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Mittwoch, 20. Februar 2019

Medizintechnik

Minilabor fürs Wartezimmer

Von Bettina Reckter | 20. Dezember 2018 | Ausgabe 51

Nur bei bakteriellen Infektionen können Antibiotika wirklich helfen. Das Berliner Start-up midge medical entwickelt ein mobiles Testsystem für die Arztpraxis.

Start-up BU 1
Foto: midge medical

Klein und schnell: Mit dem Minilabor kann der Patient selbst ermitteln, ob eine bakterielle oder virale Erkrankung vorliegt.

Häufig verschreiben Ärzte unnötig Antibiotika. Wer an einer von Viren verursachten Erkältung leidet, dem können diese Medikamente nicht helfen. Denn sie bekämpfen nur bakterielle Infektionen. Falsch eingenommene Antibiotika aber können sogar zu gefährlichen Resistenzen führen. Deshalb ist es für den Arzt besonders wichtig, vor einer Verordnung zu klären, ob der Patient überhaupt ein Antibiotikum braucht. Mit einem mobilen Minilabor, das er seinen Patienten mit ins Wartezimmer geben kann, ist das bald möglich. Ein junges Berliner Unternehmen entwickelt das System zurzeit zur Serienreife.

midge medical GmbH

„Wir messen den sogenannten CRP-Wert“, erklärt Jörn Bungartz, Gründer und Geschäftsführer des Start-ups midge medical, die Funktionsweise des Geräts. „An ihm können wir ablesen, ob eine bakterielle Infektion vorliegt.“ CRP steht für C-reaktives Protein und ist ein Entzündungsmarker. Der Körper produziert diesen Botenstoff, wenn er eine Infektion bekämpft. Sind Bakterien die Ursache, geht der CRP-Gehalt im Blut sehr schnell und steil hoch. Sind Viren mit im Spiel, steigt der Wert nur wenig. „Deshalb kann der Arzt anhand dieses Wertes sehr gut entscheiden, ob der Patient überhaupt ein Antibiotikum braucht“, sagt Bungartz.

Foto: midge medical

Jörn Bungartz (2.v.r.) gemeinsam mit den Gründungsmitgliedern der Denkfabrik „meisterwerk ventures“.

Studien und Erfahrungen aus der Praxis in Skandinavien und den Niederlanden haben gezeigt, dass sich die Verschreibungsrate von Antibiotika um 20 % bis 30 % senken ließe, wenn der Arzt direkt einen entsprechenden CRP-Test vornimmt. Bislang geschieht dies mit einem zehnteiligen System, das unter anderem Lanzetten, Kanüle, Pufferlösung und Auswertestreifen enthält. „Unsere System integriert alle Komponenten der handelsüblichen Technologie in einem kompakten Gerät vom Durchmesser eines Zweieurostücks“, sagt der Gründer. Das Besondere daran: Der Test muss nicht von einer Arzthelferin im Labor durchgeführt werden. Er lässt sich durch einfachen Druck auf die Haut vom Patienten selbst noch im Wartezimmer anwenden. In einem einzigen Vorgang wird ein Tropfen Blut abgenommen, mit der entsprechenden Pufferlösung versetzt und der Wert ermittelt. Wird der Patient zur ärztlichen Konsultation aufgerufen, kann der Arzt das Ergebnis gleich per Smartphoneapp auslesen. Vielen Medizinern scheint der handelsübliche Test durch die Sprechstundenhilfe zu aufwendig. Ein einfacher Schnelltest scheint da eine gute Lösung zu sein.

Ein Blick in die Zukunft verrät, wie sich solche Geräte innerhalb einer modernen e-Health-Strategie einsetzen ließen. Der Patient, der sich nicht wohl fühlt, ruft auf seinem Smartphone eine Gesundheitsapp auf. Diese befragt ihn nach den Symptomen und empfiehlt einen entsprechenden Test von midge medical. Ein Lieferservice bringt das Produkt innerhalb weniger Stunden ins Haus. Nach der Anwendung des Tests wird das Ergebnis dem Arzt elektronisch übermittelt. Der schickt ein elektronisches Rezept an die Apotheke um die Ecke, die wiederum das benötigte Medikament nach Hause liefert. Der Patient muss keinen Fuß vor die Tür setzen und kann schneller gesund werden. Noch ist das Zukunftsmusik, doch deren Klänge kann man bei den derzeitigen Bemühungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in Richtung elektronische Gesundheitslösung bereits leise vernehmen.

Der Prototyp des Gerätes ist bereits fertiggestellt. Der Stechmechanismus funktioniert, es wird eine genau definierte Menge Blut mit der Pufferlösung verdünnt. Die Teststreifen zeigen in dieser runden Geräteform das richtige Ergebnis an. Und auch das Auslesen per Smartphonekamera klappt. Nach Erreichen diese Meilensteine gehen Bungartz und seine Mitgründer jetzt in die nächste Phase, um das Produkt zur Serienfertigung zu bringen. Der Preis für das fertige Gerät soll mit unter 10 € in ungefähr derselben Region von heutigen Testkits liegen.

Es gibt viele Parameter, die sich mit einem solchen Minilabor fürs Wartezimmer ermitteln lassen. Schilddrüsenhormone zum Beispiel. Anhand des sogenannten TSH-Wertes ist schnell geklärt, ob eine Über- oder Unterfunktion dieses lebenswichtigen Organs vorliegt. Oder Hinweise auf Thrombose und Lungenembolie. Der Botenstoff D-Dimer zeigt an, ob Abbauprodukte eines Blutgerinnsels vorliegen. „Und beim Herzinfarkt schauen wir auf das Troponin, ebenfalls ein Protein, das auf einen Herzmuskelschaden hinweist“, erzählt Bungartz von seinen Zukunftsplänen. Zwar sei man noch nicht so weit in der technischen Evaluation, könnte den Test aber möglicherweise mit weiteren Parametern auf einem Gerät zusammenzufassen.

Geschäftsführer Bungartz verfügt über den nötigen Background. Nach dem Studium der Technischen Informatik stieg er bei Biotronik ein. Für das Berliner Medizintechnikunternehmen, das implantierbare Herzschrittmacher und Defibrillatoren herstellt, entwickelte er das Monitoringsystem für die Produkte und war Leiter des Produktmanagements.

Seit seiner Schulzeit arbeitete er zudem selbstständig als Software- und Technologieberater. Sein lang gehegter Wunsch, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, brachte ihn schließlich mit Michael Diebold zusammen. Dieser hatte ebenfalls Technische Informatik studiert und war bei Biotronik mit dem Aufbau der Entwicklungsabteilung betraut. Gemeinsam mit Gerald Vollnhans, Daniel Lichterfeld und Markus Riester entstand die Denkfabrik „meisterwerk ventures“, die Ideen zu technisch anspruchsvollen Produkten konzipiert und entwickelt. Das Minilabor von midge medical gehört dazu.

Das 2016 gegründete Unternehmen hat fünf Mitarbeiter. Die ersten Schritte hatten die Gründer mit Eigenkapital bestritten, dann aber erhielten sie Rückendeckung in Form eines Transferbonus von IBB, der den Prototypenbau zusammen mit der TH Wildau für die Geräteentwicklung unterstützt hat. Im vergangenen Jahr wurde in einer ersten Runde Risikokapital eingesammelt und ein ZIM-Förderprojekt (Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand) gewonnen, bei dem der VDI/VDE Projektträger ist. Nun bereitet sich midge medical auf die Serienproduktion und die nächste Finanzierungsrunde vor.