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Donnerstag, 21. März 2019

IAA Nutzfahrzeuge

Mobil mit Strom und Erdgas

Von Johannes Winterhagen | 20. September 2018 | Ausgabe 38

Hersteller von Lkw müssen künftig strenge CO2-Grenzwerte einhalten. Die Art der Lösung hängt dabei vom Fahrzeuggewicht ab.

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Foto: Daimler AG

Lokale Lösung: Elektrifizierte Transporter erzeugen im Betrieb keine Abgase. Deshalb sind sie für Lieferdienste in Städten interessant.

Ungewöhnlich deutliche Worte spricht Andreas Rentschler in einem abgedunkelten Konferenzraum am Frankfurter Flughafen. „Es ist höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel im Transport“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen-Nutzfahrzeugsparte, die zur IAA unter dem neuen Namen „Traton“ antritt. Im Saal schreiben mehrere Dutzend Fachjournalisten aus aller Welt mit. Für gewöhnlich hinterfragen sie technische Details der präsentierten Fahrzeuge, nicht aber den Straßengütertransport an sich. Doch dessen Erfolg ist es, der Rentschler und anderen Topmanagern der Nutzfahrzeugindustrie Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

Weniger Leerfahrten

„Alle weltweit zugelassenen Lkw hintereinander gereiht würden einmal um den Erdball reichen“, so Rentschler. „Der Wachstumstrend wird anhalten, allen Diskussionen um Handelsschranken zum Trotz.“ Die Folge: Der CO2-Ausstoß aus dem Straßengüterverkehr steigt. Zwar macht er europaweit nur 6 % aller klimaschädlichen Emissionen aus, doch die EU-Kommission plant, im kommenden Jahrzehnt erstmals für schwere Nutzfahrzeuge einen Flottengrenzwert einzuführen. Dieser Wert bis zum Jahr 2030 laut Kommissionsentwurf um 30 % reduziert werden.

Das Elektroauto bietet Herstellern im Pkw-Sektor einen Weg, empfindliche Strafzahlungen zu vermeiden. Hier werden ähnliche Reduktionswerte diskutiert. Gleichzeitig werden die bei der Stromproduktion entstehenden Emissionen dem Transportsektor nicht zugerechnet.

Einer Elektrifizierung des schweren Güterverkehrs erteilt Rentschler jedoch eine Absage: „Ein Lkw verbraucht an zwei Einsatztagen im Fernverkehr mehr Strom als ein Vier-Personen-Haushalt im Jahr.“ Vorerst bleibe der Diesel „Teil der Lösung und nicht Teil des Problems.“

Zurückhaltender äußert sich Martin Damm, im Vorstand von Daimler für die Nutzfahrzeugsparte verantwortlich: „Eine Elektrifizierung des Langstreckentransports möchte ich nicht gänzlich ausschließen. Zu oft sind wir vom Fortschritt überrascht worden.“ Realistischer hält er den Einsatz elektrifizierter Lkw jedoch im Verteilerverkehr. So habe sich eine Testflotte des 7,5-Tonners „eCanter“ mittlerweile auf drei Kontinenten im Kundeneinsatz bewährt, die Serienproduktion soll bereits im kommenden Jahr beginnen. Der wassergekühlte Lithium-Ionen-Akku ist dazu modular aufgebaut und hat in der maximalen Ausbaustufe eine Kapazität von 84 kWh. Kunden könnten die Reichweite so an individuelle Einsatzprofile anpassen.

Noch auf Basis konventioneller Antriebe zeigt Daimler auf der IAA sein Flaggschiff, den neuen Actros. Der Lkw soll jedoch einen um 3 % bis 5 % geringeren Kraftstoffverbrauch aufweisen. Die Einsparung geht jedoch nicht auf neue Antriebe, sondern vor allem auf neue Version der prädiktiven Geschwindigkeitsregelung sowie eine verbesserte Aerodynamik zurück. Anstelle klassischer Außenspiegel sollen künftig deutlich kleinere Kameras den Luftwiderstand verringern. Displays an der A-Säule übertragen das Kamerabild ins Innere.

Konkurrent Iveco will zur Messe vor allem für Erdgasmotoren werben. In Zusammenarbeit mit dem Mineralölkonzern Shell haben die Italiener eine „dieselfreie Niedrigemissionszone“ eingerichtet. Zu sehen sind dort die Ergebnisse zahlreicher Pilot- und Kundenprojekte, z. B. anhand einer an den Lebensmittelhändler Carrefour ausgelieferten Flotte des Stralis NP. Der mit Flüssiggas (LNG) betriebene Schwer-Lkw soll dabei im Schnitt 10 % weniger CO2 ausstoßen als ein vergleichbarer Diesel-Lkw. Es habe sich außerdem gezeigt, so der Markenverantwortliche Pierre Lahutte, dass die Stickoxidemissionen um 90 % sinken. Zudem erlaubten die leiseren Motoren eine nächtliche Belieferung auch von Supermärkten, die in Innenstädten liegen.

Elektrische Lieferfahrzeuge für einen vollständig emissionsfreien Innenstadtverkehr waren auf der letzten IAA vor zwei Jahren nur als Studien zu sehen, vom Streetscooter der Deutschen Post mal abgesehen. Diesmal stehen bei verschiedenen Herstellern Serienprodukte auf den Ständen. So debütiert bei MAN der eTGE, der bereits seit Juni produziert wird. Der Akku mit einer Kapazität von 36 kWh soll nach Herstellerangaben für eine Reichweite von bis zu 160 km reichen. Rund 75 % aller innerstädtischen Transporte seien damit abzudecken.

Als langfristig beste Lösung für Städte bewertet eine MAN-Studie die auf emissionsfreien Lieferfahrzeugen basierende Logistik. Der Hersteller hatte dafür 100 Experten und mehr als 1800 Bürger befragt, wie die Innenstädte entlastet werden können. Insbesondere überzeugte ein Szenario, bei dem die Fahrzeuge von urbanen Verteilerzentren ausschwärmen. Auch 81 % der befragten kommunalen Entscheider würden einem solchen Szenario zustimmen.

„Ohne lokal emissionsfreie Antriebe wird es in der Stadt der Zukunft nicht mehr gehen“, sagt Joachim Drees, Vorstandsvorsitzender der Lkw-Sparte von MAN. Die dafür notwendigen Antriebe sind zumindest für Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht bis 7,5 t auf der IAA nicht nur zu sehen, sondern auch zu bestellen. Vorschläge wie Rohrpostsysteme oder die Rückkehr zum staatlichen Monopol der Post fielen bei den befragten Bürgern durch.