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Mittwoch, 20. Februar 2019

Energiewirtschaft

Neue Zuversicht für Gaswirtschaft

Von Manfred Schulze | 11. Oktober 2018 | Ausgabe 41

Erdgas wird grüner und selbst zur Rohstoffquelle.

w - HB Tagung BU
Foto: imago/blickwinkel

Wird in Zukunft gebraucht: neue Erdgasfernleitung, wie das Projekt Monaco von Burghausen nach Finsing.

Die Rolle von Erdgas in der deutschen Energiepolitik galt in den letzten Jahren als nicht eindeutig geklärt: Einerseits wurde Methan die Rolle eines Ersatzbrennstoffes für Kohle zugeschrieben, weil es im Vergleich bei der Stromerzeugung weniger Treibhausgase emittiert. Zudem lassen sich die Kraftwerke flexibel fahren und liefern auch Strom an Tagen ohne Sonne und Wind. Zum anderen aber stand auch im Raum, dass die Ressourcen endlich sind und letztlich auch große Mengen CO2 in die Atmosphäre gelangen – ein fossiler Brennstoff eben.

Die technisch bisher einzig mögliche Alternative wird daher langfristig im Aufbau von Power-to-Gas-Anlagen gesehen, die mit überschüssigem Strom aus Wind- und Sonnenenergie dezentral Wasserstoff erzeugen. P2G, wie es sich inzwischen als Kürzel durchgesetzt hat, beruht auf dem bekannten Elektrolyseverfahren und kann sogar in die umgekehrte Richtung erfolgen – nach dem Brennstoffzellenprinzip.

Hoffnung mit Hindernissen: Doch die Technologie hat zahlreiche Tücken im Detail. Ersichtlich ist das daran, dass es in Deutschland zwar viele mit Fördermitteln aufgebaute Pilotanlagen gibt, aber selbst in den an Windenergie reichen Bundesländern wie Brandenburg oder Niedersachsen so schnell keine rein kommerziell genutzten Anlagen gebaut werden dürften.

Auf der Handelsblatt-Jahrestagung Gas 2018 Ende September in Leipzig wurde die auf Wasserstoff gebaute Zukunft dennoch immer wieder betont. Die einst großen deutschen Gasimporteure sind seit Jahren in der Krise mit ihrem bisherigen Geschäftsmodellen. Andere verdienen ihr Geld vor allem mit dem regulierten Leitungsnetz sowie Systemdienstleistungen und suchen nach Auswegen.

Wasserstoff im Erdgasnetz: Dazu könnte in Zukunft auch die Einspeisung von „grünem“ Wasserstoff gehören. „Die Kopplung von Strom, Erdgas und Wasserstoff“ in einem hybriden System sieht beispielsweise der Vorstandschef der Leipziger Verbundnetz Gas AG, Ulf Heitmüller, als wichtige Säule der Energiewende. Das noch vor ein, zwei Jahren von einflussreichen Experten favorisierte Ziel einer durchgängig auf Elektrizität basierenden Versorgung sei aus Kosten- und Kapazitätsgründen hingegen keine Option.

Doch warum kommt die gute alte Elektrolysetechnik, die in der chemischen Industrie zuverlässig läuft, nicht in die Gänge – oder der Wasserstoff in die Pipelines? Da ist zum einen das deutsche Fördermodell für Ökostrom. Neue Ansätze wie die Energiespeicherung werden blockiert; Technologien wie P2G gelten als „Stromverbraucher“ und müssen als solche alle Umlagen und Steuern auf den Strompreis zahlen. Also auch die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Thorsten Herdan, Abteilungsleiter Energie im Bundeswirtschaftsministerium, machte in Leipzig wenig Hoffnung, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändern werde. Eine Streichung oder wenigstens Reduzierung der Umlagen sei, so der Spitzenbeamte, schon aus Gründen des europäischen Wettbewerbsrechts eine unzulässige Subvention. Theoretisch denkbar sei aber eine generelle Umgestaltung der EEG-Förderung.

Politik schaut auf die Infrastruktur: Herdan spricht vom notwendigen Ausbau der Infrastruktur. Wichtige Projekte sind der Flüssigerdgas-Terminal in Brunsbüttel und die neue Eugal-Leitung vom Endpunkt der Nord Stream 2 bei Greifswald in Richtung Tschechien. „Diversifizierung der Infrastruktur ist wichtig, das ist auch die Meinung der Kanzlerin“, sagte Herdan mit Blick auf die US-Drohungen für den Fall, dass Deutschland seine Erdgasbezugsmengen aus Russland vergrößern sollte.

Auch technisch macht P2G derzeit noch längst nicht alles, was sich die Gaswirtschaft davon verspricht. So sind die Verfahren bislang eher auf eine kontinuierliche Fahrweise optimiert – sie sollen aber vor allem den diskontinuierlich anfallenden Überschuss aus den Ökostromkraftwerken verarbeiten.

Doch gibt es inzwischen Pläne für größere Versuche wie am Fraunhofer-Zentrum von Leuna, wo das Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS) aus Halle an der Saale eine große Versuchsplattform aufbauen will. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) wären allerdings für eine komplette Grüngasproduktion in Deutschland mehrere Hundert Gigawatt Kapazität erforderlich. Das klingt unrealistisch, zumal diese Anlagen dann mit Überschussstrom bedient werden müssten.

Erdgasförderer wollen „grünes“ Gas und Wasserstoff: Auch aus Russland und den arabischen Staaten kommen Signale, künftig Wasserstoff in die Pipelines oder Tankschiffe zu pumpen. Gazprom hat auf der diesjährigen Offshore-Messe ONS im norwegischen Stavanger angekündigt, ein Hydrogenprojekt zur Aufspaltung von Methan in H2 und Kohlenstoff auf den Weg zu bringen.

Ähnliches kündigen die Norweger an: „Bis 2050 werden wir schrittweise den CO2-Ausstoß um 95 % verringern“, kündigte Margrethe Snapa von Equinor in Leipzig an – nachdem sie zunächst neue Rekorde bei den Exportmengen von Erdgas in diesem Sommer vermeldet hatte.

Technische Grundlage für die Aufspaltung von Methan könnte ein Dampf-Reforming-Prozess sein, wobei gleichzeitig die zurzeit nur mit hohem Energieaufwand herstellbaren Carbonfasergrundstoffe entstehen. Zudem bieten die Norweger an, auch für andere Länder CO2 abzunehmen. Das Treibhausgas könnte in die leer gepumpten Gaskavernen unter der Nordsee eingelagert werden, die Finanzierung würde über die Zertifikate erfolgen.

Energetisch und ökologisch im Vorteil sind bei Projekten zur Methanspaltung vor allem Förderländer in den südlichen Gefilden, wo auch Solarstrom reichlich anfällt, die das dann voraussichtlich deutlich billiger können als in Deutschland laufende Hydrolyseure.

„Wir werden uns damit abfinden müssen, nicht unseren gesamten Energiebedarf selbst produzieren zu können“, sagte Herdan. „Aber die Technologie sollten schon die deutschen Ingenieure entwickeln und bauen.“