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Mittwoch, 20. Februar 2019

Frachtverkehr

Rohrpost aus Hamburg

Von Wolfgang Heumer | 7. Februar 2019 | Ausgabe 06

Die Hinterlandverbindungen sind die Achillesferse der deutschen Seehäfen. Die Hamburger Hafen und Logistik AG prüft nun, ob sie Container in einer gigantischen Rohrpost – dem Hyperloop – verschicken kann.

BU Hyperloop
Foto: HHLA/Martin Elsen

Die Bahngleise aus und in den Hamburger Hafen sind an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen. Das Hyperloop-Projekt soll Abhilfe schaffen.

Die Staus auf den Autobahnen und Schienenwegen rund um den Hamburger Hafen können künftig möglicherweise mithilfe eines visionären Projektes des US-amerikanischen Unternehmers Elon Musk (Tesla) umgangen werden. Ab 2021 will die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) in einem Praxisprojekt gemeinsam mit dem US-Unternehmen Hyperloop Transportation Technologies (HTT) erproben, ob sich Container mithilfe einer Art Riesenrohrpost aus dem Hafen ins Hinterland befördern lassen.

Stichwort „Hyperloop“

Das Hyperloop-Prinzip ist bislang für den Personentransport gedacht, bei dem Passagiere in Spezialkapseln z. B. mithilfe einer Magnetschwebebahn nahezu mit Schallgeschwindigkeit durch teilvakuumierte Röhren fahren. HTT will im Jahr 2019 im südfranzösischen Toulouse eine zunächst 320 m lange Teststrecke für den Passagiertransport in Betrieb nehmen. Im August hatte der HTT-Mitbewerber Virgin Hyperloop One des Multimilliardärs und Luftfahrtunternehmers Richard Branson angekündigt, 500 Mio. € in ein Test- und Entwicklungszentrum in Spanien zu investieren. Elon Musk lässt derweil unter dem Dach seines Raumfahrtunternehmens Space X Hochschulen und Studenten aus aller Welt an seiner Vision arbeiten.

Das Vorhaben in Hamburg ist den Angaben von HHLA und HTT zufolge der weltweit erste Versuch, Fracht per Hyperloop zu versenden. „Technisch macht es keinen großen Unterschied, ob man in einer Kapsel 28 Personen oder einen Container befördert“, ist der in Deutschland geborene HTT-Chef Dirk Ahlborn überzeugt. Geklärt werde müsse dagegen noch das Handling im Hafen selbst. HHLA und HTT wollen im kommenden Frühjahr mit dem Bau einer Übergabestation und einem 100 m langen Hyperloop-Tunnelsegment beginnen.

Voraussichtlich wird diese Station auf dem Containerterminal Altenwerder entstehen. Auf dem einzigen weitgehend automatisierten Umschlagplatz in der Hansestadt werden die Container bereits jetzt mit autonomen Transportfahrzeugen zwischen den Schiffen und den Lagerplätzen im hinteren Terminalbereich transportiert. Von 2021 an soll der Versuch zeigen, wie Container direkt vom Schiff aus in Hyperloop-Kapseln gestellt und von diesen autonom zur Übergabestation und in den Tunnel gefahren werden. Über ein gemeinsames Unternehmen haben Hafenbetreiber und Hyperloop-Planer 7 Mio. € für das Projekt bereitgestellt.

Wohin eine Hyperloop-Strecke für den Containertransport über die Hafengrenze hinaus führen könnte, ist noch offen. „Das ist noch nicht Gegenstand dieses Versuches“, betonte die HHLA-Vorstandsvorsitzende Angela Titzrath bei der Vorstellung vor wenigen Wochen. Der HTT-Chef Ahlborn zeigte dazu allerdings Skizzen, in denen die Hyperloop-Tunnel nur über kurze Strecken ins Hafenhinterland führen. Derzeit ist eines der größten Probleme des Hamburger Hafens, die dort angelandete Fracht schnell und zuverlässig aus dem Hafen zu bekommen.

Die Straßen rund um die Hansestadt gelten als größte Staustrecke Deutschlands – laut ADAC summierten sich die Staus allein auf der Autobahn A 7 in 2017 auf eine Länge von mehr als 20 000 km. Auch die Bahngleise aus und in den Hafen sind an ihre Kapazitätsgrenze gekommen. Nach mehr als 20 Jahren Planung und Diskussion war 2015 der Bau einer neuen Güterverkehrsstrecke verworfen worden. Stattdessen sieht der Bundesverkehrswegeplan 2030 den Ausbau der bestehenden Eisenbahnlinien nach Hannover und Bremen vor.

Wegen der langwierigen Genehmigungsprozesse spricht Ahlborn davon, „bestehende Wegerechte“ neben Autobahnen, Schienen und Überlandleitungen für den Bau von Hyperloop-Strecken nutzen zu wollen. Die notwendigen technischen Standards und Vorschriften für den Bau von Hyperloop-Fahrzeugen und -tunneln diskutiert HTT derzeit mit dem TÜV Süd. Ergebnisse sollen im Frühjahr 2019 vorgelegt werden. Erste Verträge für den Bau von kommerziellen Hyperloop-Strecken hat HTT nach eigenen Angaben mit China, Abu Dhabi und der Ukraine abgeschlossen. Ob und wie die Technik funktioniert, soll in Toulouse erprobt werden. In Spanien lässt HTT derzeit eine erste Kapsel in Originalgröße bauen; das 32 m lange und 5 t schwere Gefährt soll ab Mitte 2019 in der Nähe von Toulouse durch eine 320 m lange Röhre rasen, die später noch um 1000 m ergänzt wird.

Mitbewerber Virgin Hyperloop One hat bereits im Juli 2017 die erste Testfahrt einer Hyperloop-Kapsel absolviert. Auf der 500 m langen Teststrecke in der Wüste von Nevada erreichte das Fahrzeug eine Geschwindigkeit von 310 km/h. Derzeit gibt das Unternehmen die erreichte Höchstgeschwindigkeit mit etwas weniger als 400 km/h an. Virgin Hyperloop One plant vor allem den Bau von Schnellbahnstrecken in den USA. Sowohl HTT als auch Virgin Hyperloop One lassen ihre Kapseln auf einem statischen Magnetfeld schweben und dann von einem Linearmotor vorantreiben.

Die 2003 von Elon Musk entwickelte Vision der schnellen Magnetschwebebahn sieht Geschwindigkeiten von bis zu 1100 km/h vor. Musks Unternehmen Tesla und Space X arbeiten selbst nicht an der Verwirklichung der Gedanken ihres Gründers, sondern fördern lediglich die Auseinandersetzung mit der Technologie an Universitäten und Hochschulen. Alljährlich richtet Space X einen Studentenwettbewerb aus, den im Sommer 2018 zum dritten Mal das Team der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt (Warr) der Technischen Universität München gewann. Ihre Modellkapsel erreichte auf der rund 30 m langen Schwebebahn 467 km/h.