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Sonntag, 21. Januar 2018

Halbleitermarkt

Megafusion mit Fragezeichen

Von Werner Schulz | 16. November 2017 | Ausgabe 46

Broadcom bietet 130 Mrd. $ für den Wettbewerber Qualcomm.

Die Konsolidierung der weltweiten Halbleiterhersteller setzt neue Rekordmarken. Das gilt für die zeitliche Abfolge der Übernahme von Wettbewerbern ebenso wie für die gebotenen Beträge. Es geht um hart erkämpfte Marktpositionen bei renditestarken Produkten.

Das aktuelle Musterbeispiel einer „freundlichen“ Übernahme ist die am 6. November vom WLAN-Chipspezialisten Broadcom vorgelegte Absichtserklärung, den 5G-Mobilfunkrivalen Qualcomm zu schlucken, mit allen Schulden und Verpflichtungen. Für den Gegenwert von 130 Mrd. $. Bis heute eine sensationelle Summe.

Von Qualcomm kam als erste Reaktion, der Betrag sei unzureichend – also immerhin ein diskussionswürdiges Angebot. Denn wie der US-Branchendienst TheStreet notiert, wurden bei insgesamt 42 in den letzten zehn Jahren vollzogenen Fusionen im Chipsektor im Durchschnitt 200 Mio. $ gezahlt. Millionen, keine Milliarden. Gegen die neue Realität im Positionskampf der Chipgiganten waren das bisher geradezu Peanuts.

Der letzte, auch als spektakulär eingestufte Übernahmeversuch galt im Oktober 2016 dem niederländischen Autoelektronik- und Funkchipanbieter NXP Semiconductors. Das Angebot belief sich auf 47 Mrd. $. Bieter war die nun selbst zum Übernahmekandidaten mutierte Firma Qualcomm. Der Kauf ist immer noch nicht in trockenen Tüchern, auch wegen der langatmigen Prüfungen der EU-Behörden. Natürlich geht dieser Schwebezustand in den aktuellen Übernahmepoker ein. Und zwar dergestalt, dass findige NXP-Anteilseigner nun einen höheren Preis einfordern wollen.

Das sind jedoch beileibe nicht alle Komplikationen, die im Fall Broadcom-Qualcomm drohen. Dazu kommen Bereinigungen in den Produktportfolios und im Lizenzgebaren. Auch die Kartellbehörden von Ländern, in denen Anwender der mit monopolartiger Dominanz angebotenen Produkte angesiedelt sind, werden Modifikationen anmahnen. Dazu zählen z.B. China mit seiner Mobilfunk- und Deutschland mit der Autoindustrie. Der Monstermerger würde mit einem Schlag die globale Rangfolge der Chipmacher verschieben und sich auf Platz drei, gleich hinter Intel und Samsung, katapultieren.

Kein Wunder, dass Intel, die lange unangefochtene Nummer eins im Markt, sich zur Kooperation mit dem ewigen Prozessorrivalen AMD bei Grafikchips bequemt, um anderen Anbietern das Wasser abzugraben. Bei TheStreet munkelt man gar, Intel und Samsung seien an einem wie auch immer gearteten „Deal“ interessiert.

Entscheidend für ein Gelingen der Fusion sind zwei Faktoren: erstens der positive oder negative Ausgang des Qualcomm-NXP-Deals, zweitens die Beilegung des Patentstreits zwischen Qualcomm und Apple. Wegen umstrittener Berechnung von Lizenzgebühren musste Qualcomm bereits Strafzahlungen leisten: in den USA, in Südkorea und auch in China – dort in Höhe von 975 Mio. $. Für Umsatzentwicklung und Börsenwert war das nicht gerade förderlich.

Etliche Auguren spekulieren, dass just diese Schwäche den forschen Broadcom-CEO Hock Tan dazu angeregt hat, sein 130-Mrd.-$-Angebot für Qualcomm vorzulegen. Und zwar, in einem gerissenen Schachzug, vier Tage nach seinem spektakulären Auftritt im Weißen Haus, Arm in Arm mit US-Präsident Trump. Dem versicherte er seine Unterstützung bei der Unternehmenssteuerreform. Und er versprach, seinen Unternehmenssitz von Singapur zurück ins Silicon Valley zu verlegen. Das Wohlwollen der US-Kartellaufsicht wird damit wahrscheinlicher.

Für Qualcomm sprang bei der Trump-Visite in China etwas heraus: eine Absichtserklärung mit einem Auftragsvolumen über 12 Mrd. $. Würde Qualcomm jetzt in einer taktischen Volte den Forderungen von Apple nachgeben und seine Lizenzgebühren mindern, und dafür wieder als Zulieferer für Apples iPhone agieren, könnte dies das Schicksal noch einmal wenden und den Fortbestand von Qualcomm als eigenständiges Unternehmen sichern.

Dass der Broadcom-CEO ein gewiefter Fusionsstratege mit Rückenwind der großen Finanzdienstleister ist, hat er schon als Chef des Chipherstellers Avago Technologies bewiesen. Den hatte er 2009 aus dem Portfolio von Hewlett-Packard geformt. 2016 setzte er mit der Übernahme der damaligen Broadcom Corp., unter Beibehaltung des Namens, seinen ersten großen Erfolgspunkt. Qualcomm soll der nächste werden.

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