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Samstag, 23. Februar 2019

Autonomes Fahren

Mit Roboterbussen en route

Von Regine Bönsch, Lutz Hermann | 14. Juni 2018 | Ausgabe 24

Überall auf der Welt werden sie getestet: automatisierte Kleinbusse made in France. Zwei kleine Firmen haben es geschafft, dass ihre Fahrzeuge auf internationalem Forschungsparkett brillieren.

BU1 AutonomBus
Foto: dpa Picture-Alliance/Lp/Jean Nicolas Guillo

Der EZ10 fährt in Paris über die Charles-de-Gaulle-Brücke und verbindet zwei Pariser Bahnstationen miteinander. Einen Fahrer braucht der Bus nicht, denn ihn lenkt der Computer.

Er fährt auf dem Universitätsgelände im chinesischen Nanjing, verbindet in Paris den Gare de Lyon mit dem Gare d‘Austerlitz und erobert sich das Forschungsgelände von Ericsson in Stockholm. Kein Zweifel, der Kleinbus EZ10 ist schon jetzt ein Exportschlager Frankreichs.

ConCarExpo statt Heathrow

Gefertigt wird der Roboterbus von Easymile, einem Gemeinschaftsunternehmen des Kleinwagenherstellers Ligier und des indischen Roboterunternehmens Robosoft in der Nähe von Toulouse. Zusammen mit dem Start-up Navya kommen damit zwei der wichtigsten Hersteller fahrerloser Busse aus der „Grande Nation“.

Easymile beschäftigt rund 70 Mitarbeiter. Vor zwei Jahren war der smarte Bus bei der staatlichen Bahngesellschaft SNCF im Probeeinsatz, einige Monate später zwischen den Pariser Sackbahnhöfen Gare d‘Austerlitz und Gare de Lyon, scheinbar erfolgreich: Ein Modell des automatischen Shuttleservice wurde in 100 Städten – verteilt über 29 Länder – vorgestellt. In Deutschland fährt der EZ10 nun in Bad Birnbach (s. VDI nachrichten Nr. 45/17) und in Berlin auf dem Forschungsgelände Euref. Aktuell laufen Tests bei der Charité. Zudem ist in Berlin ein Shuttleservice zum Bahnhof Südkreuz geplant, doch die Zulassung für den öffentlichen Verkehr dürfte aus rechtlichen Gründen noch dauern. Zulieferer Continental investierte trotzdem in das Unternehmen und erwarb eine Minderheitsbeteiligung bei Easymile. Das kleine Unternehmen aus Südfrankreich hat ein Ziel: Es will zu einem der wichtigsten Hersteller von elektrisch verkehrenden Bussen, den autonomen Shuttleservices, werden.

„Man muss auch bedenken, dass etwa 90 % aller Unfälle auf den Straßen in irgendeiner Form auf menschliches Versagen zurückzuführen sind“, erklärt Constantin Pitzen von der Projektgemeinschaft Büro autoBus, um die Zuverlässigkeit der Neuentwicklung zu unterstreichen. „Der Mensch hat nur zwei Augen. Unsere Technologie schaut in alle Richtungen, ist also viel sicherer, wenn alles funktioniert.“

Der Busfahrer wird durch Hightech ersetzt. GPS, Radar und Sensoren steuern das Fahrzeug auf einer festgelegten, programmierten Strecke. Noch muss immer ein Techniker an Bord sein, der notfalls eingreifen kann. Noch müssen die Fahrzeuge auf gesonderten Strecken fahren. Doch das dürfte sich in nicht allzuferner Zukunft ändern.

Foto: dpa Picture Alliance/Bonnaud Guillaume

Langsam, aber sicher bewegt sich der autonome Bus von Navya durch den Straßenverkehr. Das Gefährt zuckelt mit durchschnittlich 25 km/h über den Asphalt, kann aber Spitzengeschwindigkeiten von 45 km/h erreichen.

Sechs Navya-Fahrzeuge sind seit April 2016 auf dem Gelände des französischen Kernkraftwerks Civaux bei Poitiers unterwegs. Es wird mit sechs Shuttlebussen angefahren, um Hunderte von Beschäftigten im 3-min-Takt für den Pendelbetrieb abzuholen. In der schweizerischen Kleinstadt Sitten verkehren seit Juni 2016 zwei Fahrzeuge. Bisher haben 35 Testbusse über 50 000 km hinter sich gebracht und mehr als 130 000 Menschen in Städten wie Lyon und Villeurbanne befördert. Der Roboterbus bewältigt sogar seine Ladevorgänge autonom. Sinkt die Batterieleistung unter 10 %, steuert der Wagen selbstständig die nächste Ladestation an.

Als der „Navya“ über abgelegene Strecken geisterte, verfolgten die Franzosen die ersten Testfahrten mit Erstaunen. Auch dieser französische Roboterbus wurde bereits in Frankreich, Deutschland und acht weiteren Ländern getestet. Wie das Easymile-Fahrzeug ist das autonome Elektrofahrzeug ein Hingucker.

Das Start-up Navya mit 210 Angestellten, davon 60 Ingenieure, die sich auf autonomes Fahren spezialisiert haben, ist vor drei Jahren von dem Chefingenieur Christoph Sapet in Villeurbanne bei Lyon in Mittelfrankreich gegründet worden. Er hat von mehreren Finanzinvestoren 4,1 Mio. € Risikokapital erhalten. Im Oktober 2014 erhöhte Sapet die Finanzmittel um 30 Mio. €, ein Anleger aus Katar ist dabei. 

Im selben Jahr brachte der Franzose das voll automatisierte Projekt Navya (sein vorläufiger Name) auf den Markt. Mangels Genehmigung der Verkehrsbehörden durfte das fahrerlose Fahrzeug aus Sicherheitsgründen nur abseits der großen Achsen testfahren. Sapet taufte den Testbus später Navya-Arma. Der Bus ist als erster Versuchswagen für den Regelverkehr konzipiert.

Das Projekt sei ein zweckmäßiges, praktisches und kundenfreundliches Gefährt, schwärmen die Konstrukteure. Als „intelligenter“ fahrerloser Shuttlebus kann er bis zu 15 Passagiere – elf Sitz- und vier Stehplätze – aufnehmen. Die Geschwindigkeit wird durchschnittlich mit 25 km/h angegeben, kann aber in der Spitze bis zu 45 km/h erreichen. 100 Busse des Modells Arma will der Hersteller in den kommenden Jahren produzieren. 65 seien nach Firmenangaben zu einem Stückpreis von 260 000 € bereits verkauft.

Aber bis die Busse auf Autobahnen oder selbstständig im Stadtverkehr fahren, dürfte es noch dauern. Erst ein erfolgreich bestandenes Zulassungsverfahren gäbe den Testern grünes Licht, die Robo-Busse überall einsetzen zu können. Das halten Fachleute bis 2030 für möglich.

Die Regierung in Paris will beim Einsatz fahrerloser Busse finanziell helfen. Präsident Emmanuel Macron sieht sein Land in der Vorreiterrolle beim autonomen Fahren in Europa. Sein Kabinett hat ein Strategiepapier ausgearbeitet, laut dem bereits nach dem Jahr 2020 selbstfahrende Autos auf Frankreichs Straßen verkehren sollen. 1,2 Mrd. € wolle das Land in die Entwicklung autonomer Technologien investieren, versprach Macron.

Wirtschaftsminister Bruno Le Maire kündigte an, dass Frankreich auf dem Gebiet des autonomen Fahrens das „attraktivste Land Europas“ werden wolle. Einige rechtliche Regularien werden aktuell in Arbeitsgruppen erarbeitet.

Die Automobilindustrie unserer Nachbarn jedenfalls steht bereits deutlich in den Startlöchern. Medienberichten zufolge soll PSA bereits seit 2015 autonome Technologien entwickeln, Renault will in drei bis vier Jahren 15 halbautonome Fahrzeuge präsentieren und hat auf dem Genfer Autosalon sein Konzept eines Roboterfahrzeugs präsentiert. Ebenso beschäftigen sich Zulieferer wie Valeo und Faurecia intensiv mit Innovationen. Stolz sind Politik wie Wirtschaft vor allem auf die kleinen Start-ups mit ihren Roboterbussen.