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Dienstag, 23. Januar 2018

Geldpolitik

Negativzinsen schlagen durch

Von Christoph Böckmann | 15. September 2016 | Ausgabe 37

Banken und Unternehmen verlangen nun tatsächlich von Sparern Gebühren dafür, dass sie ihr Geld nehmen.

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Foto: panthermedia.net/vlerijse

Statt Zinsen einzustreichen, müssen einige Sparer jetzt sogar zahlen, wenn sie ihr Geld bei der Bank deponieren.

Für Sparer wird es ungemütlich. Mario Draghi hat sich entschieden: Die Geldschleusen bleiben weit geöffnet. So verkündete jetzt der oberste europäische Währungshüter: Die EZB wird noch mindestens bis März 2017 monatlich Staats- und Unternehmensanleihen für 80 Mrd. € kaufen. Der Leitzins bleibt bei 0 %, der Strafzins, den Banken zahlen müssen, wenn sie Geld bei der Zentralbank parken, bei 0,4 %.

Positive Effekte für die Wirtschaft sind dabei bislang kaum zu spüren. Dafür kommen die Negativzinsen nun auch bei den Sparern an. Unternehmen mit guter Bonität hingegen freut‘s. Sie können mittlerweile von ihren Investoren ebenfalls Strafzinsen verlangen.

Am Tegernsee sind sie nun auch für private Sparer Realität. Die Raiffeisenbank Gmund verlangt seit September für Einlagen ab 100 000 € 0,4 % Strafzinsen von ihren Kunden. Wer dort eine Summe dieser Größenordnung auf einem Sparbuch bunkert, zahlt also ab sofort mindestens 400 € jährlich dafür.

Die Strafzinsen der EZB gaben die Banken bisher nur an Unternehmenskunden oder große Investoren wie Fonds weiter. An die Privatkunden trauten sich die Kreditinstitute bislang nicht. Doch jetzt ist der Damm gebrochen. So könnten bald auch kleine Sparbeträge von den Negativzinsen betroffen werden.

„Ich glaube, dass für den normalen Girokontenkunden, für den normalen Sparkunden negative Zinsen Konsequenzen haben werden, die wir alle nicht wollen“, meint Postbank-Chef Frank Strauß. Er halte flächendeckende Strafzinsen für Privatkunden zwar für unwahrscheinlich, „aber man darf in dem aktuellen Umfeld niemals nie sagen“, betont Strauß.

Dabei legen die Banken die Negativzinsen, die sie bei der EZB bezahlen müssen, längst auf andere Art und Weise auf ihre Kunden um. In vielen Fällen müssen Privatkunden beispielsweise bereits höhere Gebühren für Überweisungen oder Bankkarten zahlen.

Aber nicht nur Banken verlangen neuerdings Negativzinsen. Gerade haben Henkel und Sanofi je Anleihen ihrer Unternehmen mit einer Rendite von -0,05 % emittiert. Das heißt: Investoren sind bei diesen Großkonzernen, die beide als besonders sicher und stabil gelten, bereit dafür zu löhnen, dass diese ihr Geld nehmen. Dabei fanden die Papiere reißenden Absatz. Der Waschmittelhersteller konnte Anleihen im Wert von 2,2 Mrd. € verkaufen, der Pharmakonzern nahm mit seinen Bonds 500 Mio. € ein. Im Juli waren schon Papiere der Deutschen Bahn mit einer Negativrendite über die Ladentheke gegangen. Nach dem Staatskonzern sind mit Henkel und Sanofi die Negativzinsen nun auch für Investoren von privatwirtschaftlichen Unternehmen Realität.

Doch warum lassen sich Investoren auf negative Renditen ein? Aus Mangel an Alternativen! Große institutionelle Anleger wie Pensionsfonds dürfen großteils ihr Geld nur in vermeintlich sichere Anlagen stecken. Dazu zählen deutsche Staatsanleihen, die auch schon Negativrenditen ausweisen. Auch für Sparer ist die Suche nach gewinnbringenden festverzinslichen Papieren schwierig, jetzt wo die Renditen der ersten Unternehmensanleihen ins Minus gerutscht sind.

Die Ratlosigkeit bei Anlegern ist groß. „Die Nachfrage nach Schließfächern hat sehr stark zugenommen“, vermerkt der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich. „Aus meiner Sicht ist auch das ein Warnsignal.“

Von Ex-Bundesbank-Präsident Axel Weber kommt deswegen Kritik an der Geldpolitik. „Ich war immer skeptisch gegenüber negativen Zinsen, weil ich glaube, dass sie mehr Schaden als Nutzen bringen“, meint Weber, der heute Präsident des Verwaltungsrates der Schweizer Großbank UBS ist. Außerdem bemängelt er die Neuausrichtung der EZB: „Notenbanken sind sehr stark zum Reparaturbetrieb der Politik und der Finanzmärkte verkommen.“

Mit Material von dpa

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