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Freitag, 22. Februar 2019

Kernenergie

Organisationsarbeit besonderer Güte

Von Eckart Pasche | 15. November 2018 | Ausgabe 46

Der Weg vom Kraftwerksbetrieb zum Rückbauprojekt ist gespickt mit Herausforderungen.

BU Pasche
Foto: dpa Picture Alliance/Thomas Frey

Abbruchzange am Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich in 160 m Höhe.

Mit dem Beschluss zum gesetzlichen Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie sei „der Geist aus der Flasche gelassen worden“, sagte Gerrit Niehaus, Leiter der baden-württembergischen Atomaufsicht und Genehmigungsbehörde, in der Expertendiskussion der International Conference on Nuclear Decommissioning (Icond), Anfang November in Aachen.

Weniger als 1 % der Masse eines Leichtwasserreaktors sei als radioaktiver Abfall zu entsorgen, erläuterte Stephan Krüger, Performance Manager der PreussenElektra GmbH. Die großen Mengen aus dem Abriss der Gebäude könnten als gewöhnlicher Bauschutt entsorgt werden. Hier stünden die Kraftwerksbetreiber allerdings vor dem gleichen Problem wie die konventionelle Wirtschaft. Es gelte genügend Deponieraum zu finden, ergänzte Thomas Volmar, Leiter des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich. Zusätzlich werde die Glaubwürdigkeit der Freigabe von vielen infrage gestellt, weiß Niehaus.

Trotz aller Logik sei das Thema schwer zu kommunizieren, so dass es Kommunalpolitiker und Deponiebetreiber lieber nicht angingen. Einen Rechtsanspruch auf die Verbringung des Abfalls auf eine Deponie durchzusetzen, könne Jahre dauern, ergänzte Bruno Thomauske, Professor für Nuklearen Brennstoffkreislauf an der RWTH Aachen.

Dass die Genehmigungsbehörden in den Bundesländern Stilllegungs- und Rückbauanträge verschieden behandelten, bezeichnete Krüger als „Föderalisieren der Naturgesetze“. Denn alle Konvoi-Kraftwerke böten einheitliche Voraussetzungen, sie seien gleichartige, standardisierte Anlagen.

Solche Kritik wies Niehaus zurück. Hier gebe es individuelle Unterschiede, die Landesbehörden berücksichtigen müssten. Nicht diese reagierten unterschiedlich, sondern die Betreiber böten nicht vergleichbare Konzepte an. Für die Behörden sei es viel aufwendiger, Anträge zu prüfen, als laufende Anlagen zu beaufsichtigen. Er sieht die Politik in der Pflicht, die Bundesaufsicht zu stärken. Um Länderunterschiede zu nivellieren, schlug Thomauske vor, Ergebnisse von Prüfungen in anderen Länder einfließen zu lassen, grundsätzliche Verfahren und Messungen allgemein anzuerkennen.

Know-how aus dem Rückbau exportieren? Eine Chance, die als gering eingeschätzt wird – zu individuell sei das Vorgehen in den einzelnen Anlagen. Auch die Gesetzeslage sei komplex. „Das juristische Know-how ist so speziell gebastelt, dass im Ausland kein Interesse besteht“, sagte Niehaus. Rückbau benötige anlagenspezifische Kenntnisse, die sich nicht exportieren ließen, ergänzte Thomauske.

Als Mitglied der sogenannten Endlagerkommission wies er darauf hin, dass es keinerlei Fortschritte bei der Suche nach einem Standort für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle gebe. Es müsse von viel längeren Zeiträumen ausgegangen werden. Vor 2080/2090 sehe er keinen Endlagerbetrieb.

Ähnliches gelte für Konrad, das für schwach- und mittelradioaktive Abfälle ausgewählte Endlager. Selbst wenn es in den 2020er-Jahren eröffnet würde, könne es seinen Betrieb nicht aufnehmen, denn es gebe heute keine Abfälle, die für eine dortige Einlagerung konditioniert seien. So wird ein zentrales Zwischenlager gefordert. Es soll aus politischen Gründen nicht in Niedersachsen liegen. Doch andere Länder rissen sich auch nicht darum.

Auch wenn PreussenElektra und RWE unterschiedliche Rückbaustrategien entwickelt haben. Einig zeigten sich Krüger und Volmar darin, dass hier klassisches Fabrikmanagement gefragt sei, das nichts mit Kerntechnik zu tun habe. Aus den Erfahrungen in Würgassen und Stade sei die Strategie für die weiteren Anlagen mit den Stakeholdern abgestimmt worden.

Die langfristige Planung besage, dass der industrielle Rückbau von der eigenen Mannschaft, die ihre Anlagen bestens kenne, gesteuert, aber nicht selbst durchgeführt werden solle. Das Ende zu organisieren, sei keine Erfolgsgeschichte. Das Personal müsse reduziert, aber auch neues eingestellt werden.