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Mittwoch, 20. Februar 2019

Versicherung

Neu rechnen

Von Stefan Terliesner | 14. Juni 2018 | Ausgabe 24

Ein Reformvorschlag für die Berechnung der privaten Kassenbeiträge liegt auf dem Tisch. Das Gesundheitsministerium zeigt sich offen.

BU_PKV
Foto: panthermedia.net/Kzeon

Die Vorzugsbehandlung kostet Versicherte der privaten Kassen im Laufe der Vertragszeit oft deutlich mehr als zu Beginn.

Beitragssprünge von bis zu 10 % sind ein Ärgernis in der privaten Krankenversicherung (PKV). Ein paar Jahre bleiben die Kosten für den Gesundheitsschutz konstant, um dann umso kräftiger in die Höhe zu schnellen. Von einem Monat auf den anderen zahlen Vollversicherte dann 50 € oder 80 € mehr. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern wirbelt auch Finanzpläne von Familien durcheinander.

Einfach den Anbieter wechseln geht nicht: Die Betroffenen würden ihre Alterungsrückstellungen an das verbliebene Versichertenkollektiv verlieren. Eine Mitnahme sieht der Gesetzgeber für Policen vor 2009 nicht vor. Und bei jüngeren Verträgen können die Mittel nur teilweise transferiert werden. Hinter den Alterungsrückstellungen verbirgt sich das Kapitaldeckungsverfahren: In jungen Jahren zahlt ein Kunde mehr Beiträge ein, als er an Leistungen erhält. Im Alter ist es umgekehrt. Den Mehrbeitrag in jungen Jahren, den Sparanteil, legt der Versicherer am Kapitalmarkt an. Sparanteil und Kapitalerträge bilden die Alterungsrückstellungen. Aus Sicht eines Kunden geht es hier schnell um einen fünfstelligen Betrag. Also bleiben die meisten bei ihrem Versicherer, auch wenn dieser den Beitrag erhöht. Ein Ausweg wäre ein Tarifwechsel innerhalb des Unternehmens. Dieser freilich ist nicht immer sinnvoll (siehe vdi Nachrichten im 21.03.14: „PKV-Tarif wechseln und Geld sparen“).

Ein Reformvorschlag der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) dürfte die Betroffenen freuen: Die Versicherungsmathematiker wollen den Beitragsanhebungen den Garaus machen. Dafür brauchen sie den Gesetzgeber. Denn die abrupten Anhebungen sind das Resultat eines Verfahrens, das die Versicherten vor Willkür schützen soll. Noch hält sich das Bundesministerium für Gesundheit bedeckt. Auf Anfrage hieß es dort: Die Vorschläge der DAV würden diskutiert. Vom neuen Behördenleiter Jens Spahn (CDU) ist bekannt, dass er Änderungen im System nicht ausschließt. Er ist dafür aber auf Unterstützung durch die SPD angewiesen, die die PKV am liebsten abschaffen würde.

Kern des Vorschlags ist eine Neugestaltung der auslösenden Faktoren. Derzeit erlaubt ist eine Anpassung der Beiträge nur in zwei Fällen: Der erste ist die Abweichung der erwarteten von den einkalkulierten Leistungen um mehr als 10 %. Der zweite ist die Differenz der realen von den kalkulierten Sterbewahrscheinlichkeiten um über 5 %. Diese Regelung ist nach Auffassung der Aktuare doppelt problematisch. Zum einen hätten andere Variablen wie Zinsen, Inflation und Stornierungen auch einen Einfluss auf die Kosten. Sie seien aber nicht relevant für die Frage, ob die Beiträge angepasst werden dürfen. Zum anderen kritisiert die DAV die isolierte Betrachtung der auslösenden Faktoren. Auf diese Weise würden Schwellenwerte teilweise über Jahre nicht erreicht. „Dies führt dazu, dass Beitragsanpassungen oft erst spät durchgeführt werden dürfen und dann hoch ausfallen“, betont DAV-Chef Roland Weber.

Um das zu verhindern, solle auch der Faktor Zins berücksichtigt werden, sodass Änderungen des Zinsniveaus zeitnah in die Beiträge einfließen. „Diese Anpassung an die neuen Kapitalmarktverhältnisse wäre ein entscheidender Schritt, das PKV-System zukunftssicher zu machen“, sagt Weber mit Blick auf das Dauerzinstief. Im Ergebnis würden die Erhöhungen moderater ausfallen und wären für die Versicherten nachvollziehbarer. Das bestätigt eine bisher nicht veröffentlichte Umfrage im Auftrag des PKV-Verbands: 64 % der Befragten wünschten lieber kleinere jährliche Erhöhungen als größere Schritte alle paar Jahre.

Nach Auffassung der Versicherungsmathematiker würde eine Beitragsglättung auch bedeuten, dass die Produktgeber frühzeitiger Einnahmen erzielen, die sie am Kapitalmarkt anlegen können. Dadurch könnte ein Teil der für die Beitragsermäßigung im Alter zur Verfügung stehenden Mittel eher angespart werden und dadurch höhere Zinsgewinne für die Kunden erzielen.

Dafür müssten die Unternehmen in kurzfristigere und riskantere Wertpapiere investieren, denn langfristige Anleihen mit guter Bonitätsnote bringen kaum Zinsen. Eine Alternative sind Aktienfonds. Doch ein Blick in die Statistik der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zeigt, dass die Krankenversicherer das Geld ihrer Kunden fast ausschließlich in festverzinsliche Wertpapiere anlegen.

Eine Hinwendung zu alternativen Anlagen wäre wichtig, weil die Zinsflaute bei Anleihen ein Treiber für Beitragserhöhungen ist. Die Krankenversicherer legen ihren Kalkulationen einen unternehmensspezifischen Rechnungszins zugrunde. Höchstens ansetzen dürfen sie laut Gesetz 3,5 %. Erreicht der einzelne Anbieter mit seinen Kapitalanlagen diesen Wert nicht, muss er seinen Kalkulationszins senken. Genau das geschieht im Dauerzinstief. Die Kölner Ratingagentur Assekurata hat festgestellt, dass die Anbieter ihre Beiträge im Durchschnitt nur noch mit 2,9 % kalkulieren. Wenn die Kapitalerträge sinken und die Leistungen garantiert sind, was in der PKV im Gegensatz zur gesetzlichen Krankenversicherung der Fall ist, müssen die Beiträge steigen. Da ein deutlicher Anstieg des Zinsniveaus nicht absehbar ist, sind weitere Beitragssprünge vorprogrammiert.