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Mittwoch, 20. Februar 2019

Biogas

Neue Perspektiven

Von Thomas Gaul | 10. Januar 2019 | Ausgabe 01

Für die Anlagenbetreiber ergibt sich durch das zu Jahresbeginn in Kraft getretene Energiesammelgesetz erstmals wieder ein Lichtstreif am Horizont

w - Biogas BU
Foto: imago/Jochen Tack

Der Fachverband Biogas geht davon aus, dass 2021 ungefähr 1000 Anlagen aus der Förderung durch das EEG fallen.

Branchenkenner prognostizieren der Biogasbranche schwierige Zeiten. 2019 werde „ein Schicksalsjahr“, sagt Horst Seide, Präsident des Fachverbands Biogas. Unter anderem seien die Preise für Biomasse als Folge der Dürre im Sommer 2018 stark gestiegen.

Die Rahmenbedingungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sorgen für Unzufriedenheit. „Wir wollen schon gerne investieren“, betont Seide, der selbst in Niedersachsen mehrere Biogasanlagen betreibt. Er vermisst aber ein klares politisches Statement zum Klimaschutz. Werde der unklare politische Kurs fortgesetzt, so Seides Botschaft, drohe der funktionierende Biogaspark sukzessive abgeschaltet zu werden. Damit stünden Wertschöpfung und wirtschaftliche Perspektiven für Landwirte auf dem Spiel, die Nutzung von Wärme aus Biogas in den Dörfern und die Chance auf mehr Klimaschutz im Verkehr durch Biomethan als Kraftstoff.

Die Perspektiven verbessern sich: Zum 1. Januar 2019 ist das sogenannte Energiesammelgesetz in Kraft getreten. Damit ist der Gesetzgeber den Forderungen der Bioenergieverbände ein Stück weit entgegengekommen.

So wird es jährlich zwei Ausschreibungsrunden geben, jeweils zum 1. April und zum 1. November. Das Ausschreibungsvolumen bleibt erhalten und wird auf die beiden Runden aufgeteilt. Das künftige Ausschreibungsvolumen für Biomasseanlagen hat nicht zuletzt erhebliche Auswirkungen darauf, ob Deutschland das von der Regierungskoalition gesteckte Ziel erreicht, 2030 einen Erneuerbare-Energien-Anteil von 65 % realisieren zu können.

Biogas bietet Chancen für die Bauern, ihre Klimaschutzaktivitäten zu verstärken. Ansatzpunkt ist die Vergärung von Gülle. Das Treibhausgas Methan würde so für die Energieproduktion genutzt, statt in die Umwelt zu entweichen.

Eine besondere Förderung über eine höhere Stromvergütung gab es aber bislang nur für kleine Gülleanlagen mit 75 kW installierter Leistung. Damit aber können die Potenziale der Güllevergärung nicht gehoben werden. Denn diese Anlagen sind zu klein, um die Güllemenge zum Beispiel eines größeren Milchviehbetriebs zu vergären.

Es bedarf also neuer Instrumente, um die Güllevergärung anzureizen. „Das neue Marktdesign muss mehr Anreize für Gülleanlagen bieten“, sagt Seide. Erst danach stelle sich die Frage, ob die Energie für Strom, Wärme oder Mobilität verwendet werde. Das Energiesammelgesetz bessert nach: Die Güllekleinanlagenklasse von 75 kW installierter Leistung wird auf 75 kW Bemessungsleistung umgestellt. Die installierte Leistung darf maximal 150 kW betragen.

Zahl der Anlagen steigt: Nach Angaben des Fachverbands Biogas ist die Anzahl der Anlagen 2018 im Vergleich zum Vorjahr von 9331 auf 9454 Anlagen in Deutschland gestiegen. Sie erzeugen insgesamt knapp 33 TWh Strom – eine Menge, die dem Verbrauch von 9,4 Mio. Haushalten entspricht.

Ob sich dieser Anlagenpark halten lässt, hängt auch vom Ergebnis der sogenannten Kohlekommission der Bundesregierung ab, betont Seide. Wenn die Perspektive stimme, würden sich die meisten Anlagenbetreiber für ein „Weitermachen“ nach 2021 entscheiden, ist sich der Verbandspräsident sicher. Jetzt werde über die Energieversorgung der Zukunft entschieden, macht Seide deutlich: „Wer macht künftig den sicheren Strom, wenn wir nach der Atomenergie auch aus der Kohle aussteigen?“

Seit der letzten Novellierung des EEG gibt es keinen festgeschriebenen Betrag zur Stromvergütung. Seine Höhe wird seitdem über Ausschreibungen geregelt. Der Höchstgebotspreis beträgt derzeit 14,58 Cent/kWh für Neuanlagen bzw. 16,56 Cent/kWh für Bestandsanlagen. Zu diesen Konditionen lässt sich kaum eine Biogasanlage wirtschaftlich betreiben. Deshalb nahmen an den ersten beiden Ausschreibungsrunden auch nicht viele Betreiber teil: Von den ausgeschriebenen 225 MW wurden gerade einmal 77 MW abgerufen.

Die meisten aktiv betriebenen Anlagen erhalten die feste EEG-Vergütung. Das im April 2000 in Kraft getretene EEG garantiert einen festen Stromabnahmepreis für 20 Jahre. Da die meisten Anlagen im Zeitraum von 2004 bis 2006 in Betrieb gegangen sind, haben sie noch einige Jahre Laufzeit zu den besseren Konditionen vor sich.

Der Fachverband Biogas geht davon aus, dass 2021 ungefähr 1000 Biogas-Anlagenbetreiber aus dem EEG fallen. Wie viele ihre Anlage auch über diesen Zeitraum hinaus betreiben möchten, ist noch ungewiss. Wer dabei bleiben möchte, muss sich jetzt entscheiden, welchen Weg er einschlagen möchte.

Zukunft der Biogasanlagen liegt in der Flexibilisierung: Wenn die Anlagen nur noch in jenen Stunden laufen, in denen an der Strombörse die höchsten Preise erzielt werden, kann im großen Maße Ausgleichsenergie für die unsteten Einspeisungen aus Wind- und Solarenergie bereitgestellt werden.

„Würde der gesamte Anlagenbestand ‚geflext‘, könnten wir 2030 etwa 20 000 MW flexible Leistung zur Verfügung stellen“, weiß Jaqueline Daniel-Gromke vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ). In Deutschland laufen derzeit 3300 Blockheizkraftwerke im flexiblen Betrieb, berichtet sie, und können eine Leistung von 2 GW bereitstellen. Vorrangig stehen sie in Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Kritisch sehen die Bioenergieverbände die Absenkung des sogenannten Flexdeckels auf 1000 MW. Dieser begrenzt die Förderung für eine Umstellung der Biogas- und Biomethananlagen auf einen flexiblen Anlagenbetrieb. Somit drohen Potenziale für eine flexible Absicherung der Energieversorgung ungenutzt zu bleiben.

Der Fachverband Biogas und der Biogasrat hatten sich für den Erhalt der Flexibilitätsprämie für Bestandsanlagen, die im Ausschreibungsverfahren erfolgreich waren, und für die Aufhebung des Flexdeckels für Bestandsanlagen stark gemacht. Die flexible, nachfrageorientierte Energiebereitstellung aus Biogas- und Biomethananlagen könne die Kosten für den Redispatch senken; Damit wird der kurzfristige Einsatz von Kraftwerken bezeichnet, um Netzengpässe zu vermeiden. Zudem ließe sich so der Umfang des Stromnetzausbaus reduzieren; das wirke sich entsprechend auf die Netzausbaukosten und die resultierenden Netzentgelte aus.