ist, das z. B. die nächste freie Ladesäule anzeigen kann.

Foto: Piëch Automotive AG

Der Elektrosportwagen Piëch Mark Zero ist noch eine Studie – aber auch das erste Fahrzeug einer Produktfamilie, die von der Piëch Automotive in den nächsten drei Jahren auf den Markt gebracht werden soll. Der Mark One soll sich in knapp fünf Minuten zu 80 % aufladen lassen.

Selbst im Luxusmarkt ist der E-Trend inzwischen angekommen. Anton (Toni) Piëch, Sohn des VW-Patriarchen Ferdinand Piëch, stellt in Genf den Elektrosportwagen „Mark Zero“ vor, der dank drei E-Motoren von je 150 kW in weniger als 3,2 s auf 100 km/h beschleunigt. Manche Experten sehen ihn deshalb als direkten Angriff auf den 440-kW-starken Elektro-Porsche Taycan, der 3,5 s braucht. Auch die Reichweite von bis zu 500 km kann sich sehen lassen. Besonders stolz ist Piëch junior auf die Batterien des chinesischen Zulieferers. Dank neuartiger Batterie- und Ladetechnik könne das Fahrzeug in weniger als fünf Minuten zu 80 % geladen werden. Zudem würden die Lithium-Ionen-Batterien im Betrieb nicht so heiß. Kühlwasser um die Zellen werde folglich nicht benötigt.

Noch ist der Elektrosportler ein Konzeptfahrzeug. In spätestens drei Jahren dürfte er auf die Straße rollen und mindestens 150 000 € kosten, kündigte Piëch gegenüber den VDI nachrichten an. Als Zielgruppe peilt er Kunden an, die gerne einen Ferrari, einen Aston Martin oder einen Porsche 911 kaufen. VW-Chef Diess und Großaktionär Wolfgang Porsche haben sich das „Bond-Auto“ von Toni Piëch schon angeschaut und zeigten sich angeblich ganz angetan. Vater Ferdinand Piëch hat sich noch nicht geäußert. Sohn Toni jedenfalls würde sich „freuen, wenn er stolz auf mich ist“.

Einige Fahrzeuge mit klassischen Verbrennern feierten in Genf ebenfalls Premiere. Peugeot zum Beispiel zeigt den neuen 208, Renault enthüllt den neuen Clio, Skoda klotzt mit dem kleinen City-SUV Kamiq und Mazda schließt mit dem Kompakt-SUV-Coupé CX-30 die Lücke zwischen CX-3 und CX-5.

Auch die PS-Stars haben traditionell ihren Platz in Genf: Porsche hat den neuen 911 Cabrio im Gepäck, Bentley setzt auf den schnellsten SUV der Welt, den Bentagya Speed. Und Ferrari lässt das Herz der Sportwagenfans mit dem F8 Tributo höherschlagen. Der Superflitzer verfügt über den stärksten V8-Motor der Ferrari-Geschichte. Mit 530 kW beschleunigt er in 2,9 s auf 100 km/h. Gegenüber dem Vorgänger 488 GTB ist das neue Modell 40 kg leichter.

Und was gibt es Neues von den Zulieferern? Goodyear zeigt den Konzeptreifen Aero für Flugautos. Bei Stau klappen die vier Räder in die Horizontale, die Speichen funktionieren als Rotorblätter und sorgen so für zusätzlichen Auftrieb beim Fliegen. Goodyear spricht von einem „multimodalen Tiltrotorkonzept“, das durchaus bald Serienreife erlangen könnte.

Nicht ganz so abgehoben geht es bei Brembo zu. Der italienische Bremsenspezialist gibt einen Ausblick auf die Bremse der Zukunft: das elektrische Bremssystem Brake by Wire. Es ist deutlich schneller als das bisher gängige hydraulische Bremssystem. Vor allem für das autonome Fahren sei der Brake by Wire geeignet, sagte Giovanni Cavanotto, Leiter der Bremssysteme von Brembo, gegenüber den VDI nachrichten. 2023 soll die Bremse auf den Markt kommen.